Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1878)
- Date
- 1878-05-07
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Sentimentalität und so weit es möglich ist, der Logik. Principiell bleibt, wie gesagt. Alles beim Alten. Nicht bloß der Protest gegen die Einverleibung des Kirchenstaates in Italien, wird mit aller Kraft wiederholt, sondern auch die Unfehlbarkeit des päpstlichen Stuhles und der Syllabus mit allen seinen Derdammungsurtheilen gegen die Constitutionen und Bolksrechte der Staaten aufrecht erhalten. Der Gedankengang des vorliegenden Schriftstückes ist einfach: Dadurch, daß sich die Volker von der Autorität der Kirche und des päpstlichen Stuhles freigemacht, sind die furchtbarsten Uebel, die Kriege, Revolutionen und sittliche Entartung über jene hereingebrochen; wenn sie wieder glücklich und ruhig werden wollen, so müssen sie zum Gehorsam gegen die Kirche und den römischen Stuhl zurückkehren. Dies ist Alles, und man wird zugestehen, es ist nichts Neues, sondern immer wieder daS Alte. Mit einer anstaunenswerthen Naivität werden die glücklichen Zeiten des Mittelalters, nämlich der Zeit, wo die Autorität Roms unbedingt anerkannt wurde, gerühmt, als ob es gar keine Geschichte dieses Mittelalters, seiner ewigen verheerenden . Kriege, seines Faustrechtes, seiner Leibeigenschaft, seines erdrückenden Aberglaubens, seiner allem Rechte und aller Humanität hohnsprechenden Institutionen, besonders auch keine Geschichte der Papste und ihrer Politik gäbe! „Jene Zeiten," ruft der Papst auS, „die an vortrefflichen Einrichtungen, an Ruhe des Lebens, an Wohlfahrt und Gedeihen um so mehr geblüht haben, je größere Achtung die Völker dem Regiment und den Gesetzen der Kirche entgegenbrachten." Die Dinge liegen jedem Geschichtskundigen zu klar vor Augen, um ein Wort hierüber verlieren zu sollen. Wenn der Papst „die Gerechtigkeit und die Liebe" jener Zeiten mit Emphase rühmt, so war eS eine Gerechtigkeit, die mit Keulenschlägen, und eine Liebe, die mit der Brandfackel tödtete! Doch dies zu beleuchten ist nicht unsre Aufgabe. Wir wollten nur darauf Hinweisen, daß diese Encyclica auch nicht um den geringsten Schritt von dem bisherigen Wege der römischen Curie abweicht, wenn auch durch sie nicht geradezu ausgeschlossen wird, Vermittelungsvorschlage an verschiedene Staaten zu erörtern — Weiteres aber gewiß nicht. Griechenland. Athen, im April. Die Blätter Athens melden eS mit einer Art Befriedigung, daß sich unter den Insurgenten in Thessalien und Macedonien auch mehrere Israeliten aus Griechenland und seinen Inseln befinden, deren Tapferkeit allgemeine Bewunderung errege. Drei derselben starben jüngst in der Schlacht bei Makrinitza den Heldentod und wurden mit allen militärischen Auszeichnungen auf dem Schlachtfelde selbst zur ewigen Ruhe gebettet. Am offenen Grabe betete ein griechischer Geistlicher für die Seelenruhe dieser drei Patrioten. ErwähneaSwerth dürste auch noch sein, daß unter den Liedern, mit denen die erwähnten Insurgenten sich zum Kampfe für ihr Vaterland begeistern, zwei, der Feder des jüdisch-griechischen Dichters llr. Samueli Romani entflossen sind, der als praktischer Arzt in Korfu lebt und zu den hervorragendsten neugriechischen Literaten gehört. lDie obigen Nachrichten haben auch auf uns einen liefen Eindruck gemacht. Jedermann weiß, von welcher niederträchtigen Gesinnung gegen die Juden das griechische Volk beseelt ist, und daß alle Judenhetzen im Oriente, im Hafen von Galacz und Odessa, in der Nähe von Stambul und in Smyrna, vom griechischen Pöbel allsgegangen sind. Wenn in dieser Bolksmaffe die Ansichten sich umwandelten und einer wohlwollenden Gesinnung Platz machten, so wäre ungemein viel gewonnen. Auf der Insel Korfu war schon unter der englischen Oberherrschaft ein sehr stiedliches Verhältniß zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung vorhanden, und dies verstärkte sich nur, nachdem die Insel Griechenland einverleibt worden. Bei einem Besuche des Königs sprach dieser sich äußerst wohlwollend aus. Als den besten Beweis können wir wohl die im Mai 1874 iS. 371) von uns gemeldete Wahl eines Juden, des Herrn Elia de Mords zum Podesta, d. i. Bürgermeister der Insel anführen. Daß ein Israelit dieser Insel Verfasser griechischer Kriegslieder geworden, ist uns deshalb durchaus nicht auffällig. Redact.) Türkei. Philipopel, im April. (Privatmitth.) Durch einen kaiserlichen russischen Ukas ist die Neuorganisation Bulgariens für die nächsten zwei Jahre, wahrend derer die russische Occupation deS Landes andauern soll, angeordnet. Das Land wird in Bezirke und Kreise getheilt unter einem russischen Generalgouverneur und Untergouverneur, welchen letzteren eine Art Conseil wie ein Gerichtshof zur Seite stehen soll. Conseil und Gerichtshof bestehen nur aus Bulgaren, werden nur von Bulgaren gewählt und von der russischen Regierung bestätigt. Für den Gerichtshof existirt noch kein Gesetzbuch; er soll vielmehr nach den bulgarischen Gewohnheitsrechten, wenn er will auch nach den bisherigen türkischen Gesetzen, sonst nach Recht und Billigkeit richten. Eine Berufung von diesen Gerichtshöfen erster Instanz findet nicht statt. In dem ganzen Ukas, folglich auch in der ganzen Organisation, ist von einer außerbulgrrischen Bevölkerung nicht die Rede, weder von Mohammedanern, noch von Griechen, weder von Wallachen, noch von Juden. Auch die Polizei und Miliz wird bloß aus Bulgaren gebildet. Diese sind also zu unumschränkten Herrschern, die anderen zu Unterdrückten und Beherrschten gemacht, so jedoch, daß auch die Bulgaren unter der russischen Oberherrschaft stehen. Dies ist das objective Bild, welches die Neuorganisation Bulgariens darbietet; subjektiv vermag ein Jeder, ohne die Phantasie stark in Anspruch zu nehmen, sich die Zustände selbst auszumalen, die sich daraus entwickeln werden. — Die nächste Wirkung ist denn auch schon da. Ei» furchtbarer Auf-