Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1878)
- Date
- 1878-05-21
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
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323 Vergeltungstheorie noch weit hinaus.4) Wenn im folgenden Geschlecht Jose b. Joiiser den Durst nach dem Unterricht der Weisen, Jose b. Jochanan die Gastfreundschaft und daß „die Armen wie die Kinder deines Hauses seien", empfiehlt, wenn deren Schüler Josua b. Perachja den Erwerb eines Lehrers und eines Freundes und besonders „beurtheile jeden Menschen in günstiger Weise" einscharft: so haben wir hierin außer dem Hinweis auf den CultuS der Intelligenz (vgl. Satz 11) den Ausdruck der freien Menschenliebe, die sich selbst in der zartesten Weise kundzuthun habe. Negativ hingegen spricht sich sein Mitmeister Nithai aus Arbela aus, der verlangt, daß man sich vom Bösen fern und „von der Strafe sich nicht frei halte". — Eigenthümlich ist es, daß wir in den Pirke-Aboth wiederholt Sentenzen lesen, welche einen demokratischen Zug aufweisen. So sagte Schemajah, der Lehrer Hillel's: „Liebe die Arbeit, hasie die Herrschaft und dränge dich nicht zu den Großen", und später fügte Gamaliel, der Sohn Juda Hanafsi's (II, 3) hinzu: „Seid vorsichtig mit den Großen, denn sie nähren sich dem Menschen nur aus Eigennutz, erscheinen liebevoll, wenn es ihnen Bortheil bringt, stehen ihm aber nicht bei in seiner Noth." — Im großen Hillel nun erscheinen eigenthümlicher Weise jene beiden Anschauungen nebeneinander. Er sprach (I, 12): „Liebe den Frieden, eifre dem Frieden nach, liebe die Menschen und bringe sie rem Gesetze näher." Wir haben hier die Menschenliebe in einem vollendeten Ausdruck, der zugleich in seinem Schlußsätze den echt jüdischen Charakter annimmt; denn in der Heranbildung und Hinleitung zum Gesetze, zu dessen Erkenntniß und Ausübung besteht dem Judenthume die wahrhastesle Nächstenliebe. Ebenso war sein Wahrspruch (II, 5): „Beurtheile deinen Nächsten nicht, bevor du an seine Stelle gekommen!" Er bezeichnere hiermit das höchste Wohlwollen und die ausgiebigste Nachsicht in der Beurtheilung seiner Mitmenschen; denn wörtlich genommen, würde dieses Gebot jede Beurtheilung so ziemlich unmöglich machen, weshalb man ihn gewöhnlich erklärt: „Bis du dich völlig an seine Stelle versetzt hast." Hillel kannte auch sehr wohl den Kampf, in welchen den Menschen das Streben für die eigenen und für die Interessen anderer Menschen versetzt. Er sagt (1, 14): „wenn ich nicht für mich (arbeite), wer soll dann für mich? und wenn ich für mich allein, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann dann?" Daß Resultat dieser Betrachtung ist folgerichtig: wir sollen zu unserem und Anderer Wohle und zwar immerfort und kräftig streben und arbeiten, und ebenso den Eigennutz wie die Unthatigkeit von uns fern halten, so daß wir aller- 4) Es ist langst anerkannt, daß man aus scharf bervortretenden Verordnungen und Aussprüchen der Tatmudisten, seien sie positiver oder negativer Art, auf den sittlichen Charakter ihrer Zeit einen Schluß machen kann, wenn B. l, f» Jose b. Jochanan das Geschwätz mit einer Frau, selbst mit der eigenen, verbietet und dann die „Weisen" die schärfsten Strasandrohungen darauf setzen, so kann mau daraus schließen, daß die Neigung der Zeit nach geschlechtlichen Äusschreitungen hinging, wie man dies auch aus den Erleichterungen der Ehescheidung hat schließen wollen. dings für uns, aber auch zugleich für Andere wirksam sind. In diesem Sinne ruft er auch Jedem zu: „vertraue dir nicht selbst bis zum Tage deines Todes!" Die Versuchung und Prüfung liegt auch dem Frömmsten und Tugendhaftesten zu aller Zeit nahe; wir dürfen uns nicht der sittlichen Sorglosigkeit überlassen und unsre Festigkeit im Guten nicht überschätzen. Im Gerste Hillel's war das religiös-sittliche Bewußtsein nur mit wahrer Herzensbildung und reichem Wissen verbunden. „Kein roher Mensch", sagt er, „ist gottessürchrig und kein unwissender fromm." Ihm war jedes Streben nach größeren irdischen Gütern unv Genüssen zuwider, denn er sah aus einem solchen nach jeder Richtung hin nur Nachtheil und Verderben für den Menschen hervorgehen. Er betonte dabei jedoch das Streben nach Vermehrung derselben (nm:;), so baß also daraus nicht eine Verachtung derselben geschloffen werden kann. Anders mit den geistigen Gütern: „Wer die Kenntniß der Lehre vermehrt, vermehrt das Leben; wer den Unterricht vermehrt, vermehrt Weisheit; wer Rath vermehrt, vermehrt Einsicht; wer Gerechtigkeit vermehrt, vermehrt Frieden; wer einen guten Namen erwirbt, erwirbt ihn für sich; wer Kenntniß der Lehre sich erwirbt, erwirbt sich das ewige Leben." Denjenigen daher, der nach keiner Lehre strebt, hält er für „des Todes schuldig", d. h. er führt ein menschenunwürdiges Dasein, und wer sich der Lehre als Mittel zu äußeren Zwecken bedient „schwindet hin."5) In allem Diesem stand ihm fein goßer Nebenbuhler Schamai mit gleicher Ansicht zur Seite, wenn die Pirke-Abolh auch nur den einen Satz (l, 15) überliefern: „Mache das Gesetzessturium dir zu einer bestimmten Beschäftigung, sprich wenig und lhue viel und empfange jeden Menschen mir freundlichem Angesichte" — ein ernster, strenger Charakter, der dennoch in der Menschenfreundlichkeit eine hohe sittliche Ausgabe anerkannte. — Demungeachtet tritt die strenge Vergeltungstheorie in Hillel ganz entschieden auf. Es wirb milgerheilt (.11, 6): „Einst sah er einen Schädel, der auf dem Wasser schwamm, und sprach zu ihm: weil du ertränktest, haben sie dich ertränkt und am Ende werden, die dich ertränkten, ertränkt." Man kann nicht schärfer die Voraussetzung ausvrücken, daß bas Geschick nicht blos nach dem Maße eines Vergehens bestimmt werde, sondern auch in gleicher Weise wie die Thal die Bestrafung geschehe. Jndeß mag man annehmen, daß bei Hillel riese Anschauung eben nur noch dogmatisch vorhanden gewesen. Auf das practische Gebiet der Ethik sehen wir dieselbe vollständig von Jura Hanassi ausgeführt (U, 1). Wir erfreuen uns des schönen Gedankens, mir dem er anhebl, daß der Mensch einen rechten Maßstab für den Werch seiner Handlung darin finde, wenn sein eigenes Bewußtsein und das Urtheil der anderen Menschen im Lobe derselben übereinstimmen. Dann fährt er '*) Den letzten Satz führte R. Zadok unter Anführung der Worte Hillels aus: „Mache die Gesetzkundc weder zu einer Krone, damit zu prangen, noch zu einem Grabscheit, nin damit zu graben", d. b. äußeren Nutzen daraus zu sieben. 21