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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-14 · Heft 20 (14.5.1878) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 20 (14.5.1878)
Date
1878-05-14
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 ihre eigenen Rechtsinstitutionen aufzugeben, wo ihnen dies auferlegt ward, obschon sie diese in vielen Theilen noch lange hatten erhalten können; sie standen nicht an, sich aller Orten, wo es ihnen gestattet wurde, in das öffentliche und geistige Leben der Völker zu versenken, und endlich seit einem Jahrhundert sich den Völkern zu amalgamiren, welche ihnen die Ghetti öffneten und die bürgerliche Gleichstellung gewahrten. Dies Alles bezeugt wahrlich keinen stabilen Charakter, sondern den stetigen Trieb und die immer erneuete Kraft, sich innerlich wie äußerlich nach den Bedürfnissen der Entwickelung und nach den Umwälzungen der Verhältnisse umzugestallen, und sich neuen Beziehungen mit ganzer Energie hinzugeben. Demungeachtet gewahren wir an den Israeliten aller Zeiten auch den Drang und die Kraft, sich ihren geschichtlichen Boden und Unterbau nicht nehmen zu lassen, ihn vielmehr zu bewahren und zu verlheidigen. Nicht einen Augenblick hat dieser Bolksstamm, auch unter den furchtbarsten Kämpfen und Bedrängnissen, die Fahne des reinen Monotheismus von der Grenze Egyptens bis zum heutigen Tage verlassen, soweit er sich um sie und am wenigsten, nachdem er sich ganz um sie geschaart hatte. Als sich die Israeliten einen Königsthron errichteten. setzten sie ihm die Bedingung der Treue gegen das mosaische Gesetz, durch welches seine Gewalt geregelt und beschränkt wurde; als sich zehn Stämme losriffen, blieb dennoch der davidische Thron bestehen und alles Abfalles ungeachtet, wurde der Tempel immer wieder dem einzigen Gotte erhalten und geweiht. Als sich die Exulanten in Jerusalem wieder festgesetzt, wiesen sie die Samaritaner, so gefährlich dies auch war, zurück, um ihr national-religiöses Gemeinwesen rein zu erhalten. So weit sich auch die jüdischen Colvnisten verbreiteten, der Kern der Nation ging in Tod und Untergang, um ihr Heiligthum aufrecht und rein zu erhalten. Trat das Gebet an die Stelle des Opfers, so wurde es doch als eine Verpflichtung angesehen, die Schriflstellen über das Opfer im Gebete zu recitiren. In der Theorie gaben die Talmudisten nicht ein Körnlein des Gesetzes auf und sie discutirten die juridischen, agrarischen u. s. w. Gesetzesbestimmungen mit demselben Ernste, mir derselben Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit, als ob sie allesammt noch in Geltung wären. Aufrichtig sich dem Leben und den Interessen der Völker und Staaten, in deren Mitte er lebte, hingebend, erhielt sich der jüd. Velksstamm stets seine messianifchen Hoffnungen nach der Art, in welcher er diese in den verschiedenen Zeiten verstand. Wie er auch verfolgt und gejagt wurde, pflegte er immer von Neuem seines Gemeindewesens und brachte den Instituten desselben alle erforderlichen Opfer; nirgends verfiel er der Auflösung, und fand immer wieder die Fäden einer cultuellen Zusammengehörigkeit. Fassen wir diese Erscheinungen von beiden Seiten zusammen, so werden wir den Grund der jüdischen Volksseele weder als stabil noch als revolutionär erkennen, sondern in dem Sinne conservativ, wie wir ihn oben definirt haben. Wir haben schon oft genug nachgewiesen, daß in der mosaischen Gesetzgebung die Principien des Liberalismus ausgesprochen und durch die einzelnen Institutionen innerhalb der gegebenen Verhältnisse verwirklicht wurden. Auch bethätigte das israelitische Volk in allen Phasen seines Bestandes den Drang nach Unabhängigkeit und den Widerspruch gegen aristokratische und hierarchische Gewalten. Das jüdische Gemeindewesen bestand stets auf der Gleichberechtigung aller seiner Mitglieder und erhielt sich so unter allen Zeitverhältnissen, wenn auch im engsten Kreise, liberale Grundsätze. Weder die Gelehrtenautorität, noch die Plutokratie vermochte jene zu erschüttern, wenn auch der persönliche Einfluß davon bestimmt wurde. Die Erfahrungen, welche die Juden im Mittelalter und in der Neuzeit im Uebermaß machten, belehrten sie, daß sie die ärgsten Feinde in der Pöbelanarchie und in illiberalen Machthabern zu suchen hätten. Günstigere Verhältnisse erwuchsen ihnen nur da, wo freisinnigere Fürsten den Herrscherstab führten. Dennoch vermochte der Absolutismus es nicht über sich, gegen die jüdischen Unterthanen volle Gerechtigkeit auszuüben. Kaum daß er sich dazu entschloß, den Leibzoll aufzuheben; zur Freizügigkeit schon konnte er sich nicht erheben. Wenn das Edict vom 11. März 1812 diese für die damaligen engen Grenzen der preußischen Monarchie den Juden zugestand, so wurden schon 1815 die wieder- und neuerlangten Provinzen davon ausgeschlossen und die in denselben gültigen 22 Judengesetze in Rechtskraft erhalten. Am ängstlichsten war man aber hier wie in ganz Deutschland und in Oesterreich gegen die jüdische Intelligenz, und ihr verschloß man alle Wege des öffentlichen Lebens in peinlichster Weise. Was z. B. das erwähnte Edict von 1812 zugestanden halte, nahm eine Cabinetsordre von 1818 wieder zurück, und noch das Judengesetz von 1847 drückte das Siegel auf die Verbannung aller Juden aus dem Staatsleben. Das Jahr 1848 fand daher alle Juden auf der liberalen Seite und selbst eine verhrltnißmäßig starke Vertretung derselben in den revolutionären Elementen. Der Uebergang vom Absolutismus zum Constitutionalismus konnte in ganz Mitteleuropa, wie die Geschichte lehrt, nur durch revolutionäre Erschütterungen bewirkt werden, und wiederum erst durch diesen Uebergang die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen ohne Berücksichtigung der Confession zum Slaatsgrundgesetz erhoben werden. Die Parteistellung der Juden in dieser politischen Constellation war demnach auf's Bestimmteste vorzezeichnet. Aber auch im weiteren Verlaufe der politischen und socialen Entwickelung mußten und müssen die Juden aufrichtig dem Liberalismus ergeben sein, jedoch nur dem Liberalismus, der ebenso gegen den revolutionären Radikalismus als gegen die Reaction Front macht. Hierin, gewissermaßen in dem conservativen Liberalismus, liegt der Charakter des jüd. Stammes, wie wir ihn oben gezeichnet haben, ausgesprochen. Der Reaction wird ein wirklicher Jude niemals angehören; dahin können ihn nur persönliche Motive führen — aber ebenso sind es nur persönliche Triebfedern und Neigungen, welche etwa diesen oder jenen Juden in die Reihen der grundsätzlichen Revolutionäre, der

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