Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1878)
- Date
- 1878-05-21
- Page
- Seite 329 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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329 versuchen, ihm eine Antwort zu geben. Die Meinung des Spectators, daß die Angaben der „N. F. P." nicht auf Inspirationen der Juden Rumäniens beruhen, ist nur insofern gerechtfertigt, daß meines Wiffens die Lemberger israelitische Gesellschaft vielleicht aus eigener Initiative die Petition an den Grafen Andrafsy richtete, was aber, um offen zu gestehen, nicht ausschließen darf, daß die Juden Rumäniens sonst mit den israelitischen Comites in Paris, London, Berlin, Wien :c. in Verbindung sind, um falls der Eon groß zu Stande kommt, eine Petition an diesen zu überreichen, wo sie um Gewährung der Gleichberechtigung ansuchen. Es wäre gewiß den Juden hierzulande sehr wünfchenswerth, wenn die gesetzgebenden Körper aus eigener Initiative die Emancipation auSsprechen, aber sie sehen, daß man sie seit Jahr und Tag mit leeren Versprechungen abspeist, und man die ganze Angelegenheit ad calendas graecas verschieben möchte. Der Spectator, der zweifelsohne ein guter rumänischer Patriot ist, soll nicht den erhabenen Grundsatz vergessen: „thue einem Andern nicht, was du nicht willst, das dir geschehe!" Wenn 5 Millionen Rumänen jetzt vor den Repräsentanten Europas erscheinen werden mit den Worten: „wir haben für unsere Rechte gekämpft und gestritten", muß ganz natürlich Europa dies anerkennen, und den Rumänen ihr Unabhängigkeits-Patent sanctioniren! Warum sollen nun nicht die die 250,000 bis 300,000 Seelen jüdischer Nationalität in Rumänien auch bittend auflreten mit denselben Argumenten, daß sie ebenfalls mitgekämpft und mitgelitten, und deshalb gleiche Rechte mit ihren anderen Mitbürgern verlangen? Hat ja doch der Spectator der „Romania Libera“ selbst anerkannt, daß die Israeliten gegeben haben oarecarc prob« de iubire cätre patria ce aii adoptat, „einige Beweise von Liebe für das Vaterland, das sie adoptirten," und wofür das Blatt auch stets den Dank dafür ausgedrückt. Nun scheinen aber die Juden mit dem Dank allein der „Romania Libera“ nicht genug zufrieden zu sein und wenn man dies überlegt, kann man es ihnen auch nicht verargen. Werden doch bei Zustandekommen des Congresses alle Völkerschaften zwischen den Karpathen und dem Aegäischen und Jonischen Meere ihre Wünsche Vorbringen, warum sollen es gerade die Juden unterlassen, die nie durch Ausschreitungen oder Drohungen etwas verlangten? Wenn der Spectator bemerkt, daß die Verwirklichung der Petition der Juden dem Lande fatal sein würbe, kann Niemand dies begreifen, der Europa aus eigener Anschauung kennt. Ueberall, in allen Ländern, von dem hochcivilisirten Westen, bis zum wenigercivilisirten Osten, wo die Juden jetzt den anderen Bürgern gleichgestellt sind, überall leben sie auch in Liebe und Eintracht zusammen. Und in Rumänien, das doch auch zu den civilisirten Staaten gezählt wird, wo ein Nachkomme des großen Königs, der gesagt hat: „in meinen Staaten kann Jeder nach seiner Fa^on selig werden," — die rumänische Nation zu Sieg, Ehre und Unabhängigkeit geführt, in Rumänien soll die Juden-Emancipation dem Lande fatal sein? das glaubt der Spectator selbst nicht, trotzdem er es drucken ließ. Es ist aber anzunehmen, daß er selbst die Frage einmal gelöst wissen möchte und zwar mit freien Juden im freien Rumänien! Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen mit dem Spectator der „ Romania Libera“ in eine Polemik zu treten, er hat sein Journal zur Verfügung, während Schreiber dieser Zeilen bei der „ Epoche “ um Gewährung der Gastfreundschaft ansuchen muß, aber er bittet den Spectator dieses Terrain nicht mehr zu betreten im Interesse seines Landes, da sonst die Antwort in ausländischen Journalen erfolgen müßte, was gern vermieden werden möchte, renn wie man in den Wald hineinruft, so tönt es wieder zurück! „Gleiches Recht für Alle." — Eine Antwort ist bis jetzt nicht erfolgt, ist auch nicht gut möglich. 8. I'. Rußland. Petersburg, im Mai. Petersburger Blätter erzählen: „Die jüdischen Bewohner von Berditschew bringen aus Anlaß des Osterfestes ihre Gesinnungen vor ganz Europa in einer ebenso klaren als energischen Weise zum AuLdruck. Die Herren Chaim, Jsraelowitsch, Golcbaum, Moses Aronowitsch Rosenkranz, Schlojma Leib Fingerhut, Hersch Fleckeles, Wolf Samuelowitsch, Diamantstein Markus, Srul Rubin und Genossen haben eine Loyalitäts-Adresse erlassen, in welcher sie erklären: „Wir Israeliten Rußlands bekennen frei und offen, im Angesichte des gesummten russischen Volkes, daß wir mit dem Premierminister Englands, Herrn Lord Disraeli- Beaconsfield, positiv nichts gemein haben und auch keine Lust verspüren, gemeinsame Sache mit ihm zu machen." Berditschew, schreibt das „St. Petersburger Journal", welches die Sache offenbar scherzhaft auffaßt, wird also nicht durch einen unterirdischen Kanal mit der Besika-Bai in Verbindung gebracht, und falsch ist die Mittheilung, daß ein aus der streitbaren männlichen Bevölkerung Berdilschew's zu bildendes Armeecorps unter Hersch Berko Perlmutter der russischen Armee in den Rücken fallen und ihr den Rückzug über den Pruth abschneiden soll. Benjamin Disraeli- Beaconsfield steht blamirt da; die Jsolirung Englands ist perfect; Berditschew hat der Welt den Frieden wieder gegeben. Bonn, 5. Mai. (Notizen.) Aus Ungarn wird uns geschrieben: In der Nacht vom 25. auf den 26. April äscherte in Lipto St. Miklos, dem Geburtsorte des bekannten Hebraisten Simon Bacher, eine rasch um sich greifende FeuerSbrunst den dortigen israelitischen Tempel und das israelitische Schulgebäude ein. Tags darauf, den 26. April, starb plötzlich während des Morgengottesdienstes der Rabbiner David Deutsch in L. Gyarmat, der letzte der Gründer der Schomre-Hadath. Unmittelbar nach seinem Tode wurde sein Sohn zu seinem Nachfolger 21