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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-28 · Heft 22 (28.5.1878) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 22 (28.5.1878)
Date
1878-05-28
Page
Seite 347 (sequence 11)
Language
German
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347 solche Verblendung verirren, daß auch auf der liberalen Seite jeder Begriff von Freiheit und Menschenrecht verloren geht. Die Folge davon ist aber, daß die liberale Partei immer mehr Leuten in ihren eigensten und berechtigsten Interessen vor den Kopf stößt und sich selbst den größten Schaden zufügt. Man ist nämlich so weit gekommen, daß die Führer, und zwar die jüngeren, rer liberale» Partei einen wahren ParteivespotismuS ausüben und Jeden, der nicht unbedingt ihren Vorschriften folgt, der noch irgend eine andere Pflicht neben dem Gehorsam gegen sie anerkennt, verdammen und ausstoßen — wie sie es doch den Ultramontanen zum Vorwurf machen. Dies bewährte sich in den letzten Tagen durch eine Thatsache auffallendster Art. Das Wesen der hiesigen Begräbnißfrage, ihre Ursache, um dem Klerus den Einfluß zu entziehen, ihre ebenso unnölhige wie despotische Uebertragung auf den jüdischen Friedhof, den man trotz des Gesetzes vom Prairial des Jahres XU. durch bürgermeisterlichen Befehl schloß, der Protest des israelitischen Consistoriums, die Abschließung eines Contractes mit der Ortsgemeinde Nivelles über Bestattung jüdischer Leichen seitens des gedachten Consistoriums, alles dies ist in dieser Zeitung bereits so oft und so gründlich auseinanvergesetzt worben, daß wir es als bekannt annehmen können. Am 27. Mai finden nun allhier die Wahlen zum Provinzialrathe statt, desien Mitglied, und zwar ein wohlverdientes, seit 20 Jahren Herr Joseph Oppenheim ist, Präsident des israelitischen Consistoriums. In einer Vorversammlung der liberalen Wähler wurden gegen Herrn Joseph Oppenheim die Schritte denuncirt, welche er als Präsident des Consistoriums zur Befriedigung des religiösen Bedürfnifies seiner Gemeinde gethan. In einer zweiten Borversammlung am 10. Mai forderte ein gewiffer Splingard Herrn Oppenheim auf, zu erklären, ob die Angaben richtig seien, weil er in diesem Falle nicht mehr der Canvibat der liberalen Partei sein könne. Herr Oppenheim erkennt die Thatsache» als wahr an, und giebt in einer dreiviertelstündlichen Rede eine getreue Erklärung derselben ab. Er frägt, ob das Gesetz vom Prairial vom Jahre XU. existire oder nicht? Dieses Gesetz wird in sehr verschiedener Weise ausgelegt, und wenn ich, fügt er hinzu, 25 liberale Avvocaten frage, werden sie alle verschiedener Meinung sein. Es frägt sich also zu wisien, ob ein Präsident eines israelitischen Consistoriums die Rechte seiner Administrirten opfern dürfe? Ich glaube es nicht, und wenn die Sach« noch einmal zu thun wäre, würde ich ebenso handeln. Wäre nur noch ein Israelit übrig, müßte ich noch sein Recht achten. Meiner Meinung nach müßten die Liberalen Anhänger der Freiheit aller Culte sein. Im Arrondiffement von Brüffel giebt es eine große Anzahl von Kirchhöfen, wo nur Katholiken beerdigt werden. Wollen Sie, daß, was den Katholiken zugestanden ist, den Israeliten verweigert werde? So lange nicht ein Gesetz diese Frage geordnet haben wird, kann man mich nicht »öthigen anders zu handeln. Sobald Sie mir ein Gesetz werden zeigen können, können Sie überzeugt sein, daß die Israeliten sich denselben vor allen anderen unterwerfen werden. Loris Kevers meint, daß wenn Herr Oppenheim vollkommen richtig aus katholischem Gesichtspunkte gehandelt, er schlecht aus liberalem Gesichtspunkte gehandelt habe (ein schöner Liberalismus, der den ärgsten Gewissenszwang fordert! Redacl.) Oppenheim hatte offenbar das Recht, so zu handeln, aber die Liberalen haben auch das Recht, ihn nicht wieder zu ernennen (Beifall). (Das sollen Gründe sein! Redacl.) Diesen scharfsinnigen Argumenten fügte Splingard hinzu: „Ich bin der Erste, der sich vor religiösen Meinungen beugt (!!!), aber in dem Augenblicke, wo die Stadt Brüffel einen einzigen Friedhof geschaffen hat, auf welchem alle Confessionen unter einander gemischt werden, darf ein liberaler Provinzialrath sich nicht an unsere Gegner wenden. (Jede religiöse Meinung, jedes religiöse Gefühl soll also schweigen, sobald die liberalen Führer aus politischen Gründen, wie sie sie verstehen, befehlen, und das nennen sie „vor religiösen Meinungen sich beugen!" Red.) Es ist offenbar, fährt Splingard fort, daß wenn man den Israeliten das Recht bewilligt, einen besonderen Friedhof zu haben, man dies gleicher Weise den Katholiken gewähren muß. Wohin würden wir mit diesem System kommen? (Sobald man auch einen städtischen allgemeinen Friedhof hat, käme man mit diesem System gerade zum richtigen, zum amerikanischen, nach welchem, sobald polizeilich und savitärisch nichts dagegen einzuwenden ist, sobald den polizeilichen und sanitären Vorschriften genügt ist. Jeder einen Friedhof anlegen kann, wo er will! Red.) Die Candidatur des H. Oppenheim ist nicht aufrecht zu erhalten; man muß die Meinung der Majorität achten." Hierauf erwiderte O.: Man hat Unrecht, die Politik in einen rein religiösen Act hineinzumischen. Ich beharre darauf, daß ich mich nach Nivelles gewandt habe, weil man den Israeliten zu Brüffel den Friedhof genommen, den man den Katholiken bewilligt. Es sind die Katholiken und nicht die Israeliten, welche diese Frage erhoben haben. Niemals hat ein Israelit verweigert, zur Seite eines seiner Glaubensgenossen beerdigt zu werden, selbst wenn dieser ein Selbstmörder gewesen. Die Last, die Sie den Israeliten auferlegen, warum legen Sie sie nicht den Katholiken auf, die sich bestallen lasten, wo sie wollen? Wenn Sie mir eine Anklage aus dem Verfahren machen, welches ich als Verwalter eingehalten, so werde ich es um des Wahlkörpers willen bedauern, aber ich werde nicht die Rechte meiner Glaubensgenossen verlassen. — Die Candidatur des Herrn Oppenheim wurde mit einer großen Mehrheit verworfen. Wie ich schon bemerkt habe, gereichen solche Vorgänge der liberalen Partei zum großen Schaden. Erst kürzlich gestand mir eine Notabilität des Liberalismus zu, daß sich das katholische Ministerium in dieser Frage viel geschickter beweist, da es sie immer vermeidet, als die jetzigen Führer der liberalen Partei, welche sie in der verletzendsten Weise auf das Tapet bringen. Herrn Oppenheim gereicht die Festigkeit seines Benehmens zu großer Ehre, und werde ich auf seine Rede zurückzukommen mir erlauben. 22*

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