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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-14 · Heft 20 (14.5.1878) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 20 (14.5.1878)
Date
1878-05-14
Page
Seite 308 (sequence 4)
Language
German
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Muhammedaner die Juden stets viel milder behandelten als die Christen. Die christlichen Byzantiner waren es, welche Len Anfang machten. Das Abendland ist es daher, welchem sich Schl, besonders zuwendet, unv schildert er deshalb die Zustande der Juden in diesen Gegenden und im Beginn dieser Zeit etwas genauer. Er zeigt zuerst, daß das alte Israel durchaus ein ackerbauendes Volk gewesen, und noch tausend Jahre nach der Zerstörung des Tempels waren die Juden, wo es ihnen irgend möglich war, Landwirthe oder Weinbauer. Sie waren Mühlenbesitzer, Färber, Seidenbauer, Seidenfabrikanten, Purpurweber, Glasarbeiter u. s. w. Daneben nahmen sie den Großhandel in die Hand und bis zum 11. Jahrhundert wird ihnen von Niemand, auch von keinem wider sie gerichteten Gesetz ober Concilbeschluß der Betrieb von Geldgeschäften, b. h. Wucher, vorgeworfen. „Das Volk (Heiden, Christen und Muhammedaner) lebten im Ganzen bis zum 11. Jahrhundert mit den Juden in Eintracht und Frieden. Misch-Ehen waren häufig und ja auch gar nicht verboten. Der Umgang war freundschaftlich, selbst bei gemeinschaftlichen Gastmahlen, an denen nicht selten auch Geistliche theilnahmen; und das Alles dauerte noch lange fort, nachdem es von fanatischen Bischöfen verboten und mit strenger Strafe belegt war." Ausführlich erweist hierauf Schleiden: „Die ausschließlichen Regiffeure der Judenverfolgungen sind Bischöfe jener Zeit, diese eigentlichen Träger der Bornirtheit, Unwiffenheit und Unsittlichkeit unter den Christen, als welche sie sich von Anfang an erwiesen." Wie es kam, daß die Bischöfe eine so besondere Wuth gegen die Juden empfanden und bethätigien, macht der Verfasier sehr deutlich, und schildert dann die scheußlichen Gesetze, welche „bis zum Blödsinn" gegen die Juden geschleudert wurden. Darauf bespricht er die hauptsächlichen Beschuldigungen, welche gegen die Juden erhoben worden, den Sklavenhandel, die Tödtung von Kindern, die Entweihung von Hostien, die Vergiftung von Brunnen, Beschuldigungen, deren Erfindung und alleinige Bestätigung durch die Martern der Folter klargelegt werden. Hiermit schließt die erste Abtheilung der vorliegenden Abhandlung, deren Schluß wir mit Spannung erwarten. II. In dem eben erschienenen Maihefte erörtert Schleiden in der zweiten Abtheilung seines Aufsatzes den Vorwurf des Wuchers. „Jahrhunderte", sagt er, „ehe man den Vorwurf des Wuchers gegen die Juden hörte, zogen organisirle Banden von Christen unter den Namen: Lombarden, Etrusker, Florentiner, Kaorsiner, Ultramontane (uoweu et omen) u. s. w. in Europa umher, um sich durch betrügerische Leih- und Wuchergeschäfte zu bereichern; und dieses Gesindel wurde offen in seinen Schändlichkeiten von der römischen Kurie unterstützt. Aber erst nachdem die christliche Wuth ihre verworfenen Ziele erreicht hatte, als den Juden ihr Grundbesitz geraubt, ihr Vermögen geplündert, als ihnen durch die wahnsinnigste Tyrannei der christlichen Gesetze jedes ehrliche Handwerk und Gewerbe verboten, jede Beschäftigung untersagt war, durch welche sie ihr Leben hätten fristen können, als ihnen kein Ausweg gelasien wurde als Zins- und Wechselgeschäft, um sich vor dem Hungertode zu schützen, ja als sie sogar durch die Gesetze selbst auf den Wucher als das einzige ihnen erlaubte Gewerbe hingewiesen wurden, da ließ Verzweiflung sie dieses Mittel ergreifen. Aber auch hier standen sie noch immer höher als die Christen, wie christliche Schriftsteller anerkennen, die mittheilen, daß man von jüdischen Geldwechslern immer bester behandelt werde als von christlichen, wie selbst eine Resolution der Wiener Hofkammer von 1612 bestätigte. Aber es ist gewiß, von dieser Zeit (dem 14. und 15. Jahrhundert an) begann das allmälige Verkümmern der Juden. Es war den Christen endlich gelungen, durch die grausamste Tyrannei und Bedrückung ein geistig, sittlich und religiös edel, ja fast ideal angelegtes Volk herabzuwürdigen und in den Koth zu treten." Mit Entrüstung erhebt sich der Verfasier nach gegen die Behauptung: „Die Juden seien doch einmal Fremdlinge." Er erklärt dies für „eine kolostale Absurdität und historische Lüge", da er nachweist, daß in ganz Europa kein Volk autochthon ist und die Juden thatsächlich frühere Bewohner der meisten Länder gewesen, als diejenigen, welche sie vertrieben. Ungern unterzieht sich Schl, „der traurigen Aufgabe, die endlose Reihe der Scheußlichkeiten aufzuzählen, die die Christen unter Mißbrauch des Namen Gottes begangen haben." Gründlich setzt er das Wesen des mittelalterlichen Criminalproceffes auseinander, welcher durch die Folter die absurdesten Geständniste erzwang, Geständniste, die durch ihren blödsinnigen und geradezu verrückten Inhalt selbst die kurzsichtigsten Juristen von rem Werthe derselben hätten überzeugen müsten. Eine solche Beweiskraft haben denn auch alle die Geständnisse, welche den zahllosen gefolterten Juden entristen wurden. In kurzen Zügen entwirft nun der Verfasier ein Bild der hauptsächlichsten Judenverfolgungen in allen christl. Ländern. „So waren", schließt er es, „denn die Juden allmälig theils ermordet, theils verbrannt, theils vertrieben. Was noch da war, hatte man durch die sinnlosesten und brutalsten Gesetze ihres Eigenlhums beraubt, ihnen jeden ehrlichen Broderwerb verboten, ja sie gesetzlich auf das schmutzigste Gewerbe des Zinswuchers hingewiesen." Ergreifend schildert er, was eigentlich der Christ den Juden als Entschädigung, als „Sühne früherer Schandthaten" schuldig sei. „Viele, viele Hundertlausende haben mit ihrem Blute den europäischen Boden gedüngt. Hunderttausende haben durch heldenmüthige Selbstaufopferung das reinste Martyrium für ihren reinen Gottesglauben erlitten." Und doch, fügen wir hinzu, möchte diesen Strom von Blut die Fluth von Seufzern, Aengsten und Qualen übersteigen, welche in den Herzen der Ueberlebendeu hervorgerufen wurden durch den Druck und die Schmach, die sie Jahrhunderte lang zu ertragen hatten, nachdem die blutigen Verfolgungen aufgehört hatten! Und wer kann den Verlust an geistiger Arbeit, an geistigen Schöpfungen er-

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