Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1878)
- Date
- 1878-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Dicf- Zeitung «Ildeiut wSLentlich, einmal in 2 bis ~Bogen. Preis Bicrleliädrig :r Mark. Sn,'erste werven mit Pf. sür die Petirzcilc oder deren Raum dereÄnet. Alle PuLdauLmn^en, Postämter und ZeimngS--Exvedirione» nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp soll in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Sn rrvactioneven Nngclegenhencn! wende man stS >,n Ur. t. Ptiiltpvron in j Bonn: öinfidnli* der Sirerare an A. Messe m veivng und dess n Si>i.ilen in Bc-.lin. BrcSlaurc. Snserair, welche di» vonnerliaa eingeden finden in der carausfolgcnd'en stummer Berückstchtigrcng. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 42. Jahrgang. Leipzig, den 14. Mai 1878. JV? 20. Inhalt. Leitende Artikel: Einige Blicke in Bcrgaugenbcit und Gegenwart. II. — Die Romantik des Martvriums bei den Inden im Mirrclalter. 1. und N. — Die Moral der Pirkc-Aborb. I. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig, Stuttgart. — Oefterreick- Ungarn: Wien, Pest, Krakau. — Frankreich: Paris. — Italien: Florenz. — Holland: Amsterdam. — Großbritannien: London. — Rumänien: Bukarest. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Pintschew und Minrschew. (Schluß). -CeiteuOc dXthßef. Bonn, 8. Mai. Einige Sticke in Vergangenheit nnd Gegenwart. II. So viel, geht aus den Erscheinungen, die wir im ersten Artikel besprochen haben, hervor, daß in der Natur des jüdischen Volksstammes ein starkes conservatives Element enthalten ist. Diese Ansicht ist bisweilen verkannt, bisweilen in übertriebenem Maße betont worden. Wir wollen deshalb die Sache etwas naher untersuchen. Revolutionär ist die Tendenz, welche alles Bestehende beseitigen und durch neue Gestaltungen ersetzen will; reactionar und stabil hingegen ist das Streben zu nennen, das Bestehende unbedingt zu erhalten und zwar unverändert so, wie es besteht. Conservativ nennen wir daher, was in der Mitte dieser beiden Extreme, nach dem Bedürfnisie und dem Geiste der Zeiten das Bestehende zwar modificiren, mehr oder weniger umgestalten, jedoch in seinen wesentlichen Bestandtheilen auf dem historisch gegebenen Boden erhallen will. Und nach dieser Definition erachten wir die Art des jüdischen Volkscharakters für conservativ. Es versteht sich von selbst, daß das Wesen und Leben sich nicht streng nach solchen Definitionen darstellt, sondern bald diesem bald jenem Zuge mehr folgt, je nachdem der Drang der Verhältniffe, die Ncthwendigkeit der Umstände dahin treibt. Dies hat sich nun in der ganzen Geschichte des jüdischen Bolksstammes erwiesen. Wir wollen die Frage nicht aufwerfen, ob dieser Charakter der ursprüngliche oder der ihm durch seine Geschichte anerzozene sei? Von vornherein kann man schon voraussetzen, daß ein Stamm, der über dreiundeinhalb Jahrtausende existirt, und zwar nicht in einer sagenhaften Vorzeit, sondern mitten in den Bewegungen des geschichtlichen Lebens bis zum heutigen Tage, weder revolutionär noch stabil sein konnte; in beiden Fällen hatte er nickt bestehen bleiben können. So sehen wir denn, um einige Hauptzüge anzuführen, die Israeliten nickt ansteben, das Land vollständig zu verlaßen, in welchem sie 430 Jahre gewohnt hatten; sie stehen nicht an, ihre Republik auszugeben und sich eine monarchische Centralgewalt zu schaffen, als sich die benackbarten kleinen Völkersckaften zu größeren, wie Philister, Moabiter, Edomiter zusammengeballt batten und ihnen immer gefährlicher wurden.l) Es standen zehn Stämme nicht an, sich von dem Davidiscken Hause loszureißen, als dies eine despotische Gewalt sich anmaßte. Aus dem Exil wanderten Hunderttausende aus den fckönen Euphratländern in die alte, öde und trümmerreiche Wohnstätte zurück; aber ebenso standen sie nicht an, schon seit der Zeit Alexander des Große», als Palästina der Kampfplatz der egyptifchen und syrischen Dynastien geworden, auch aus diesem auszuwandern nnd sich in glücklicheren Ländern anzusiedeln; sie standen nicht an, ihrem Drange nach Belehrung und Gebet folgend, neben dem Tempel Synagogen zu errichten, und nach dem Falle des Tempels den Gebetcultus für einen vollständigen Ersatz des Opfercultus zu erklären; sie standen nicht an, sich den staatlichen Gesetzen überall willig zu unterziehen und l) Die l Mos. 15, 19—21 aufgcführtcn Völker waren damals bereits in die anderen aufgcgangen.