Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1878)
- Date
- 1878-05-14
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 Anarchisten, der Socialisten u. s. w. eintreten lasten. Selbstverständlich sind daher bei den Extremen die Juden verhaßt, und befeinden sie diese in unverkennbarer Weise. Aus der Unkenntniß dieses conservativen Elements in den Juden entsprang der Jrrthum der Liberalen aus den dreißiger Jahren, zu denen Gutzkow gehört. Die Juden konnten sich in ihrer eigentlichen Masse nicht mit dem oberflächlichen Leben in der Politik oder in der Literatur begnügen — sie mußten ihren eigenartigen Boden, das Judenthum, von Neuem bearbeiten und bestellen, daß es zu einem saaten- und früchtereichen Gefilde werde; sie mußten ihr Judenthum vom Standpunkte der Cultur klaren und gestalten, und wiederum die Cultur vom Standpunkte des Judenthums zu begreifen streben — und da wir auf diesem Wege sind, verwundert sich der Altliberale, daß es so gekommen, und nicht wie er geglaubt, daß alle Juden „Voltairianer" würden. Und hierzu nur noch eine Bemerkung. — Zu dem günstigen Verlaufe, den die reformistischen Bestrebungen genommen, haben nicht wenig die Rabbinerversammlungen (1844 und weiter) beigetragen, wenn auch nur in indirecter Weise. Jener Umbildungsdrang im Judenthume hatte immer nur die Gesammtheit, d. i. die Lehre und den Cultus, im Auge. Etwa einen neuen Schulchan-Aruch auszuarbeiten, irgend welchen Gewistenszwang auf das Leben des Einzelnen zu üben, wäre ein falsches Unternehmen gewesen, erfolglos und unzweckmäßig. Um so weniger konnte es den Rabbinerversammlungen einfallen, sich als ein neues Sanhedrin zu constituiren und andere als allgemeine Fragen zu behandeln. Auf ihre materiellen Beschlüffe kam es daher gar nicht an, noch dazu, da selbst ein Majoritätsbeschluß der Rabbinen, die sich da zusammengefunden hatten, doch nur als ein Meinungsausdruck gelten konnte. Es erfolgten daher auch keine Beitrittserklärungen, und ebenso wenig hatten die Gegenerklärungen ihrer bannsüchtigen Widersacher eine Wirkung. Was aber als die factische Wirkung der Rabbinerversammlungen betrachtet werden muß, ist Folgendes. Wie sehr sich auch das Bedürfniß immer fühlbarer gemacht hatte und hier und da durchgedrungen war: so litten doch die reformistischen Bestrebungen, selbst betreffs des öffentlichen Gottesdienstes, noch immer an einer gewiffen Verschämtheit. Selbst ihre Anhänger scheuten sich noch gar sehr vor der Meinung der Orthodoxen und suchten diesen jeden Schritt vorwärts durch andere Zugeständniste abzuschmeicheln. Diesem Zustande machten der Zusammentritt der Rabbinerversammlungen, deren offenmüthige Erklärungen und öffentliche Verhandlungen mit dem unzweideutigen Zwecke, die Reform anzuslreben und ihre Gültigkeit zur Anerkennung zu bringen, ein Ende. Von da ab ging die Reform ihren offenen Weg, und wer sich zu ihr bekannte, that dies mit dem Bewußtsein, daß dies der richtige und gottgefällige Weg sei, das Judenthum zu conserviren. Die Romantik des Martyriums bei den Inden im Mittelatter. Bon M. I. Schleiden. Als Schleiden feine überaus verdienstvolle Abhandlung über „die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiecerbelebung der Wistenschaften im Mittelalter" (vgl. S. 799. 815, Jahrg. 157 6) veröffentlicht hatte, gab er den Entschluß kund, hieran eine Arbeit über die Romantik des Martyriums bei den Juden anzuschließen. Dieses Versprechen erfüllt er in dem eben erschienenen Aprilheft der „Westermanns illustririen deutschen Monatshefte", und wird den Schluß im Maihefte geben. Wir beeilen uns, eine Analyse dieses, nicht minder wichtigen, auf Sachkenntniß und Gerechtigkeit gestützten Aufsatzes zu bringen. Allerdings bearbeitet hier Schleiden ein Feld, bas der allgemeinen Kenntniß weniger fern liegt, als die wistenschaftliche Thätigkeit der Juden im Mittelalter. Die zahllosen Thatsachen aus der blutigen Verfolgung der Juden können beim besten Willen nicht ignorirt werden; desto mehr bemüht man sich, sie zu entstellen, ihre Ursachen und Motive zu verdrehen und nicht selten sogar sie zu beschönigen und die Schuld auf die Juden selbst zu wälzen. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit, daß ein bewährter Gelehrter wie Schleiden die öffentliche Meinung auch hierüber aufklärt, und desto größeren Dank sind wir rem Verfasier schuldig. Schleidens erste Arbeit fand bei allen juvenfeindlichen Kritikern keine günstige Aufnahme — aber irgend eine wirkliche Widerlegung ist nicht erschienen. Man wird auch gegen die vorliegende eine Menge Phrasen loslaffen, eine begründete Entgegnung jedoch wird ausbleiben, weil sie eben nicht möglich ist. Schleiden knüpft an die Behauptung Billroth's an: „Den unbegabten Juden fehlt die eigentliche Freude an der Romantik des Martyriums", und sagt: „Billroth muß eine besondere Leidenschaft dafür haben, sich durch seine Unwisienheit lächerlich zu machen, denn er mußte sich sagen, daß er von der ganzen besonders mittelalterlichen Geschichte der Juden absolut gar nichts wiffe, und in diesem Falle pflegt ein wahrhaft gebildeter Mann zu schweigen." Schon dies rechtfertigt den Verfasier für die Bearbeitung seines Gegenstandes, die, wie auch wir mit ihm voraussetzen, „für denkende und fühlende Menschen von Jnteresie sein wird." — Er geht hierauf die Geschichte des alten Israel bis zum Kaiser Konstantin durch und signalisirt die schweren Kämpfe, welche es zu bestehen hatte, doch viel weniger aus religiösen, denn aus politischen Gründen. Er meint natürlich hiermit die Triebfedern auf Seiten der Feinde Israels. Denn die eigentliche Widerstandskraft dieses Volkes selbst bestand, wie schon das Buch der Richter zum Bewußtsein bringt, in seinem religiösen Leben, in der Begeisterung und Treue für seinen religiösen Lebensinhalt. Die ersten eigenllichen Judenverfolgungen gingen von i Persien aus (im fünften Jahrhundert). Der Verfasier schildert! diese kurz bis zu Muhammed, hebt aber auch hervor, daß die 20*