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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-14 · Heft 20 (14.5.1878) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 20 (14.5.1878)
Date
1878-05-14
Page
Seite 309 (sequence 5)
Language
German
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309 messen, der Lurch die grausame Absperrung bewirkt worden'. Schl, endet mit den tröstenden Worten: „Heute stehen die Juden wenigstens überall an der Pforte zum Eintritt in den Tempel des Menschenrechtes, und es kann nicht mehr lange währen, bis kein StLat, der auf Civilisation Anspruch machen will, als Staat noch einen Unterschied zwischen Christ und Juden anerkennt." Diese zweite Abhandlung Schleiden's wird Bielen ebenso unbequem kommen, wie die erste. Man wird wieder von Uebertreibung, ungenügender Motivirung u. s. w. sprechen. Man wird sich darüber hinwegzuhelfen suchen. Doch das schadet nichts. Ziehet Alles ab, die nackte Thalsache müßt ihr stehen lasten, und Liese beweist genug. Das hauptsächliche Verdienst des Verfasters besteht darin, die geschichtliche Erkenntniß dem allgemeinen Publikum so recht in's Bewußtsein zu bringen — und Lies hat Len Werth einer bedeutenden That. Die Wirkung bleibt nicht aus. Wir erwarten, daß auch dieser Aussatz in Gestalt einer Broschüre einem großen Leserkreise zugänglich gemacht werde. Die Moral der PrrKe-Moth. I. Schon vor Jahren haben wir die jüdischen Gelehrten auf das Bedürfniß aufmerksam gemacht, eine gründlich, wistenschaftlich bearbeitete Geschichte der Ethik des Judenrhums von desten Beginn an und durch alle seine Phasen bis zur Gegenwart reichend, zu besitzen. Wir wandten uns sogar damals an einige hervorragende Schriftsteller, ohne daß jedoch bis jetzt eine solche Arbeit unternommen worden wäre, welche allerdings ein ungeheures Material zu verarbeiten hätte, und eine bedeutende Befähigung erforderte, sich in den Geist der verschiedenen Epochen zu versenken. Dennoch zweifeln wir nicht, daß die Zeit auch diese edle Frucht reifen werde, wobei wir hoffen, daß nicht auch hier zuerst unfähige Hände sich an das Werk machen, und dadurch die Erreichung des höheren Zieles nur erschweren werden. Einige wenige Monographien für die große, oben gestellte Aufgabe sind unterceß erschienen, selbstverständlich von verschiedenem Werlhe. An diesen Gedanken aber erinnerte uns die jüngst veröffentlichte Abhandlung über „Die Jesaianische Moral" wieder, der wir heute als ein Pendant die Moral der Pirke-Abolh folgen lasten. In eine ganz andere Zeit, den äußeren Berhältnisten wie der gesammren Geistesrichrung nach, versetzen uns die Pirke- Aboth, als wie wir sie bei der Betrachtung der beiden großen Propheten, welche unter rem Namen Jesaias zusammengestellt sind, in's Auge zu fasten hatten. Halten wir uns zunächst an die beiden Geistesheroen, welche die Gründer der ersten bedeutenden Schulen waren und die wesentlich das Fundament zu der ganzen talmudischen Entwickelung legten, Hillel und Schamai, so waren etwa sechs Jahrhunderte seit Jesaias l, über vier seit Jesaias II verflosten. Die Juden halten eine neue nationale Existenz erworben, welche lange Zeit dürftig und in Abhängigkeit der damaligen Weltmächte bestand, danach aber einen mächtigen Aufschwung nahm, um das syrische Joch abzuwälzen und sich der Freiheit zu erfreuen. Doch nicht für lange. Die Familie, welche an der Spitze des Befreiungskampfes gestanden und dafür die königliche und die hohepriesterliche Würde zum Lohne erhalten hatte, gereichte rer Nation zum Berderben durch den Bruderzwist, der sich in ihrem Schooße entzündete und mit Grausamkeit in den eigenen Eingeweiden wühlte. Nur noch kurze Zeit und dieser Haber ries selbst den fremden Eroberer (den Römer) in's Land, der nach seiner alten Politik sich zum Beschützer rer schwächeren Partei aufwarf, um die stärkere zu überwältigen und darauf die ganze Nation zu knechten. Dabei im Innern des Volkes schroffe Parteiungen zwischen Aristokraten und Demokraten, die natürlich im jüdischen Volke auch einen religiösen Charakter hatten, zwischen den kleingeistigen Realisten, die nichts als den Buchstaben des schriftlichen Gesetzes gellen lasten wollten. (Sadducäer), und den gedankenreichen Idealisten, welche bei aller Treue gegen das geoffenbarte Wort um der idealen Zwecke willen eine freiere, umgestalrende Behandlung des Gesetzes nach den veränderten Lebensverhältniffen und mit scharfem Blick für die zukünftigen Bedürfniste des schon zur Hälfte durch die Welt zerstreuten Volkes anstrebten (Pharisäer). — Aber auch rer Schauplatz geistiger Wirksamkeit war ein ganz anderer geworden. In der politischen und socialen Entwickelung haue sich ein geordnetes gesetzgeberisches, richterliches und VewaltungSwesen herausgebildek. So wenig wir von der „großen Versammlung" wisten, so war sie es roch sicherlich, welche allen anarchischen und zufälligen Zuständen ein Ende machte und eine Organisation erwirkte, welche im großen Sanhedrin ihre Vertretung und Ausführung fand, dem sich dann die Provinzial- und Localeinrichtungen anschlossen. So bewegt nun auch das Volksleben, besonders seit den Syrerkämpfen war: so gab es doch hier keinen Platz mehr für begeisterte Bolkstribunen, für Redner, welche die Maste erschüttern, mir sich sortreißen und bestimmen, die Fürsten und Priester verwarnen und züchtigen wollten. In das Sanhedrin gehörten Alle, die eine öffentliche Wirksamkeit zu üben gerächten. Hier galt aber nur die Berathung, die Discussion und die Beschlußnahme. Jedermann hatte in ihm, sobald als er ihm als Mitglied angehörte, seine Stelle, sein Recht und seine Pflicht, und durfte nicht darüber hinausgehen. Die Propheten waren also verschwunden und an ihre Stelle die „Weisen", die Gelehrten getreten. Hiermit war freilich der gewaltige Aufschwung, die unmittelbare Gottesbegeisterung, die Macht der dichterischen Rece verloren, hingegen hatte sich die Intelligenz, die strenge Logik, der Scharfsinn entfaltet, getragen durch die Frömmigkeit, die aufrichtige Herzensfrömmigkeit, die erst mit der Zeit in Einzelnen zur Frömmelei und Werkheiligkeit sich umstimmte.

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