Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1878)
- Date
- 1878-05-28
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 mittelbares Vorgehen gegen die, dem Juden heiligsten Ueberzeugungen und Gefühle, und muß somit einen Gegensatz, eine Entfremdung ganz direct Hervorbringen, die denn auch der wirkliche Jude bei aller möglichen Toleranz in Gegenwart eines getauften nicht ganz loS wird. Die alte rituelle Fiction, den getauften Juden noch immer als Juden anzusehen, und in rituellen Sachen so zu behandeln, ist längst aufgegeben, und an sich gegenstandslos, da der getaufte Jude allen religiösen und nicht minder allen Stammesirtteressen, so weit diese noch vorhanden, völlig fern steht. Wenn oft die getauften Juden selbst noch in der zweiten und dritten Generation als Juden gewissermaßen angesehen werden, so geschieht dies nicht von Seiten der Juden, auch nicht von Seilen der Uebergetretenen selbst, sondern von den Christen, die ihnen ihre jüdische Abstammung nicht vergessen wollen. — Hierzu kommt die traurige geschichtliche Erfahrung. Wenn wir die unseligen Blatter überschauen, auf welche die blutigsten Verfolgungen, die schändlichsten Bedrückungen, Verdächtigungen, Anschuldigungen und Schmähungen verzeichnet worden, die uns im Laufe der Jahrhunderte getroffen, so stellen sich uns allzu oft getaufte Juden als die gefährlichsten und feilsten Werkzeuge derselben, ja als die eigentlichen Urheber und Veranlasier dar. Die Reihe solcher schmachvollen Namen ist groß; und wenn in den civilisirten Staaten dergleichen feindselige Ueberläufer jetzt nicht mehr Vorkommen, so hatten doch noch die letzten Jahre, z. B. in Rußland einen getauften Juden aufzuweisen, der, sobald in der öffentlichen Meinung und in der kaiserlichen Staatsregierung eine bessere Stimmung über und für die Juden Raum gewonnen, durch die Presse und besondere Schmähschriften alle möglichen und unmöglichen Beschuldigungen, die lügenhaftesten Anklagen auf seine ehemaligen Glaubensgenossen hauste. Auch Andere fehlten dort nicht, welche durch Denunciationen die günstigen Absichten in den maßgebenden Kreisen zu hintertreiben suchten, obschon sie in jüdischen Hütten ausgewachsen. — Aber auch von negativer Seite. Zu Zeiten, wo eine judengehässige Strömung sich in falschen Anklagen gegen die Juden kundgab, und falsche Zeugen austraten: wäre es da nicht die Pflicht ehemaliger Juden, welche durch ihre Erziehung eine genaue Kenntniß 'der Lehren und Gesetze des Judenthums, der jüdischen Literatur, der gottesdienstlichen und häuslichen Gebräuche besaßen, wäre es nicht eine Pflicht der Wahrhaftigkeit für sie gewesen, öffentlich zu erklären: Wir sind gläubige und treue Anhänger des Christenthums, aber was da über Judenthum und Juden bekundet wird, ist falsch, ist erfundener Lug und Trug! So etwas ist aber nur sehr selten geschehen. Wir wollen ein Beispiel anführen: Als im Jahre 1840 in Damaskus der Mönch Thomas verschwunden war und unter der Aegide des dortigen französischen Consuls, den Thiers beschützte, innerhalb der christlichen Bevölkerung jener Stadt die Beschuldigung auftrat, die Juden hätten den Mönch getödtet, um sein Blut zum Peßach zu verwenden, war der französisch-klerikale Einfluß siark genug, um selbst in Europa die Meinung zu verbreiten, ob nicht etwa doch in entlegenen uncivilisirten Ländern die Juden solche heimliche Gebräuche haben könnten? Jüdische Entgegnungen wurden natürlich als parteiisch mit Achselzucken ausgenommen. Wessen Pflicht wäre eS da gewesen, öffentlich zu erklären, daß niemals und nirgends, in keinem Lande und in keiner Schrift unv in keiner Zeit bei den Juden auch nur eine Spur solchen Greuels, vielmehr hundert Argumente dagegen vorhanden wären, wenn nicht die der getauften Juden, der vielen Männer dieser Art, welche damals in Staatsamtern, auf Lehrstühlen und Kanzeln, in der Literatur und Presse mehr oder minder hohe Stellungen einnahmen? Nur ein einziger that es, der als Kanzelredner bekannte Pater Veit in Wien, der die Kanzel bestieg unv feierlich auS seinem Wissen und Gewissen die Unwahrheit dieser unseligen Beschuldigung vor Gott und seiner Kirche betheuerte. Alle Anderen schwiegen, und, wenn sie, nach dem alten Spruche, auch nicht selbst „Steine auf die Gräber ihrer Väter warfen", so hatten sie doch die Jmpietat, es von Anderen geschehen zu lassen, hatten die Gleichgültigkeit gegen die Religion, aus der sie entsprossen, gegen die Genossenschaft, in der sie erwuchsen, um solchen Schimpf und Nachtheil auf ihnen ruhig sitzen zu lassen. Man wird zugeben, daß ein solches Verhalten, das sich auch in anderer Weise unzählige Male im Privatleben kundgiebt, nicht dazu angethan ist, den Juden eine günstige Meinung von den getauften Juden einzuflößen. Gesellt sich schließlich hierzu doch noch, daß die größte Zahl der protestantischen Missionäre „zur Bekehrung der Juden" aus den Reihen jener hervorgegangen, allerdings zumeist der aus den Ostlandern stammenden! Es war und ist ein Jrrthum der Bekehrungsgesellschaften, daß sie für ihre Zwecke getaufte Juden am geeignetsten glaubten, während diese von vornherein den Juden eine starke Antipathie einflößen und ihnen eigennützige Motive am ehesten zugeschrieben werden. Richtig ist es, daß Niemand einen Uebertretenden nach seinen Motiven zu fragen oder diese zu kritisiren berechtigt ist. Er hat dies allein vor Gott, seinem Gewissen und dem Geistlichen, der ihn taust, zu verantworten. Allein dies gilt doch nur den einzelnen Personen gegenüber. Im Ganzen wird uns sicherlich die Frage zustehen: da die zum Christenthume übertretenden Juden ganz ausdrücklich ein Zeugniß gegen das Judenthum, in welchem sie geboren und erzogen worden, ablegen, welchen Werth hat dieses Zeugniß? welche Kraft kann ihm beigelegt werden? und da kommt die Erwägung der Motive zum Uebertrilte allerdings in Betracht. Besteht dieses Motiv in einer aufrichtigen Ueberzeugung, stellt sich uns keinerlei anderweitige Triebfeder dar, fo ist die Handlung gerechtfertigt und ein Act der Glaubensfreiheit. Freilich machen sich uns viele derartige Falle durch eine ganz besondere Bigotterie, durch eine Schaustellung der Devotion und des Glaubenseifers verdächtig — allein es steht uns nicht zu, hierüber zu urtheilen. Anders jedoch ist es in zahllosen Fallen, wo sich der äußerliche Beweggrund sehr deutlich erkennen läßt,