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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-04 · Heft 23 (4.6.1878) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 23 (4.6.1878)
Date
1878-06-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iu-enlhums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Vertag von Baumgärtner's Bnchhandlnuq in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. wende «um fich an vr. i. Philipps»» in Bonn: dinfichUich der Inserate an S. Stoffe in Leipzig und dessen Filialen in Berlin. BrcSlau rc. Lnstrate, welche bi« vo-lltrstay eingchcn. finden in der dar» anfsolgendea Nummer BerLSfichtigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bi« 2'/, Bogen. Prei« Bierteliähria 3 Diart. Inserate werden mit 2b P s. snr die Petitzeile oder deren 42. Jahrgang. Leipzig, den 4. Juni 1878. JS? 23. Inhalt. Leitende Artikel: Die Moral der Pirke-Aboth. IN. — Die Rumänischen Handelsverträge. II. — Der Congreß. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Ans der Provinz Posen. Danzig. Leobschütz tOberschlefien). — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Belgien: Brüssel. — Großbritannien: London. — Türkei: Konstantinopel. — . rf* na* ^cru^ctn* — Amerika: Savannah. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Sir Francis Henry Goldimid. — Bermischtes: oCelteiü)e- CLxhkeX. Bonn, 29. Mai. Die Moral der pirke-Äboth. III. Als Jerusalem unter der stürmenden Hand der Chaldäer gefallen war, saß Jeremias auf den Trümmern des Tempels und der Stadl und ergoß seinen Schmerz in jenen unsterblichen Klageliedern, die auf der Trümmerstätte selbst kurz nach den Tagen des Sturzes abgefaßt sein müssen. Denn die verödeten Straßen, die zerbrochenen Thore liegen vor seinem Blick, und alle Schrecken der Belagerung und der feindlichen Wuth sind seiner Seele gegenwärtig. Langsam erhebt sich der Geist des Sängers über das furchtbare Geschick seines Volkes und richtet sich auf zur Barmherzigkeit Gottes, „die neu ist an jeglichem Morgen" (3, 21 ff.) Uuterdeß schauete Ezechiel, fern im Lande des Exils am Strome Chebar, in ebenso großartigen wie wundersamen Visionen die „Herrlichkeit Gottes" auS dem Tempel ziehen (Cap. 10) und Stadt und Volk dem Untergang preisgeben; und wie er den Wellenbau in seinen Gesichten zu deuten suchte, so rang er nach einer Erklärung der gewaltigen Vorgänge der Geschichte, um mitten in der tiefen Trauer über das Mißgeschick der Nation die Gerechtigkeit Gottes und die dereinftige Wiederherstellung zu lehren und zu verkündigen. Suchen wir aber noch nach Tönen, die nach jenem unseligem Sturze unmittelbar aus der Volksseele hervordrangen, so hat uns ein günstiges Geschick den 137. Psalm aufbewahrt, der uns die Empfindungen der wahren Israeliten im Exil nachfühlen läßt. Ist er auch erst kurz nach der Rückkehr abgefaßt, so schildert er doch die Gefühle der Gefangenen, als sie im Lande der Verbannung angelangt waren: wie sie an den Ufern der Strome trauernd saßen, Zion's gedenkend; ihre Lieder waren verklungen, ihre Harfen stumm; in ihnen wühlte der Schmerz nm die verlorene Heimath und der Durst nach Vergeltung an den Verwüstern; weich und elegisch hebt der Klagegesang an, und mit rauher Härte bricht er ab in dem glühendem Rachedurst für solche Frevel! Und nun, nach dem zweiten Falle durch die Waffen des Römers, nicht nach einem unglücklichen Kampfe des Königs und seiner Großen mit dem Feinde, sondern nach dem furchtbaren Aufbäumen des Volkes gegen den tyrannischen Bedrücker, der die blutgettänkte Faust in das innerste Heiligthum der Nation gestreckt hatte? Wir suchen auch hier nach dem Schmerzensschrei der geistigen Führer, nach den Klagelauten aus dem Herzen des Volkes. Sahen sie nicht auch nach der Trümmerstatte jenes herrlichsten Tempels in Asien (Tacitus) und der Stadt, die zeitweise über anderthalb Millionen Menschen beherbergt hatte? Hörten sie nicht die Seufzer der Hunderttausende, die als Sklaven verkauft wurden um den niedrigsten Preis, weil ihrer zu viele waren auf dem Markte, nicht das Wehgeschrei der vielen Tausende, welche Titus („die Wonne des Menschengeschlechs"!) in allen größeren Städten den Raubthieren in der Arena preisgab? ... Nun, wir besitzen die Aussprüche einiger Männer, welche den Kampf und die Zerstörung und alle Wuth des Feindes mit durchlebt und überstanden hatten. Aber nichts giebt einen tieferen

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