Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1878)
- Date
- 1878-05-28
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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339 und wo zugleich bald nach dem Taufact eine völlige Gleichgültigkeit gegen die angenommene Religion, gleich wie vorher gegen die anerzogene, sich manisestirt. In der Zeit, wo um die bürgerliche Gleichstellung, wo um Niederlasiungsrechl, freien Gewerbebetrieb, Eintritt in öffentliche Aemter noch hart gekämpft werden mußte, wo zugleich für die Juden die socialen Verhält - niffe noch sehr im Argen lagen, traten zahllose Fälle ein, wo der Betreffende den Conflict zwischen seinem religiösen Gewissen und dem Drucke seiner materiellen Lage nicht bestand, und er zu dem bereiten Mittel griff, um sich mit einem Male zu befreien. In Ländern, wo die Verhältnisse noch heute so liegen, wirken noch dieselben Beweggründe. Hierzu kam, daß in einigen Ländern von Seiten der Machthaber auch noch ein klingender Lohn ausgezahlt wurde, ein recht beträchtliches Pathengeschenk, daS für arme Schlucker nicht ohne Anziehungskraft war, und noch jetzt wird von gewissen Missionsgesellschaften das Elend armer Juden benutzt, um ihnen durch eine Fretstarr und den Unterhalt, wenigstens auf einige Zeit, den Weg zum liebertritt verlockend zu machen. Dies sind Thatsachen, die uns Niemand in dieser Frage geltend zu machen verdenken kann. Dort, wo die bürgerliche Gleichstellung seit längerer Zeit vollständig ist, kann man sich kaum noch einen Begriff machen, wie häufig die Ausschließung eine solche Wirkung hatte. Wir wollen nur ein einziges eclatames Beispiel anführen. Das preußische Edict vom 11. März 1812 enthielt in seinem § 8, daß fortan die Juden akademische Lehrämter erhalten könnten. In Folge dessen ergab sich eine Anzahl jüdischer Jünglinge solchen Sludienzweigen, in welchen sie einen akademischen Lehrstuhl besteigen konnten. Unter Liesen befand sich auch Eduard Gans, welcher schon während seiner Studien und in den nächsten Jahren durch seine literarischen Arbeiten, namentlich durch seine Geschichte des Erbrechts, die noch heute geschätzt wird, .einen großen Ruf erwarb. Als aber nun jener § 8 verwirklicht werden konnte und sollte, wurde er durch Cabinetsorvre vom 18. August 1822 einfach für aufgehoben erklärt. Damals verbanden sich mehrere dieser tüchtigen jüngeren und älteren Männer, von denen noch der ehrwürdige Leopold Zunz lebt, zu einem Verein „für Cullur und Wissenschaft der Juden", der auch 1822 und 1823 eine Zeitschrift herausgab, besonders auch um diese neuerstandene intolerante Tendenz zu bekämpfen. Eines der eifrigsten Mitglieder für die Vereinszwecke und die Zeitschrift war Eduard Gans, der eben auch persönlich interessirt war, weil er und mit gutem Gründe eine Professur zu erlangen strebte. Der Widerruf jener Cabinetsordre wurde nicht erreicht, und als sich dies erst unzweideutig herausgestelll — ging Gans kurzer Hand nach Paris, kehrte getauft zurück und erhielt eine ordentliche Professur an der Universität Berlin. Dieser Act war aber auch der erste und letzte, durch welchen er seine Hinneigung zum Christenthume bethätigte. Seine philosophische und juristische Richtung ist bekannt und sein Kampf für den confessionslosen Liberalismus zu notorisch, um einen Zweifel zuzulaffen. Dies ein Beispiel eines hochstehenden und eminent wissenschaftlichen Mannes, dem Hunderte in allen Dicasterien zur Seile standen. Wir sprechen in der Vergangenheit; indeß ist dafür gesorgt, daß es an gleichen Motiven noch heute nicht fehlt, wozu denn jetzt sociale Umstände, besonders auch Eheschließungen kommen. Und dennoch können wir unter Erwägung aller dieser Umstände die Glaubensfestigkeit und gewissenhafte Ueberzeugungstreue der Juden aufrichtig anerkennen und rühmen, da, alle Uebertrinsfälle zusammengenommen, doch nur eine Zahl hersauskommi, welche in dem ganzen Großen verschwindet und dem inlellectuellen, socialen, materiellen und numerischen Aufschwung der Juden keinen Abbruch that. Wie wir diese Erscheinung beurtheilen? Es versteht sich von selbst, daß wir allen derartigen, von äußeren Motiven bewirkten Uebertrittssällen auch nicht die geringste Zeugenschaft gegen das Judenthum und die Wahrheiten, die es vertritt, zuschreiben, und ebenso wenig für die Kirche, zu der übergetreten wird. Im Gegentheil gereichen sie der letzteren zu offenbarem Schaden. Denn wenn sie glaubt, was ihr die Uebertretenden nicht gewähren, gewinne sie an deren Kindern: so irrt sie darum, weil die Aufnahme einer Anzahl religionsloser Menschen, denen der Religionswechsel eben nur eine äußerliche Handlung ist, die Religronslosigkeit gefährlicher Weise vermehrt und die Heiligkeit deö Bekenntnisses und des Bekennen« in den Augen der eigenen Anhänger herabmindert. Was auch die Geistlichen nicht selten für Prunk mit den Taufacten von Juden getrieben haben, welchen Lärm die Missionsblätter von einzelnen ihrer Erfolge schlugen: in unsrer Zeit läßt sich die Wahrheit in den offenkundigen Erscheinungen weder entstellen noch verwirren, und gerade die Kirche, welche die Mehrzahl solcher Juden empfing, erweist die Richtigkeit unsrer Bemerkung, wie wir es vor Jahrzehnten schon dieser Kirche warnend zuriefen. Nicht daß wir meinten, daß die Zerfahrenheit in der Protestant. Kirche nicht viele und tiefliegende Ursachen habe; daß jedoch das von uns geltend gemachte Moment auch ein Factor ist, läßt sich ohne Mühe Nachweisen. — Was nun die Juden, welche aus Ueberzeugung zum Christenthume übergerreten sein sollen, betrifft, so sind diese, wie wir schon bemerkt, an sich völlig gerechtfertigt. Aber es besteht eine so große Kluft zwischen der eigentlich jüdischen Ueberzeugung und den Dogmen der christlichen Kirche, zu denen sich der Uebertretende feierlich bekennt, daß wir Juden offen gestehen: wir begreifen einen solchen Uebergang von der einen zu der anderen Ueberzeugung nicht, wenigstens nicht auf dem Wege gesunder psychologischer Entwickelung. Man wird sagen, daß dies parteiisch ist, und wir mögen dies einräumen — aber die Ansicht ist da und zwar mit großer Bestimmtheit. Dies hätten wir über den besprochenen Gegenstand auszusagen. Wir haben es in der einfachsten und ruhigsten Weise gethan, und ohne daß wir glauben, ihn völlig erschöpfend behandelt zu haben, wird es wohl genügen, dem anonymen Brief- 1 steller unsren Standpunkt klar zu machen.