Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1878)
- Date
- 1878-05-14
- Page
- Seite 315 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227198--36251-3306280- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
315 noch etwas jugendlichen Autors. Er hat sich in den Naturwissenschaften tüchtig umgesehen, seine Bibelkenntniß bietet keine Blößen, und die moderne einschlägige Literatur ist ihm vertraut. Eigen ist es nun, daß er von der einen Seite den naturwissenschaftlichen Theorien einen vollen Glauben entgegenbringt,;. B. der Nebeltheorie, gegen welche in der jüngsten Zeit sich wohlbegründete Einwürfe erhoben haben, von der anderen mit beiden Füßen im Christenthum, selbst in dessen Dogmen steht, oder doch zu stehen glaubt. Wie er z. B. «freilich sehr künstlich) die Einwirkung des heiligen Geistes auf die Geburt Jesu zu erklären sucht. Hierdurch wird ihm die Lösung seiner Aufgabe schwieriger, und gerLth ihm in vielen Punkten nicht. Man braucht z. B. nur das Kapitel über „das Wunder" zu lesen. Weder kann man ihm seinen Wunderbegriff auf biblischem Grunde zugeben, noch die altrationalistische Erklärungsweise, zu welcher er zurückkehrt, z. B. daß die Eghpter es verstanden hatten, Schlangen in einen Starrkrampf zu versetzen, so daß man sie wie einen Stab schwingen konnte. Diese Herren bedenken nicht, daß sie auf diesem Wege die biblische Darstellung zum „frommen Betrug" machen, und diesen Verstoß gegen das sittliche Wesen der heiligen Schrift können wir um keinen Preis billigen. Demungeachtet bringt das Schriflchen manche Untersuchung und Aufklärung. So z. B. hebt er den Unterschied zwischen der Schöpfungslehre und der Schöpfungserzahlung recht klar hervor. Zu seinen christlichen Vorurtheilen zahlen wir, daß er im neuen Testament durchaus in allen Stücken einen Fortschritt gegen das alte Testament voraussetzt. Nachdem er z. B. in dem Artikel „Naturanschauung" recht hübsch, wenn auch noch lange nicht in einem erschöpfenden Maße, die religiöse Naturanschauung in den Schriften des alten Testaments <S. 10—14) geschildert hat, sagt er <S. 15): „Die Blüthe der religiösen Naturbetrachtung kam, wie sich erwarten läßt, durch das Christenthum." Die Worte „wie sich erwarten läßt" sind geradezu charakteristisch. Blickt man nun auf den Beweis, so beschränkt er sich darauf, daß Jesus gern im Freien gewesen und Gleichnisse von Bäumen, Blumen und Vögeln entnahm — als wenn dies in den Schriften des alten Testaments nicht auch und zwar in hundertfachem Maße geschieht. Man braucht nur, was er auf dieser einen Seite sagt, mit dem zu vergleichen, was er auf den vorhergehenden Seiten z. B. auS Hiob heranbringt, um zu erkennen, daß die „Erwartung" des Autors sich nicht erfüllt hat. — „Die Versöhnung, ein Wort an alle Kirchen und Kirchengemeinschaften, auch an die Israeliten von Ich. Moe, Missionar a. D. Rinteln 1878. Bösendahl". Wir wissen in der That nicht, inwiefern diese Schrift „auch an die Israeliten gerichtet wäre." Sle ist nämlich nicht zur „Versöhnung" geschrieben, sondern über die christliche Bersöhnungslehre und zwar eine Streitschrift gegen die sog. „Satisfactionslehre", nämlich daß „Jesus durch sein Leiden und Sterben den Zorn Gottes hinweggenommen und für die Sünde der Menschheit bezahlt habe." Alles dies und somit die ganze Schrift res Herrn Moe ist uns Juden entweder unverständlich oder unverständig. Der Verfasser sitzt mitten im künstlichen Aufbau der christlichen Dogmatik. Wir sagen künstlich, denn wenn man 1878 Jahre nach der Geburt Jesu noch über das eigentliche Grunddogma streitet, so kann die Sache nicht einfach, sondern muß künstlich sein. Da müssen wir uns denn begnügen, die christlichen Kirchen dies unter sich ausmachen zu lassen, bevor sie sich auch an uns wenden wollen. I e u i i pmischew und Mirüschew. (S ch l u ß). „In den mosaischen Schriften findet man nirgends eine Spur von öffentlichen Gebeten," fuhr Mintschew fort, „das Gebet war jedem Einzelnen anheimgegeben, weder der Ort, noch die Zeit, noch die Form desselben ist irgendwie vorgeschrieben. Der Talmud, der doch Alles wohl oder übel auf Moses zuruckführt, vermag doch keine Stelle anzuführen, wo Moses oder auch nur einer der Propheten etwas über Ort, Zeit und Form des Gebetes bestimmen würde, und sogar Maimonides, in seinem Buche Jad Hachasakah, sagt: Weber die Zahl der Gebete, noch die Form derselben, noch die Zeit, wann gebetet werden soll, ist in der Thora vorgeschrieben." Blauweiß nickte zweimal mit seinem dicken Kopfe. Pintschew hatte sich auf einer leeren Kiste niedergelassen, die vor dem Hause seines Schwiegervaters stand; eine Art Fieber schüttelte ihn, seine Hände hatten sich in den weiten Aermeln seines seidenen TalarS versteckt und fein Gesicht hatte sich theilS l e t o n. in dem Kragen desselben, theils unter die hohe Mardermütze zurückgezogen, so daß nur seine Augen hervorblinzelten, wie erschreckte Feldmäuse, die sich in ein Erdloch geflüchtet haben. „Was sagst Du aber dazu, daß Moses IV. 6. 24. Vorschriften giebt, wie sich die Andächtigen beim Segen der Priester, und V. 26. 1 —12, wie sie sich bei Darbringung der Erstlinge der Früchte, und V. 14. 22—29 wie sie sich bei Darbringung des zweiten Zehentes zu benehmen haben? Ist das kein öffentlicher Gottesdienst? Kannst Du behaupten, daß wer ein Sühn- oder Dankopfer brachte, sich dabei stumm verhielt? Nein, das kannst Du nicht behaupten." Pintschew begann wieder zu schreien. „Wer ein Opfer brachte, rief dabei gewiß Gott an, also betete er und betete im Tempel, also öffentlich. Äst in Samuel l. 1. 9. und weiter nicht ausdrücklich vom Gebete Hanna's die Rede? und Könige 8. 15—62. von dem Gebete Salomo's. Sagt Salomo in seinem Gebete nicht ausdrücklich: Erhöre o Gott! jeden, der das Anliegen seines Herzens dir an diesem heiligen Orte, vorträgt? Ist damit nicht bewiesen, daß auch Andere im Tempel gebetet haben? Ist nicht im Daniel 9, 20*