Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1878)
- Date
- 1878-05-21
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
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332 bemerkung; Sie sind bei Gericht und haben sich mit Anstand zu benehmen. — Angekl.: Er hat mich schimpft, ich hab's ihm z'ruckschimpft und dann ist gar. Richter: Sie haben den Herrn Pollak auch geohrfeigt? — Angekl.: Hab' ich wull'n, aber Wirth hat mich nicht lassen. Richter: Der Kläger behauptet. Sie hätten ihn geohrfeigt. — Angekl.: Er kann sagen, was will; waS kümmert mich, was Iud sagt. Richter: Ich habe Sie schon einmal zur Artigkeit ermahnt, und wenn sie in diesem Tone fortfahren, werde ich zu anderen Maßregeln greifen. — Angekl.: Bitt' Ihnen gar schön, wegen Branntweinschanken, wo . . . Richter (einfallend): Haben Sie dem Herrn eine Ohrfeige gegeben? Za oder nein? — Angekl.: Hab' ich nur wullen. Richter: So werden wir zur Vernehmung der Zeugen schreiten. Der Gastwirth Michael Wieß soll eintreten. Richter: Sie heißen Michael Wieß und sind Gastwirth „zum Fasan"? — Zeuge (erstaunt): Euer Gnaden kennen mi? I hob no nie die Ehr' g'hobt. Richter: Am 23. April d. I. ist es in Ihrem Gasthause zu einer Schlagerei gekommen? — Zeuge (einfallend): Es is selten a Dorf, wo nöt a Kirchtag is, haßl's allgemein. Richter: Ich mache Ihnen daraus durchaus keinen Vorwurf. — Zeuge: I war' a meiner Seel' und Gott gonz Unschuld i. Richter: Ich möchte nur wissen, was Ihnen von diesem Vorkommnisse bekannt ist? — Zeuge: Meiner Seel' und Gott, a Wirthsg'schäft is ka so a leicht's G'schäft, wie d'Leut glauben. Glauben S' mir. Euer Gnoden, daß Aner ehender a guter Advocat werden kann, als wie a guter Wirth. Warum? Der Advocat setzt wos auf Aformation (Information), d'Partei unterschreibt, giebt a Vollmacht und a Geld her, und 's Zeug geht. Aber bei unseran haßt's auf's Local schau'n, auf 'n Einkauf fchau'n, auf d'Schank, auf 'n Keller und auf d'Kuchel schau'n, d'Leut' im Aug' b'halten und an jeden Gast behandeln, wie er sich's wünscht. Euer Gnaden, dos is ka Klanigkeit. Und loßt Aner in Einem nach, glei is 's G'schaft ruinirt. Richter: Ich will Ihnen das Alles glauben, aber deshalb sind Sie nicht vorgeladen. Sie sollen mir sagen, was Ihnen von dem Vorfälle am 23. April bekannt ist?— Zeuge: Nix, meiner Seel' und Gott nix, als was mir meine Leut' d'erzählt haben. Richter: Waren Sie nich t persönlich zugegen? — Zenge: Na, i wor den Tag g'rad in Grinzing, es Hot mir Aner d'raust an 40 Eimer 1869er um einen annehmbaren Preis antragen, Hab' ich ihn durchkost. Richter: Was haben Ihnen Ihre Leute erzählt? — Zeuge: No, es ist holt g'redt worden, daß f'wegen die Türken leid san zogen worden, und daß der Schuster 'n Branntweiner g'watschent hat. Richter: Sie haben es nicht selbst gesehen oder gehört? — Zeuge: G'hört, wie g'sagt, von meinen Leuten. Richter: Es ist also nicht richtig, daß Sie, wie Herr Slama behauptet, ihn, als er schlagen wollte, davon abhielten? — Zeuge (lächelnd): Wie war dos möglich, won i den Tag in Grinzing war? Richter (zum Angeklagten): Sie Horen, daß Ihre Angabe, der Wirth hätte Sie am Schlage gehindert, unwahr ist. — Angekl.: Ich hob' glaubt, daß war Wirth; wann war nicht Wirth, war Anderer. Parapluiemacher Neuhold sträubt sich lange, mit der vollen Wahrheit herauszurücken; vom Richter ermahnt, nicht zurückhaltend zu deponiren, sagt er: Mein Gott, es ist eine schwere Sache, wie man thut, thut man nicht recht. Offen g'sagt, is mir um alle Zwa leid; es san eigentlich gute Kerle, aber der Böhm ist halt narrisch in seine Russen eing'sprengt; i glaub', er betet alle Tag für d' Russen, und der Branntweiner ist gegen die Ruffen. D' Wahrheit g'standen, i mog d' Ruffen a nöt, nach dem, wos man von ihnen liest und hört. Richter: Aber um das handelt es sich ja nicht; Sie sollen angeben, ob Ihnen von dem Vorkommniffe am 23. April etwas bekannt ist. — Zeuge: Wonn i dabei sitz'. Richter: Hat der Herr Slama den Herrn Pollak geohrfeigt? — Zeuge: Glei nöt; z'erst haben s' über d' Türken und Ruffen g'stritten, hernach hat 's a klane Schimpferei geben, und wie man glaubt hat, daß 's aus is, hat der Herr Slama — mir haßen ihn 'n „politischen Schuster" — dem Branntweiner Ane herunterg'haut, wollt' noch zu aner Zweiten ausholen, aber do hob' i mi dazwischen g'stellt und d' Comödie war aus. I hob' a die Sach' gütlich ausgleichen wollen, aber es is not ganzen; der Herr Slama hat behauptet, a Ohrfeigen kost' 5 sl., und ehe er dem Juden a gut's Wort giebt, zohlt er die doppelte Tax. In gleicher Weise deponiren noch fünf Zeugen. Der als Zeuge vernommene Hausirer Israel Beck sagt: Verzeihen Sie, Eu Gnaden, mir kann so was das ganze Jahr nicht geschehen. Warum? Weil ich mich nix in die Politik misch'. Was kümmert einem Geschäftsmann die Politik? Etwas leben thu' ich davon, ob die Ruffen, ob die Türken Recht behalten? Warum so gut haben 's die Juden unter die Türken gehabt, daß ihnen um sie lad sein soll? Oder solche Freuden erleben sich die Juden unter die Russen, daß sie sich freuen sollen, russisch zu werden? Richter: Ihre Sympathien spielen in dem Proceffe keine Rolle. — Zeuge: Verdienen soll ich's bis Pfingsten, was ja; was meinen Sie, wenn es wär' umgekehrt gewesen, wenn der Pollak den Slama hätt' geschlagen? Richter: Haben Sie sonst noch etwas anzugeben? — Sehr viel hält' ich zu sagen, aber ich schweige. Sa- und Ruffen g'stritten haben, daß d'Bohm und d'Äuden ins Mit-1 Zeuge: