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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-14 · Heft 20 (14.5.1878) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 20 (14.5.1878)
Date
1878-05-14
Page
Seite 317 (sequence 13)
Language
German
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317 laufen, indem er ohne Unterlaß ans vollem Halse schrie und endlich ganz außer Athem kam. „Hat nicht Jsak das Abendgebet eingesührt? wer kann das läugnen? etwa Du? läugne es, wenn Du kannstHeißt es nicht 1 Moses 24, 63: Jsak ging gegen Abend auf das Feld, um zu beten?" „Es heißt nicht beten," belehrte ihn Mintschew, „spatzieren gehen oder nach Anderen Betrachtungen anstellen." „Und Äakob," fuhr Pintschew fort, „wer hat das Nachtgebet eingeführt, wenn nicht Jakob!" „Das ist Alles viel zu weit hergeholt," sprach Mintschew. Sie waren eben vor vem Hause angelangt, in dem er wohnte. „Zu weit hergeholt," lachte Pintschew wüthend, „aber es ist Zeit schlafen zu gehen." Er drehte Mintschew einfach den Rücken, doch dieser hatte ihn schon beim Aermel erwischt und sie gingen nun rasch denselben Weg zurück, den sie eben zurückgelegt hatten. „Der Talmud liebt es zu Zeilen, die Beweise für das, was er behauptet, sehr weit herzuholen," fuhr Mintschew fort, das werde ich Dir auf der Stelle klar machen." „Klar machen! mir etwas klar machen!" Pintschew schüttelte sich vor Lachen, aber sein Lachen klang gezwungen und gellend. „Ja, so ist es," versetzte Mintschew, „der Talmud sagt: Wer sein Gebet in chaldaischer Sprache verrichtet, dem sind die dienenden Engel nicht willfährig, da dieselben die chaldäische Sprache nicht verstehen." „Äst das etwa nicht richtig?" sagte Pintschew mit verzweifeltem Ernst. „Aber Pintschew" — jetzt lachte Mintschew, aber von ganzem Herzen wie ein glückliches Kind — „da die Engel alles wiffen was im Herzen der Menschen vorgeht, wie sollen sie die chaldäische Sprache nicht verstehen?" „Sie verstehen sie doch nicht, sobald es der Talmud sagt," erwiderte Pintschew. „Aber bedenke —". Pintschew hielt sich die Ohren zu. „Die Engel verstehen nicht chaldäisch," wiederholte er, „sie verstehen es nicht." „Gewiß verstehen sie es." „Nein." „Ja." „Nein." „Ja." „Nein." Sie standen wieder vor dem Hause des Markus Jolles, in der stillen Luft, die so süß nach Himbeeren roch, es war kein Mensch auf der Straße und die Lichter im Hause waren alle verlöscht, nur aus einem Fenster des Erdgeschosses kam ein matter röthlicher Schein. Die Sterne blickten stille auf sie herab und aus dem beleuchteten Fenster, hinter dem Vorhang hervor, lauschte die junge Frau Pintschews und hielt den Athem an. „Gut," sagte Mintschew, „die Engel verstehen nicht chaldäisch —" „Sie verstehen es auch wirklich nicht." „Weshalb aber," fragte Mintschew mir seinem stillen Lächeln, „weshalb wiversetzen sich die Rabbiner den Gebeten in deutscher Sprache, da doch nirgends gesagt ist, daß die Engel nicht deutsch verstehen?" „Ja — das — nur etwa —" Pintschew war vollständig vernichtet. „Gute Nacht Pintschew." Der Vorhang bewegte sich. „So warte doch — ich weiß —" Mintschew entfernte sich rasch. „So höre," rief ihm Pintschew nach, „Du weißt ja —" Mintschews Schritte verhallten. Pintschew schrie wie besessen und lief ihm nach. „Im Himmel giebt es zwölf — Thore — ebenso viel — als — als Stämme Israels — durch jedes Thor — so bleib doch stehen —" Schon hatte er Mintschew eingeholt. „Ich verliere sonst den Athem. Durch jedes — Thor — also — gehen die Gebete eines Stammes zu Gott ein. Da aber für neue Gebete in deutscher Sprache kein Thor da ist, so können sie nicht zu Gott gelangen. Verstehst Du?" Sie schritten wieder Mintschews Hause zu. Die junge Frau hinter dem Vorhang seufzte. Aber was fragte Pintschew darum? Die Beiden gingen die ganze Nacht hindurch in der langen Straße auf und ab, bald begleitete Pintschew und Mintschew, dann wieder Minsschew den Pintschew und wieder Pintschew den Mintschew, sie stritten fort bis zum Morgen, bis sie beide ganz heiser waren. Die Sterne erblichen,'einer nach dem anderen, aber die junge Frau saß am Fenster und lauschte und seufzte bis der Morgenwind den Vorhang zu bewegen begann, hinter dem sie saß und der Osten sich weiß und immer weißer färbte. „Und nun, nachrem Du bewiesen hast, daß man nicht chaldäifch beten soll," sagte zuletzt Mintschew. „Ja, das habe ich bewiesen," versetzte Pintschew stolz. „Nun erkläre mir, wie es kommt," sprach Mintschew, „daß alle unsere Gebete in einem Gemisch von Hebräisch und Chaldäisch abgefaßt sind, das nicht nur die Engel, sondern wir selbst nicht verstehen. Erkläre mir, wie das ein GotteSvienst sein soll, wenn die Andächtigen leere Worte nachplappern, die sie nicht verstehen. Erkläre mir das Pinrschewchern" „Weil es 5 Moses 6, 14 heißt," gab Pintschew triumphirend zur Antwort, „höre Israel! also braucht der Jude nur zu hören, nicht aber zu verstehen, was er betet." Mintschew begann zu lachen; die junge Frau beugte sich heraus, bleich mit schläsiigen Augen und diesmal ging Pintschew wirklich in das Haus hinein und sagte kein Wort mehr. Zwischen Pintschew und Mintschew gab es Krieg und Streit schon seitdem sie auf der Welt waren. —

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