Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1878)
- Date
- 1878-05-21
- Page
- Seite 334 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227199--36271-3306301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
334 zu machen. O nein! Das wollen Sie nicht!" Also sprechend nahm der alte Baron eine Feder und schrieb vor des Grafen Augen die Worte ein: „Den 14. April 1878 meinem langjährigen Bekannten, dem Grafen P., der momentanen Geldmangel hatte, 5000 fl." Hierauf machte er gelassen vas Buch zu unv leitete ein anderes Gespräch ein. — Authentisch! die Juden sich der bürgerlichen Gleichstellung erfreuen, findet die Novellistik und die Dramatik meist ihre Aufgabe darin, die Juden als Carrikaluren oder Bösewichter darzustellen. - Run, so leid uns dies thut, so sind wir doch einstweilen mit dem Tausche zufrieden, und hoffen, daß daS Leben die Belletristik von dieser Bosheit oder Verkehrtheit mit der Zeit heilen werde. Schema von Cumberland. Vor Kurzem wurde dieses Drama wieder einmal in Wien aufgeführt, wo La Roche die Titelrolle ausgezeichnet gab, das Stück jedoch als veraltet angesehen, und einige Bemerkungen dazu gemacht wurden. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hatte sich der Geist der Aufklärung und Humanität zu verbreiten begonnen und es tauchte die Meinung auf, daß auch die Juden, wenn man ihnen eine menschenwürdigere Behandlung angedeihen ließe, große sittliche Eigenschaften entwickeln und bethätigen würden. Es ist eine schwer zu beantwortende Frage: Entwickelt sich ein solcher Geist in der Menschenwelt aus sich selbst heraus, oder sind es ausgezeichnete Autoren, die ihn wecken? Wir gestehen, daß wir vielmehr uns auf die Seite der ersteren Beantwortung neigen. Wenn Schriftsteller Ideen aussprechen, die über den Kreis ihrer Zeit hinausreichen, so finden sie keinen Anklang dafür, und ihre Gedanken werden erst viel später gewürdigt. Im andern Falle bringen sie nur zum Ausdruck, was in ihrer Zeit schon lebt, unv was Biele als ihre eigenen Ansichten und Gefühle erkennen. Wie dem aber auch sei, in Deutschland war es zuerst Gellert, der in seinem Roman „Leben der schwedischen Gräfin v. G." 1746 solche Ideen über die Juden aussprach. Drei Jahre später brachte Lessing in seiner Jugendarbeit (er war damals 20 Jahre) „Die Juden" dieselben Ideen aus die Bühne, und vollendete später sein Werk in „Nathan". In England war für die freiere Auffassung des Juventhums — wenn man den großen Cromwell ausnimmt — ebensowenig vorgearbeitet wie in Deutschland. Die Bühne zumal hatte bis auf Cumberland den Juden entweder als ein Scheusal ober als einen Hanswurst Largestellt. BarabaS in Christoph Marlowe's Trauerspiel „Der Jude von Malta" ist ein moralisches Ungeheuer, das sich um des Geldes willen jede Schandthat erlaubt. Shakspeare's Shylock ist ein entsetzlicher Clown. Cumberland, der seine Theaterstücke in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts schrieb, konnte daher wohl sagen, daß er in feinem Schewa einen Charakter für die Bühne gerettet habe, der bisher nur der Verachtung und dem Hchngelächter preisgegeben war. Und in dem Erfolge seines „Juden", bekennt er weiter in seinen Memoiren, habe er mehr innere Befriedigung gefunden, als jemals bei ähnlicher Gelegenheit. Merkwürdig genug ist, daß die Rollen sich in der neueren Zeit wieder umgetauscht haben. Wahrend in allen Culturstaaten Farbenblindheit unter den Juden. Die Doctoren Magnus und Cohn in Breslau haben jüngst 5079 Schüler und Schülerinnen auf ihren Farbensinn geprüft, und das Resultat im „Centralblatt für practische Augenheilkunde" mitgetheilt. Schüler wurden durch Magnus und Cohn 2761 untersucht; es fanden sich unter denselben 76 Farbenblinde 2.7 Procent. Schülerinnen wurden durch die Genannten 2318 untersucht; es fand sich unter diesen eine Farbenblinde O.oi Procent. Unter den Mädchen scheint also die Farbenblindheil zu Len allergrößten Raritäten zu gehören. Der einzige Fall, den Magnus gefunden, betrifft ein Mädchen, welches sowohl für Roth unv Grün als für Blau und Gelb farbenblind ist, ein ganz atypischer Fall, über welchen später genauer referirt werden wird. Cohn fand unter 1061 Mädchen nicht ein einziges farbenblind. Bei der Untersuchung der Schüler der Zwinger- Realschule fiel es Cohn auf, daß die Ueberzahl der farbenblinden Schüler jüdische Namen hatte. In Folge dessen wurde von uns fortan auch die Confession aller untersuchten Schüler notirt. Dabei ergab sich folgendes überraschende Resultat: Cohn fand unter 642 christlichen Schülern 21 farbenblind ----- 3.-> Procent, Magnus fand unter 1305 christlichen Schülern 21 farbenblind ----- 1.,; Procent, zusammen unter 1947 christlichen Schülern 42 farbenblind 2., Procent. Dagegen fand Cohn unter 358 jüdischen Schülern 17 farbenblind — 4.7 Procent, Magnus unter 4 56 jüdischen Schülern 17 farbenblind — 3.7 Procent, zusammen unter 814 jüdischen Schülern 34 farbenblind — 4.i Procent. Es wurden also doppelt so viel Procent jüdischer als christlicher Schüler farbenblind gefunden. Auf Len christlichen Mädchenschulen waren 722 Jüdinnen untersucht und alle normal gefunden worben; außerdem hat Cohn noch speciell eine nur von 114 jüdischen Mädchen besuchte Industrieschule untersucht unv dort ebenfalls nicht Ein farbenblindes Kind unter 114 Schülerinnen getroffen. Werben die Untersuchungen auch fortgesetzt, so ergab sich doch jetzt schon, daß erstens unter den Mädchen die Farbenblindheit so gut wie nie vorkommt, und daß zweitens die Farbenblindheit unter den Juden noch einmal so stark verbreitet ist, als unter den Christen.