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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-21 · Heft 21 (21.5.1878) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 21 (21.5.1878)
Date
1878-05-21
Page
Seite 333 (sequence 13)
Language
German
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333 lomon der Weise hat gesagt: „Wer viel spricht, kann Fehler' nicht vermeiden." Ein neuerlicher Vergleichsversuch scheitert wieder an dem Starrsinne des Geklagten, und der Richter fällt des Unheil, Johann Slama ist schuldig der Uebertretung der Ehrenbeleidigung nach § 496 St. G. und wird deshalb zu einer Arreststrafe in der Dauer von 24 Stunden verurtheilt. — Der Berurtheilte war ganz verdutzt, als er das Urtheil hörte und den schon in Bereitschaft gehaltenen Fünfer mit der Bemerkung zurückgewiesen erhielt, daß sich die Strafe nicht mit Geld abthun lasse, es wäre denn im Wege a. h. Gnade. Vermischtes. Die Hypothesen. Wir haben in diesem Blatte schon wiederholt über die unselige Hypothesensucht geklagt, welche gegenwärtig besonders die Naturwissenschaften beherrscht, und zu den traurigsten Geistesverirrungen führt, die sich noch dazu vor den Augen eines urtheilslosen Publikums mit dem Glanze der Wissenschaftlichkeit spreizt. Daß wir hierin nicht einseitig vergehen, mögen die Worte eines der größten neueren Naturforscher erweisen. Der vor Kurzem verstorbene berühmte und verdienstvolle Physiolog Claude Bernard äußerte sich in seiner letzten Vorlesung über die Hypothese folgendermaßen: „Die meisten Ärrthümer rühren von der Tendenz her, eine einmal ausgesprochene Hypothese als einen Satz zu betracht«!, zu dessen Gunsten man Argumente ausfinden müsse, als eine Gerichtssache,- die man durch Plaidoyers gewinnen müsse. Viele Forscher fühlen sich gedemüthigt, wenn der Versuch ihnen in brutaler Art beweist, daß ihre Hypothese falsch sei. Solchen Stimmungen darf sich der Experimentirende nicht hingeben. Er darf sich nicht an die Hypothesen klammern, zu deren Aufstellung er geleitet wurde; wenn er diese Hypothesen nur als ein Mittel und nicht als Zweck betrachtet, wird sein Geist in der besten Stimmung sein, um zur Wahrheit zu gelangen, denn er wird ebensowohl den Erscheinungen zugänglich sein, welche seiner vorgefaßten Meinung widersprechen, wie denjenigen, welche ihr günstig sind. Der Forscher, welcher diese Vorschriften vergißt und die Art von Entsagung nicht übt, mit welcher man die Antwort des Versuches entgegennehmen muß, verliert die schönsten Gelegenheiten, Entdeckungen zu machen, weil er sich den neuen, unerwarteten Erscheinungen gegenüber freiwillig blind macht. In der Thal wurden die meisten neuen Wege der Forschung dadurch geöffnet, daß der Versuch eine Hypothese widerlegte, welche doch der Ausgangspunkt dieses Versuches war, und daß der Forscher in Folge dieses glücklichen Zufalles sogleich seine vorgefaßte Meinung aufgab und sich entschloß, im Sinne der unerwarteten Erscheinungen weiter zu forschen, statt sich den Kopf zu zerbrechen, um die Erscheinungen mit Gewalt seiner Theorie anzupassen." Er erzählte hierauf eine Erfahrung aus seinem eigenen Leben, wo er, von einer Hypothese ausgehend, diese vor einer ihr widersprechenden Erscheinung aufgab, und gerade dadurch zu der größten Entdeckung gelangte, die er gemacht, zu der des vasometorischen Nervensystems. Zu diesen Worten fügt Karl Vogt „Goldene Worte! Aber die schlimmsten Tauben, sagt das französische Sprichwort, sind diejenigen, welche nicht hören wollen! Wenn die Hypothese ein Glaubenssatz und derjenige, der sie aufstellt, ein Prophet wird, der seine Constructionen für Realitäten ausgiebt, dann wird die Hypothese ein Uebel — freilich am meisten für den, welcher sie aufstellt." Die letzten Worte möchten wir nun nicht ganz unterschreiben; denn es giebt Hypothesen, die Tausende von Köpfen verdreht und schwierig auszutreiben ist, selbst wenn der Urheber schon längst vermodert und in der Wissenschaft gebührend gewürdigt ist. Das Schuldenbuch des Freiherrn von Todesco. In Wiener Banquierskreisen erzählt man sich folgende ebenso charakteristische wie amüsante Geschichte: Der Graf P., ein notorischer Vielbraucher und Wenighaber, kam neulich zum Baron T., seinem langjährigen Bekannten, klagte über momentanen Geldmangel und bat um ein Darlehen von 5000 Gulden. Der Baron hörte die Bitte, ohne eine Miene zu verziehen, an und holte sodann aus einem Schreibtische ein ungeheueres Buch, welches er dem Grafen offen vorlegte. Die Seiten dieses Buches waren mit Ziffern vollgeschrieben. „Den 9. Mai 1873" — hieß es unter Anderem — „dem Börsianer S., der sich in Maklerbankactien verspeculirt, . . . 20,000 fl. — „Den 25. Januar 1874 dem Baron N., um ihn aus Wucherhänden zu befreien, . . . 30,000 fl." — „Den 3. October 1875 dem Grafen K., der sein Vermögen am Spieltisch verloren und sich erschießen wollte, . . . 25,000 fl." — „Dem Schauspieler W. zur Bezahlung seiner Wechselschulren . . . 4000 fl." — „Der Sängerin L., der ihre sämmtlichen Verehrer untreu geworden,... 1500 fl." u. s. w., u. s. w. Mit ähnlichen Notizen waren alle Seiten angefüllt und am Ende stand als Hauptsumme die enorme Zahl 12 Millionen 350,000 Gulden. Da sah Graf P. den Baron mit großen Augen an und sprach: „Aber, lieber Freund, es ist nicht möglich, daß Sie eine so große Summe dargeliehen haben." — „Und warum nicht?" — „Weil Sie sonst zu Grunde gerichtet sein müßten." — „Ich habe mich auch damit begnügt, über die Summen, die man von mir entlehnen wollte, ein Register zu führen; weggeliehen habe ich aber keinen Kreuzer... Und nicht wahr, es geht nicht an, daß ich in meinem Alter und bei meinen Erfahrungen Ihretwillen noch anfange, dumme Streiche

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