Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1878)
- Date
- 1878-06-04
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
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354 Einblick in die Verschiedenheit deS Geistes um die Zeit des ersten wie des zweiten Falles Jerusalems, als eine Vergleichung jener oben angeführten Schriftstellen und deffen, was uus von Männern überkommen ist, welche dem letzteren beigewohnt. Wir hören da keine Klage, keinen Ausdruck der Trauer, nichts dringt zu uns, was den tragischen Inhalt dieser Zeit verräth. Nur das Werk LeS Gesetzesstudiums wird fortgesetzt und aus den Beobachtungen des ganz gewöhnlichen Lebens dieser und jener Kernspruch geformt, der ebensogut jeder anderen Zeit hätte angehören können. Auch ArchimedeS rief dem römischen Soldaten, der in feine Vaterstadt verheerend eingedrungen, entgegen: „Zertritt mir meine (mathematischen) Kreise nicht!" Aber dieser Archimedes hatte doch mit allen Kräften feines erfinderischen Geistes die Stadt unermüdlich viele Monate vertheidigt und vergoß nun sein Herzblut über den Trümmern derselben. Indem nämlich die Pirke-Aboth zum zweiten Male an Hillel (U, 5) anknüpfen, fahren sie mit veffeu Schüler Jochanan b. Saccai fort, und berichten von deffen fünf Schülern, die zu seinem nächsten Freundeskreise gehörten. Dies war der Jochanan b. Saccai, welcher gegen Ende der Belagerung Jerusalems die Stadt zu verlaffen und vom römischen Feldherrn die Erlaubniß zu erlangen verstand, in Jamnir ein neues Lehrhaus zu begründe», eia unsterbliches Verdienst, da auf diese Weise der geistigen Thätigkeit und Entwickelung unmittelbar eine neue dauernde Pflanzstätte und eine ununterbrochene Ueberlieferung geschaffen wurde. Und was erhalten wir nun als Kernspruch des geistvollen Mannes, der solchen Sturm durchlebt, so bitteres Geschick erfahren und so Bedeutungsvolles geleistet hat? „Hast du viel Thora gelernt, so bilde dir darauf nichts eia, denn dazu wurdest du geschaffen". Wir erkennen hieraus die edle Bescheidenheit des Mannes, aber auch daß das Gesetzesstudium allein seinen ganzen Geist ausfüllte, und wir könnten den psychologischen Schluß ziehen, daß er, weil ihm dieses als das ganze und höchste Ideal erschien und er daher nur dieses gerettet haben wollte, die unseligen Vorgänge seiner Zeit und selbst das traurige Geschick seiner Nation mit einer gewiffen Ruhe ansah. Daß er neben dem Gesetzesstudium ein großes Gewicht auf die gemüthliche und sittliche Entfaltung legte, erkennen wir aus den Fragen, die er seinen fünf Lieblingsschülern vorlegte, nämlich: „Welches ist der rechte Weg, an welchem sich der Mensch halten soll?" und Welches ist der schlechte Weg, von welchem sich der Mensch entfernen soll?" Die Antworten seiner Junger zeigen, daß unter „Weg" das wirksamste Mittel zum Guten oder zum Bösen zu verstehen ist. Der erste antwortete: „ein wohlwollendes Auge uud ein neidisches Auge"; der zweite: „ein wahrer Freuud und ein falscher Freund"; der dritte: „ein guter Nachbar und ein böser Nachbar"; der vierte: „die Folgen einer Sache vorauszuerwägen uud Borgen und nicht bezahlen"; der letzte, R. Eliesar d. Aroch: „ein gutes Herz und ein böses Herz". R. Jochanan gab dem Ausspruch deS Letzteren in beiden Fällen den Vorzug, weil in deffen Wort die der Uebrigen enthalten feien. An sich sind diese Antworten sehr einfacher, fast platter Natur, wie wir sie von so großen Meistern dialectischer Forschung kaum erwarteu. Aber sie sind von großem Werthe, weil sie zeigen, daß die Gesetzeslehre jener Zeit noch lange nicht in den starren Formalismus sich versenkt hatte, an welchem der spätere Rabbinismus litt, der die Frage des R. Jochanan dahin beantwortet hätte, daß man das Gesetz kenne und ausübe. Im Gegentheil erweisen uns diese Fragen und Antworten, daß der gedachte Meister und seine Junger die Anschauung theilten, die Gesetzeskunde und die Ausbildung der Intelligenz überhaupt müffe von einer wahrhaften Herzensbildung, von einer liebevollen und zarten Gefühlsweise gettagen werden, um zu dem höheren sittlich religiösen Ziele zu führen. — Biel tiefere Einblicke in die ethische Sphäre dieser Männer eröffnen sich uns, wenn wir die Wahrfprüche, die sie selbstständig kundgaben, in's Auge faffen. Bor Allem Eliesar b. Hyrcan, welcher „das wohlwollende Auge" gerühmt, und nun sprach: „die Ehre deines Nächsten sei dir so theuer wie die deinige und sei nicht zum Zorne geneigt; kehre eineu Tag vor deinem Tode um"; (Buße und Befferung stehen also jeder Zeit dem Menschen offen; da er aber die Zeit seines Todes nicht keuut, so muß er alsbald sich der Umkehr zuwenden); „wärme dich am Lichte der Weifen, komme aber ihren Kohlen nicht zu nahe, daß du dich nicht verbrennest, denn ihr Biß ist der eines Fuchses, ihr Stich der eines Skorpions, ihr Zischen wie von einer giftigen Schlange, und alle ihre Worte wie brennende Kohlen". Dieser letzte Satz ist gewiß einer der auffälligsten der ganzen Sammlung. Um ihn richtig zu erfaffen, müffen wir damit den Ausspruch Eliesars b. Aroch verbinden (II, 19): „Sei wachsam im Studium des Gesetzes, wisse was du den Gottesleugnern zu erwidern habest, wiffe, wessen Sache du vertheivigst, und daß der Herr deiner Arbeit dir den Lohn deines Wirkens zahlet". Wir schauen also hier in einen Kampf nicht blos der Meinungen, sondern der schroffen Gegensätze hinein; von der einen Seite die treuen Anhänger der Gotteslehre, des geoffenbarten Gesetzes und der Forschung in ihm — von der anderen die Epikorßim, Gottesleugner, die den Materialismus auch für das sittliche Leben predigten und vas Gesetz verwarfen. Auch diese letzteren waren hervorgegangen aus den Lehrhäusern der Weisen, aber sie hatten nur das Gift der Sophistik darausgezogen uuv wandten ihre Kenntniß der Lehre nur dazu an, um diese mit ihren dialectischen und sophistischen Künsten zu untergraben und zu beseitigen. Daher einerseits die Warnung des einen Eliesar: sich am Feuer der Weisen zu wärmen, das Licht derselben in sich aufzunehmen, aber vorsichtig auS ihren Worten nicht Zweideutigkeiten und Zweifel, hernach gar Gründe des Unglaubens zu ziehen; andrerseits die Aufforderung des zweiten Eliesar, auch die Einwände der Gottesleugner zu kennen, um ihre Widerlegung anzutreten, sich hierzu mit dem Aufblick zu Gott zu begeistern, wobei dann die Bergeltungslehre wieder zum Vorschein kommt, was bei dem harten