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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-07 · Heft 19 (7.5.1878) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 19 (7.5.1878)
Date
1878-05-07
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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295 lassen. Es versteht sich von selbst, und kann doch den Ellern selbst nicht verborgen bleiben, daß diese Jugend auf der Linie, welche die Eltern innehalten, durchaus nicht verharren kann. Mit der höheren Schulbildung wird die Jugend zugleich jener stabilen Orthodoxie entrückt, und kommt mit dem Leben im elterlichen Hause in directen Widerspruch. Die Eltern wissen dies, geben aber doch lieber die Zukunft ihrer eigenen religiösen Ansicht auf, als ihre Kinder von diesen Anstalten fernzuhalten. Ist es nun nicht theils Selbsttäuschung, theils Heuchelei, wenn sie sich auf ihre Orchodoxie steifen und gegen alle besseren Bestrebungen im Juventhum schimpfen? Das Schlimmste dabei ist, und wir müssen es offen aussprechen, daß es nicht etwa ein Trieb, sei es auch nur ein instinctiver, nach höherer Bildung ist, welcher sie zn obiger Thatsache drängt, sondern einfach, weil sie das „Fortkommen" ihrer Kinder im Leben eifrig wünschen, und dies nur durch eine gute Schulbildung erlangen zu können glauben — d. h. der materielle Zweck überwiegt bei ihnen jedes religiöse Bedenken. Dies ist der Charakter unserer hiesigen Orthodoxie. Fürth, 22. April. (Eingesandt.) Heute, am Jahrestage des verlebten Hamburger Obergerichtsraths Dr. Gabriel Riesser, einstigen zweiten Bicepräsidenten der deutschen Nationalversammlung, hielt die Collatur der zum Andenken an Riesser von den Fürther Freunden und Verehrern Riessers gegründeten Gabriel Rieffer'schen Stipendienstiftung ihre ordentliche Jahressitzung. Das rentirliche Vermögen der Stiftung beträgt zwar nur 5842,88 Mk. Doch konnten. Dank den Beiträgen der israel. Cultusgemeinven Fürth, Forchheim, Marktbreit, Nürnberg, Regensburg und Würzburg, diesmal 1116 Mark zur Vertheilung gebracht werden. Es erhielten vier Stuvirenbe der Rechtswissenschaften je 160 M., zwei Sludirenbe desselben Faches je 108 M., zwei Stubirenve der Medicin je 105 M., ein Schullehrerseminarist 50 M. Sämmtliche Stipendiaten sind sehr gut, einige ausgezeichnet qualificirt. Um so bedauerlicher ist es, daß nur so verhältnißmäßig geringe Stipendien gewährt werden konnten. Die Collatur beabsichtigt darum abermals, sich an die bayerischen Culmsgemeinden mit der Bitte um Jahresbeiträge zu wenden. Hoffen wir, daß ihr diesmaliger Appell erfolgreicher sei, als der vorjährige. Charakteristisch ist übrigens, daß von den 7340,86 M. de: bis jetzt vertheilten Stipendien, auf Studirende aus een Gemeinden. aus deren Mitte die Beiträge flössen, im ganzen 416 M. entfallen sind, nämlich 200 Mark auf Fürth und 216 Mark auf Regensburg. Oesterreich-Ungarn. Lemberg, 23. April. Der „N. fr. Pr." schreibt man von hier: „Bor nicht langer Zeit hat sich unter den hiesigen Israeliten ein polnischer Verein gebildet, der eS sich zur Aufgabe macht. das sociale und politische Verhältniß zwischen den Juden und Polen, das hierzulande seit den letzten Jahren in Folge der destructiven Tendenzen eines andern Vereins ganz unleidlich geworden ist, erträglicher zu gestalten, andererseits aber die israel. Bevölkerung vor den nachtheiligen Folgen polnischer Utopien sorgfältig zu bewahren. Gestern hat nun die Generalversammlung dieses Vereinstattgefunden, und wir konnten aus dem zur Verlesung gelangten Rechenschaftsberichte des Ausschusses ersehen, daß die versöhnliche Wirksamkeit des „Dorsche Schalom", der bereits mehrere hundert, ausschließlich der Intelligenz angehörige Mitglieder zählt, allenthalben großen Anklang gefunden habe. An der Spitze des Vereins stehen die Landlagsabgeordneten Dr. Goldmann, Lazarus und Dr. Zucker. ferner der Reichsrathsabgeordnete Hermann Mises und der Gemeinderath Dr. I. Blumenfeld." (Aus dem Obigen ist die Tendenz des neuen Vereins nicht recht klar zu erkennen, und wünschen wir darüber etwas Näheres zu erhalten. Daß in unseren galizischen Glaubensbrüdern stets zwei Strömungen bestanden, die eine, um den Uebergriffen der Polen, die sich namentlich gegen die Juden so oft fühlbar machten, entgegen zu treten und dem .deutschen Culturelement sein Recht widerfahren zu lassen, die andere, welche einen Ausgleich mir den polnischen Nationalen anstrebt, ist längst bekannt. Wir begreifen beide Tendenzen, und wünschen nur, daß sie sich nicht feindlich begegnen mögen, um so die Minorität der Juden zu spalten und ihre Kräfte gegeneinander aufzureiben! Revacrion der Allg. Ztg. v. I.) Italien. Rom, 26. April. (Privatmitth.) Der neue Papst Leo XHl. hat seine erste Encyclica an die Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe unter dem 21. April erlassen. Es gehört dieses Schriftstück eigentlich zu den Internen der römisch - katholischen Kirche. Aber in Anbetracht der Vehemenz, mit welcher die „streitende Kirche" auch gegen die Juden sich gewandt hat, und der Grundsätze, welche die Encyclica und der Syllabus des vorigen Papstes zu Dogmen erhoben, und die die staatsbürgerliche Existenz der Juden gefährden, ist es wohl auch für uns von Interesse, einen Blick auf dieses Schriftstück zu werfen. Man war gewissermaßen darauf gespannt, um den Geist des neuen Papstes und die Tendenz, die er verfolgen werde, daraus zu erkennen, noch dazu, da man im Voraus so viel von dessen versöhnlichen Absichten gesprochen hat. Man erkennt nun leicht, daß der Gevankengang Leo's und dessen Richtung verschieden von der Art seines Vorgängers find — jedoch die Grundsätze und Ansichten sind schließlich ganz dieselben. Der neue Papst cilirt keine Bibelstellen und was ihn gewiß von Pius IX. unterscheidet, nicht ein einziges Mal kommt der „Satan" und „das Werk des Satans" u. dgl. vor. Statt der Heftigkeit und des Ingrimms bedient sich der neue Papst einer gewisse»

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