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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-14 · Heft 20 (14.5.1878) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 20 (14.5.1878)
Date
1878-05-14
Page
Seite 316 (sequence 12)
Language
German
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316 4—12 von dem Gebete Daniels die Rede, das er dreimal des Tages verrichtet hat. „Za wohl," fiel Mintschew ein, „aber in seinem Hause." „Hat David nicht Mufik bei den Opfern eingeführt? verfaßte und sammelte er nicht Hymnen?" „Ohne Zweifel," sprach Mintschew, „doch wurden dieselben nur von den Priestern und Leviten, nicht aber vom Volke gesungen." „Hat Esra nicht in der Schemoneh efsreh die 18 Segenssprüche vorgeschrieben?" „Alles, was Du vorbringst," entgegnete Mintschew ruhig, „beweist nur, daß überhaupt Gebete an Gott gerichtet wurden, nicht aber daß sie vorgeschrieben waren oder gar einen Theil des öffentlichen Gottesdienstes bildeten. Was aber die Schemoneh esireh betrifft, so kann Esra dieselbe gar nicht geschrieben haben, das solltest Du wiffen." „Esra! die Schemoneh nicht verfaßt!" raste Pintschew, „höre Welt und staune! Die Welt bestand in diesem großen Augenblicke nur aus Kuniz Blauweiß, dem Branntweinpächter, der im Schatten der Thür stand und lauschte, aber sie war dafür auch so freundlich, der Aufforderung Pintschews Folge zu leisten und mit offenem Munde zu staunen. „Esra hat die Schemoneh nicht verfaßt," fuhr Mintschew fort, „wie könnte er die Schemoneh verfaßt haben, heißt es doch darin „Führe den Opferdienst wieder in Deinem Tempel ein!" Da nun gleich die ersten aus der babylonischen Gefangenschaft heimkehrenden Juden in Jerusalem den Altar herstellten und die Opfer erneuerten, was 3391 geschah, so wäre es sehr überflüssig gewesen, wenn Esra, der erst 3413 zurückkehrte, 22 Jahre später noch Gebete um Erneuerung des Opferdienstes vorgeschrieben hätte." Blauweiß wiegte den Kopf hin und her und murmelte: „Was für ein Kopf!" „UeberdieS," schloß Mintschew, „sagt ja doch der Talmud selbst, derselbe Talmud, den ich nicht kenne, in demselben Tractat Berachot, den Du so genau kennst, ausdrücklich, daß die 18 Segenssprüche aus der Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels herrühren und vom Rabbi Simon Gamaliel niedergeschrieben » wurden." Eben rief Jemand drinnen im Hause den staunenden Blauweiß. Dieser lehrte rasch in den Tanzsaal zurück und da der Erste, den er in der Nahe der Thüre traf, der Kaufmann Markus Zolles war, so nahm er ihn unter den Arm und sprach: „Hören Sie, wer ist der Mensch, der draußen mit Ihrem Schwiegersohn streiten thut, er scheert ihn wie ein Schaf." „Wer kann es sein!" rief Zolles ärgerlich; er kam sich in diesem Augenblicke selbst wie ein Schaf vor, das geschoren wird, „wer anders als Mintschew? Die Beiden streiten, seitdem sie auf der Welt sind." Die Musik verstummte, die Gäste entfernten sich nach und nach, Pintschew und Mintschew stritten noch immer. Blauweiß trat auS dem Hause, die hohe Zobelmütze auf dem Kopfe, ein echter jüdischer Aristokrat, ihm folgte ein schönes Mädchen, erhitzt vom Tanze, in einen großen rothen Shawl gewickelt, ihre Rehaugen durchbrangen die Finsterniß, sie suchten Jemand. Da erklang die Stimme Pintschews. „Es ist bekannt, daß die Juden sich im Exil nach rer Zerstörung des ersten Tempels am Sabbath versammelten." „So ist es," hörte man Mintschew antworten, „aber nicht zum Gebete, sondern zur Belehrung, um der Vorlesung und Erklärung des mosaischen Gesetzes und der Propheten beizuwohnen. Auch nannten die Juden diese Orte niemals Gebethäuser, sondern Beth Hakeneffeth, Versammlungshaus, das dem griechischen Synagoge entspricht und auch heute noch nennen die Juden diese Orte Schulen, was so viel sagen will, daß sie der Belehrung dienen sollen, nicht aber zum Gebete bestimmt sind." Das schöne Mädchen war stehen geblieben. Minffchew!" rief sie leise. „Esterka!" gab er zur Antwort, „Sie sind es." Er näherte sich und sah ihre Augen ihn anlachen, dann verschwand sie in der Dunkelheit. „Mintschew!" schrie Pintschew ängstlich, wie ein Kind, das seine Mutier verloren hat, „Mintschew, Mintschewleben, wo bist Du?" „Hier — was soll es?" „Suche mir nicht zu entkommen." „Aber es ist Zeit zur Ruhe zu gehen." „Warte nur, ich begleite Dich." Er ergriff Mintschew beim Arm, er zwickte ihn geradezu. „Du berufst Dich auf den Talmud. Der Talmud beweist aber in dem Tractat Berachot 4, daß die Gebete schon von den Patriarchen angeordnet wurden. Abraham hat das Morgengebet eingeführt —" „Davon weiß ich nichts," spottete Mintschew, indem er seine Schritte beschleunigte. „Heißt es nicht 1 Moses 19, 27: Abraham begab sich des Morgens früh an den Ort, wo er vor dem Angesichte Jehova's gestanden?" „Nun?" Mintschew blieb stehen. „Nun?" Pintschew sah ihn erstaunt in das ruhige Antlitz, er meinte ihn vernichtet zu haben. „Nun?" wiederholte Minffchew. „Nun?" sprach Pintschew, „heißt nicht stehen: omeü und hat beten nicht dieselbe Wurzel." „Nehmen wir an, daß hieraus folgen würde, Abraham sei nicht gestanden, sondern habe gebetet; entgegnete Mintschew, so wäre damit doch nur bewiesen, daß Abraham eines Morgens gebetet, nicht aber, daß er das Morgengebet eingeführt habe." „Staune Welt, er widerspricht dem Talmud!" rief Pintschew, und als er Minffchew bavoneilen sah, begann er ihm nachzu-

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