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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-07 · Heft 19 (7.5.1878) · p. Seite 299

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 19 (7.5.1878)
Date
1878-05-07
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
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299 den Anfang der dritten und bedeutendsten Erzählung „Pintschew und Mintschew" hier wiederzugeben. „Aus dem verlotterten schmierigen Hause des Kaufmanns Markus Zolles dringen weinerlich lustige Stimmen in die ruhige Abendluft, auf der ein starker Geruch von Himbeeren und Rosen schwer und einschläfernd liegt. Es sind Stimmen von Instrumenten und scheinen Menschenstimmen zu sein, und sie erklingen jetzt alle zusammen und wieder gegeneinander wie das tönende Chaos eines galizischen Jahrmarktes. In der großen Smbe mit der niederen rußigen Decke, die den Leuten förmlich auf den Köpfen lastet, tanzen langbärtige Männer in langen Kaftanen und Frauen mit perlengefiickten Stirnbinden, sie tanzen nicht zusammen, sondern Kaftane mit Kaftanen und Stirnbinden mit Stirnbinden. Es ist eine jüdische Hochzeit. Die Braut sitzt unter einer Art Thronhimmel und knuppert an einem Gebäck, das versteinert scheint und der Bräutigam im seidenen Talar, die hohe Zobelmütze auf dem Kopfe, steht draußen in der schweren Himbeerluft und streitet mit einem Manne in einem lilafarbenen Rock. Es handelt sich weder um eine Ehrensache, noch um ein Geschäft, es ist nicht einmal Eifersucht im Spiele und die beiden sind vollkommen nüchtern, aber sie streiten mit wahrhafter unverfälschter Wuth und schreien, als wollte sich ein Zeder einer Volksversammlung verständlich machen. Sie streiten über eine Frage aus dem Talmud. Pintschew, der Bräutigam, hat, wie es sich ziemt, vor den Gästen einen schönen talmud. Vortrag gehalten, alle waren zufrieden mit demselben und mit dem Meth, den sie dabei tranken, nur Mintschew fand es uöthig zuwidersprechen, er behauptete, weder in der Thora noch im Talmud seien öffentliche Gebete vorgeschrieben, dieselben seien später von den Rabbinern eingeführt worden und es bestehe keine Pflicht für den ftommen Zuden, an denselben Theil zu nehmen. So entstand der Streit und spann sich fort, von der Tafel in den Tanzsaal und aus dem Tanzsaal auf die Straße hinaus. Zn der Art wie Pintschew und Mintschew stritten, sprach sich ihr ganzer Charakter aus. Der lange magere Pintschew, deffen farbloses Gesicht, mit Sommersprossen bedeckt, dem gesprenkelten Ei eines Rebhuhns glich, deffen Nase, klein, wie ein Schwämmchen in diesem Gesichte stand, deffen hellblaue Augen unablässig zwinkerten, nicht anders, als waren sie von einem starken Lichte geblendet, hatte ein Temperament, das genau so viel vom Feuer an sich hatte, wie sein Haar, das sich auf dem Kopfe und um das Kinn kräuselte, leckenden Flammen ähnlich. Er war ein Frauenschneider, aber er sprach wie ein General, der seine Soldaten haranguirt und der gewohnt ist, daß sie ihn einfach anhören. Widersprach man ihm, so wurde er heftig, er blickte fast mordlustig, obwohl er nicht fähig gewesen wäre, eine Mücke zu tödten, die sich irgendwo auf seinem Körper niederließ und sich mit seinem Blute vollsog, und die Worte kamen aus seinen Lippen wie Bienenschwärme. Mintschew dagegen sprach selten mit Menschen, er war nur gewohnt, mit seinen Pferden zu sprechen, denn er war ein trefflicher beliebter Kutscher, und da er seinen Pferden nicht viel zu sagen hatte und sie auf dieses Wenige nur mit einem Niederlegen oder Auftichten der Ohren, mit einem Schlag des Schweifes oder höchstens mit einem kurzen Wiehern Antwort gaben, so hatte er sich eine ruhige, gemeffene Art der Rede angeeignel, es war als geize er mit Worten, als habe jedes derselben einen unschätzbaren Werth in seinen Augen. Er war indeß nicht nur in seiner Rede, sondern in allem und jedem gelassen. Er sprach mit Händen und Füßen ebenso wenig, als mit den Lippen, am meisten sprach er noch mit den Augen, die unter der vorspringenden Stirn und in dem lederbraunen, gleichsam gegerbten Gesichte, zu beiden Seiten der starken Nase mit dem einem türkischen Sattel gleichenden Buckel, groß und schwarz erglänzten, sich zuweilen schwärmerisch öffneten oder spöttisch zusammenzogen, oder fast traurig vor sich hinblickten, immer aber einen gewinnenden Ausdruck behielten, der aus dem Herzen zu kommen schien, vollends dann, wenn er lächelte und er lächelte nicht allzuselten. Man sah nur eine Bewegung häufig an ihm. Er strich gerne sein schwarzes Haar zurück. Zn seinem Wesen war nichts von jüdischer Demuth oder Zuthunlichkeit, man konnte ihn stolz nennen, ohne daß er irgendwie fühlen ließ, daß er sich für etwas Besseres halte, dieser Stolz lag nur in feiner Haltung, die seiner kleinen, untersetzten, kräftigen Gestalt etwas Soldatisches verlieh, obwohl er niemals den Kalbfelltornister getragen hatte und Schießgewehre mit demselben Abscheu betrachtete, wie der frömmste und ängstlichste seiner Glaubensgenossen. Wie die Beiden so stritten, oder eigentlich wie Pintschew stritt und Mintschew nichts weiter that, als etwa Einer, der ab und zu das Feuer mit dem Haken schürt, so daß von Neuem die Flammen emporflackern, erschien der Schames auf der Schwelle des Hauses, sah sie erstaunt an, schüttelte den Kopf und verschwand wieder. Die Beiden bemerkten ihn nicht. „Kennst Du den Talmud?" schrie eben Pintschew, „Du kennst ihn nicht, wie es scheint, also ist es müßig, mit Dir, einem Amharez, zu sprechen, aber ich will Dich dennoch belehren um Deines Seelenhells willen. Der Talmud - beweist, daß es unsere Pflicht ist zu beten, der Talmud beweist das im Tractat Thaanith, er weist auf Moses hin, der Talmud, der da sagt, der Moses, 2 Moses 23, 25, der va sagt: Zhr sollt dem Ewigen, Eurem Gotte, bienen. Und er sagt zu sagen der Moses, 5 Mos. 11, 3, thut er sagen: ihm — nämlich Gott — mit ganzem Herzen dienen; es fragt sich also, wie kann der Mensch Göttin seinem Herzen dienen? Antwort: durch Gebet, also ist der von Moses eingesetzte Gottesdienst das Gebet." Mintschew lächelte. „Wir sprachen nicht vom Gebet, sondern 19*

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