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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-21 · Heft 21 (21.5.1878) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 21 (21.5.1878)
Date
1878-05-21
Page
Seite 331 (sequence 11)
Language
German
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331 Herrn Rabbiner Dr. Jakob Cohn erteilt, der deshalb dem Lehrkörper angehört. Unter den 264 Schülern des Gymnasiums befanden sich 67 evangelische, 69 katholische und 128 jüdische, also beinah die volle Hälfte der Schüler gehörte unserer Glaubensgenoffenschast an. Bonn, 12. Mai. (Literarische Notizen.) Der Sieg der Menschheits-Jvee über den Nationalitäts-Begriff. Vorlesung zum Besten des rochen Kreuzes, gehalten vom Stadt-Rabbiner Dr. Schwabacher. Odessa 1878. Der Verfasser ist anerkannter Weise ein Mann von Geist unv schwungreicher Beredsamkeit. Dies bewährte er auch in dieser Vorlesung und spricht darin vieles Wahre aus. Auch darin wird man ihm beistimmen. daß die Menschheitsidee über dem Nationalitätsbegrifs vom idealen Gesichtspunkte aus steht. Dahingegen können wir uns in anderen Partieen seines Vortrages nur ablehnend verhalten. Sobald eine theoretische Anschauung auf sehr realistische Thatsachen angewendet wird, werden die Ansichten sehr auseinandergehen. Der Verfasser mag in dem Siege der russischen Waffen einen Sieg der Menschheitsidee über den Nationalitätsbegrifs finden: Andere werden ganz Anderes in ihm erblicken. Noch mehrere Extravaganzen, besonders auch seine Ausfälle gegen England müssen wir zurückweisen. Wir wurden dadurch lebhaft an das Geschichtchen erinnert, daS oben unter Petersburg aus Berditschew mitgetheilt worden. Feuilleton. Aas dem Volksleben mit feinen Lichtn. Schattenseiten. V.') Politik in der Schenke. Wenn der Ocean in eine stürmische Bewegung gerathen, ziehen sich Wellenkreise bis in den kleinsten Winkel der entlegensten Bucht. So der russisch-türkische Krieg und die Verwickelung mir England in der „Schwemme" im Gasthause „Zum Fasan" zu Wien. Hören wir, was uns hierüber die „N. fr. Pr." erzählt: Die „Schwemm" (das Schankzimmer eines Gasthauses) spielt keine zu unterschätzende Rolle für ein Wirthsgeschäft. Ein Gasthaus ohne „Schwemm" wird von einem ordentlichen Zechbruder gemieden, denn nur in einem Gasthause, wo sich ein Schwemmpublikum einfindet, kann man auf einen guten Trunk und auf ein genießbares Frühstück rechnen. Die Schwemmgäfie sind auch von den Wirthsleuten „in der Schank" und in der Küche besonders bevorzugt, und ein Schwemmzast bleibt, wenn er sich einmal in einem Gasthause eingewöhnt hat, ohne besondere Veranlassung nicht aus. In der „Schwemm" finden sich täglich dieselben Gäste zusammen und nehmen immer denselben Platz ein. Die Conversation dreht sich, mit Ausnahme der Lottoziehungs-Tage, wo meistens nur Ternos combinirt werden, um alle Ereignisse des Tages; es wird ebenso eingehend der neue Anstrich eines Hauses besprochen, als in innerer und äußerer Politik gemacht wird. Am 23. April fanden sich in der Schwemm des Gasthauses „Zum Fasan", wie gewöhnlich, der Schuster Slama, auch politischer Schuster genannt, der Parapluiemacher N e u h o l d, ein Gerichtsvollzieher, ein Sollicitator, ein Branntweinverschleißer, ein Rauchfangkehrer, drei erbgesessene Hausmeister und ein Hausirer zur „Zehner-Messe" ein. Nachdem der Parapluiemacher den Vornamen Georg führt und auf den 24. April Georgi fällt, wurde ihm gratulirt, und die Gratulanten wurden mit einigen Litern „Marker" (Markersvorser Wein) regalirt. Die Stimmung wurde durch den Wein eine gehobene, man kam auf die orientalische Frage zu sprechen, und obwohl die Gesellschaft sich durch beinahe 20 Jahre täglich sieht unv spricht, war sie doch in diesem Punkte nicht Eines Sinnes. Während Schuhmacher Slama seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß die Türken von den Russen ordentlich zugerichtet wurden, und beifügte, es werde den Engländern auch nicht besser gehen, denn die Russen seien die einzige unüberwindliche Macht, wies Brauntweinverschleißer Moritz Pollak darauf hin, wie sehr es zu beklagen wäre, wenn die russische Politik den Sieg davontragen würde. Slama bemerkte: „So redens Juden, weil die grod so sans wie Türken, die kehrens a nicht am Europa." Pollak replicirte, seine Ansicht sei die aller gebildeten Oesterreicher, die „Böhm" seien freilich mehr russische als österreichische Patrioten. Mir dieser Bemerkung war das Signal zu einer heftigen Debatte gegeben; Slama, der sich immer vereinzelter mit seiner Anschauung sah, war förmlich außer sich gerathen; er sprang plötzlich auf und ohrfeigte den Pollak. Die Gesellschaft nahm sich res Mißhandelten an, und nachdem Slama alle Propositionen eines gütlichen Ausgleiches zurückwies, trat Moritz Pollak wegen Ehrenbeleidigung klagbar auf, und eS wurde hierüber heule die Gerichtsverhandlung abgeführt. Nachdem auch noch der Richter vergebliche Ausgleichsversuche machte, wurde mit der Verhandlung begonnen. Moritz Pollak trägt die Anklage vor und stellt das Begehren auf Bestrafung des Angeklagten. Richter (zum Angeklagten): Ist Alles so richtig, wie eS der Herr hier erzählt hat? — An ge kl.: Js holt Jud und red't was will. Richter (den Angeklagten ermahnend): Ohne jede Neben- 21* i) S. Nr. 2.

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