Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1878)
- Date
- 1878-05-07
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
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vom Gebet in der Schule, aber ich will Dir so antworten, wie Du fragst. Moses hat das Gebet nicht eingesetzt". „Nicht eingesetzt!" Pintfchew erhob die Hände und sprang wie ein Böckchen umher, er kicherte vor Wuth. „Und das Gebet kann überhaupt kein Gottesdienst sein", schloß Mintschew ruhig. „Kein Gottesdienst?" „Nein, kein Gottesdienst," fuhr Mintschew lächelnd fort, „es ist ein Unsinn, das Gebet Gottesdienst (Abodah) zu nennen. Jemand einen Dienst leisten, heißt so viel, als Etwas für ihn verrichten, was er selbst nicht verrichten kann oder will. Äst das richtig?" Pintfchew nickte heftig. „Nun also, wenn das Gebet ein Dienst ist, den wir Gott erweisen, so folgt daraus, daß eigentlich Gott selbst beten sollte und der Mensch für ihn betet, weil er nicht beten kann oder will. Das ist doch ein Unsinn?" „Ein Unsinn!" raste Pintfchew. „dann ist der Talmud ein Unsinn, daun ist die Thora ein Unsinn oder Du bist ein Esel." Der Narr steckte seinen Kopf zur Thüre hinaus, musterte die Beiden und sang mit meckernder Stimme: „Ich will lieber Bauer werden, ackern mit dem Pstug, Narren giebt es heutzutage allerwärts genug, 2a ein Schnorrer will ich sein, alle Posten lasten. Denn die Thorheit treibt ihr Spiel offen auf den Straßen." Zufrieden mit dieser glücklichen Improvisation zog er sich in den Tauzsaal zurück, um sie dort den Gasten noch warm von der Pfanne zum Besten zu geben. Pintfchew und Minstchew hatten ihn gar nicht gehört. „Wer sagt Dir, baß Gott nicht betet?" fragte Pintfchew triumphirend. „Zu wem betet er denn?" spottete Minstchew, „etwa zu sich selbst." „Gewiß betet er zu sich selbst." „Beweise mir das, Pinstchew." „Nichts leichter als das." .Mo." .Kennst Du Len Talmud?" fuhr Pinstchew stolz fort und wiegle sich dabei, die Daumen im Gürtel, nachlässig auf dm Absätzen hin her, „Du kennst ihn nicht. Der Talmud sagt, daß Gott wirklich betet und er beweist es auch." Minstchew lächelte. „Der Talmud beweist es im Traclal Berachot, Du hast wohl noch nie was gehört vom Tractar Berachot, lieber Mintschew? also in diesem Tractat beweist der Talmud, daß Gott betet, er beweist es durch den Propheten JsaiaS. Durch diesen spricht Gott, Äfaias 55, 7: Ich führe sie einst zu meinem heiligen Berg und erfreue sie in meinem Gebethause —" „Was folgt daraus?" „Gott sagt nicht in ihrem, sondern in meinem Gebet- „Unsinn," unterbrach ihn Minstchew, „sein GebethauS ist jenes, in dem ihn die Menschen verehren." Doch Pinstchew war nicht der Mensch, sich unterbrechen zu taffen, er schrie als rufe er aus dem Fenster eines brennenden Hauses um Hülfe. „Gott sagt nicht in ihrem, sondern in meinem Geberhause, also hat Gott ein Geberhaus und wenn er ein Gebethaus hat, so betet er auch darin." „Kannst Du mir vielleicht auch sagen, wie Gott betet?', fragte Minstchew, indem er eine Rose zerpflückte und unter feine Nase hielt, „Du Talmudweiser, Du Jlau?" i) „Gewiß kann ich Dir das sagen," erwiderte Pinstchew, bleich und am ganzen Leibe bebend. „Wie betet er also?" „Der Talmud" — die Stimme Pinstchew's pfiff nur noch durch seine Zähne, als er dies sprach, „der Talmud sagt im Tractat Berachot 9, daß Gott bas folgende Gebet au sich richte: 'Es sei mein Wille, daß meine Barmherzigkeit meinen Zorn unterdrücke' —" „Genug," fiel Minstchew ein, „fühlst Du denn nicht, wie sehr Du Gott lästerst?" „Ich?-ich — lästere Gott —" Pinstchew war nahe daran Mintschew beim Barte zu fasten. „Begreifst Du nicht, daß Du Gott erniedrigst, wenn Du ihm zumuthest, daß er des Gebetes bedarf, um seine Barmherzigkeit über seinen Zorn siegen zu laffen und, wenn sein Zorn wirklich so groß ist, daß seine Barmherzigkeit denselben erst besiegen muß, begreifst Du nicht, daß Gott nur zu wollen braucht, um seinen Zorn zu besiegen nnv daß ihm zumutheu, daß er der Hülfe des Gebetes bedarf, nicht nur an seiner Güte, sondern auch an seiner Allmacht zweifeln heißt?" Pinstchew blieb eine Weile sprachlos. „Nun, hast Du nichts zu erwidern," sagte Minstchew nach einer Weile, „was sagt nun der Talmud?" Pinstchew schwieg noch immer. Kuniz Blauweiß, der Branntweinpächter, kam ans dem Hause, um Luft zu schöpfen. Er sah die Beiden, sie aber sahen ihn nicht. „Zur Zeit Moses," begann Minstchew von Neuem, „gab es nur Opfer im Tempel, keine Gebete der Gläubigeu." Blauweiß spitzte die Ohren und zog sich etwas zurück in den tiefen Schatten der Thür, um ungestört lauschen zu können. Sein feistes rothes Gesicht nahm sofort einen geistigen Ausdruck hoher Spannung an. (Schluß folgt.) t) Besonders genialer Talmudgelehrter.