Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1878)
- Date
- 1878-05-28
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Posen, 14. Mai. Am 27. Mai findet in Krotoschin die alljährlich zusammentretende Conferenz der Rabbiner unserer Provinz statt. Die provisorische Tagesordnung enthalt Folgendes: Montag, den 27. Mai Abends 7 Uhr, findet die Vorversammlung statt. In derselben soll die Constituirung der Conferen; und die endgiltige Feststellung der Tagesordnung geschehen. Am Dienstag, den 28. Mai, beginnt, Vormittags 8 Uhr, die Hauptversammlung. Derselben liegt vor: Der Bericht über Beitrittserklärungen zum Religionslehrer-AuSbilvungs-Berein und Rechenschaftsbericht über bereits eingegangene Baarzahlungen. (Referent Di-. Jo öl-Krotoschin.) Ein ferneres Referat betrifft die Grundzüge eines Lehrplanes für Präparanden und Seminaristen. «Referent vr. Beck-Liffa, Correferent 0r. Koreff-Rawitsch.) An dieses Referat knüpft sich die Berathung über die definitive Constituirung des Vereins, Wahl des Vorstandes und der technischen Fachcommission. Ein drittes Referat wird Herr vr. Porges- Nakel über die Stellung der Rabbiner geben. Viertens steht auf der Tagesordnung ein Referat über die jüdischen Religionsschulen. (Referent vr. Hollander-Wreschen.) An dieses Referat knüpft sich eine Berathung über Grundzüge eines Memorandums, welches die Desiverien der jüdischen Bevölkerung in Bezug auf das Unterrichtsgesetz zusammenfaffen und dem Ministerium, beziehungsweise den Abgeordneten unterbreiten soll. Endlich liegen „Sonstige Anträge" vor. Oesterreich-Ungarn. Wien, 12. Mai. Die „Israelitische Allianz" zu Wien, bekanntlich ein selbstständiger, mit der Alliance in Paris in Verbindung stehender Verein hielt heute seine fünfte ordentliche Generalversammlung. Der vom Präsidenten Joseph Ritter von Wertheimer erstattete Bericht des Vorstandes über die Wirksamkeit des Vereins im Jahre 187 7 bespricht zunächst die gewaltthätigen Ausschreitungen der rumänischen Bevölkerung in Darabani gegen die dortigen Juden im Juni vorigen Jahres, aus welchen sich die Ansicht rechtfertige, daß die über die Juden Rumäniens verhängte Ausnahmsstellung dieselben rechtlos erscheinen laffe und den Gewaltthaten einer fanatischen Bevölkerung preisgebe; Weilers werden des Längeren die Leiden geschildert, welche nach Ausbruch des orientalischen Krieges durch die Blutgier der Bulgaren über die Juden in Kazanlik hereinbrachen. Der Bericht theilt nun mit, daß die „Israelitische Allianz" in Wien im Einklänge mit den gleichartigen Vereinen in London, Berlin und Paris den beschädigten Glaubensgenoffen in Rumänien außer anderen Hülfeleistungen auch die Mittel gewahrt habe, um im Rechtswege bei den rumänischen Gerichten ihre Entschädigungsansprüche geltend zu machen, und giebt die Unterstützungen bekannt, welche durch Vermittlung des Vereins den jüd. Flüchtlingen auS Bulgarien und Rumelien zugemittelt wurden und Ausgaben von mehr als 30,000 fl. verursachten. Bei dieser Gelegenheit spricht der Bericht dem Bukarester Hülfscomite für reffen Opferwilligkeit und weiter rer Donau-Dampfschifffahrt- Gesellschaft, der Südbahn und anderen Eisenbahn-Gesellschaften für die Liberalität, die sie bei Beförderung jütischer Flüchtlinge an den Tag gelegt, endlich den Wiener Journalen für deren thatkräftige Unterstützung der Humanitären Tendenzen des Vereins den Dank aus. Was speciell Rumänien betrifft, so hat im Sommer vorigen Jahres Minister Cogolnitscheanu dem Vereinsprasidium gelegentlich einer Besprechung die vorläufig theilweise Emancipation der rumänischen Juden in nicht ferner Zeit in Aussicht gestellt. Behufs Förderung des Schulwesens hat die Wiener „Allianz" für sieben Cultusgemeinden Subventionen im Gesammtbetrage von 900 fl. bewilligt. Der Vorstand bemerkt bei dieser Gelegenheit mit Bedauern, daß seine Bestrebungen zur Hebung des Erziehungs- und Gemeindewesens in Galizien bei der jüdischen Bevölkerung dieses Lances kein Entgegenkommen finden. Endlich hat der Verein behufs Förderung von Leistungen auf dem Gebiete der jütischen Literatur im verfloffenen Jahre Subventionen im Gesammtbetrage von 950 fl. gewährt. Der Verein zählt derzeit 468 Jahresmitgliever, 7 Stifter, 19 Gründer und 72 lebenslängliche Mitglieder. Nach Genehmigung des Jahresberichtes wird eine Statutenänderung angenommen, welche den Verein zur Errichtung von Filialen berechtigt, und wird rer Jahresbeitrag der Mitglieder deffelben gleich wie der Centrale mit 3 fl. festgesetzt. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder I. Ritter v. Wertheimer. Samuel Gottlieb, vr. A. Jellinek, B. Singer und Er. Wiener Ritter v. Welten wurden wiedergewählt. (Wir werden auf den detaillirten Bericht in nächster Nummer zurückkommen. Redaclion.) Frankreich. Lyon, 12. Mai. (Privatmitth.) Ein für unsre Zeit höchst charakteristischer Zug möchte wohl an dieser Stelle nicht mit Stillschweigen übergangen werden dürfen. Das französische Gesetz giebt den städtischen Behörden an den Orten, wo eine religiös gemischte Bevölkerung vorhanden, das Recht, die Processionen außerhalb der Kirchen zu verbieten. Ueber dieses Gesetz hat sich der katholische Klerus längst hinweggesetzt, das Processionswesen blüht in Frankreich ganz ungewöhnlich und rer Einfluß res Klerus war so groß, daß Niemand daran dachte, es zu beschränken. Unter dem gegenwärtigen Regime hat sich dies geändert, und von Marseille aus geht durch ganz Frankreich die Tendenz, daß die Gemeinderäthe solcher Ortschaften das Abhalten von Processionen außerhalb der Kirchen verbieten. Gleiches beabsichtigt der Gemeinderath von Lyon und der Erzbischof von Lyon macht die größten Anstrengungen, dies zu Hintertreiben. Sein erster Schritt war: an das israel. und das Protestant. Consistorium daS Gesuch zu richten, in dieser Angelegenheit „neutral" zu bleiben, d. h. die Absicht des Gemeinverathes ihrerseits nicht zu unterstützen, da sie