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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-05-07 · Heft 19 (7.5.1878) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 19 (7.5.1878)
Date
1878-05-07
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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291 Wirkung. Sie gab auch eine Scheidung ab für eine Anzahl Juden, welche weit über den Geist Voltaire's hinaus, geradezu eine antireligiöse Anschauung in sich genähert haben. Diese sind ä la Heine dem Judenthume überhaupt, dem reformistischen wie dem orthodoxen feindlich, und machen daraus kein Hehl. Rekrutirt werden diese besonders durch eingewanderte Jünglinge aus dem Osten, Autodidacten ohne gründliche Studien, die in der Heimath mit der ganzen religiösen Welt gebrochen hatte und in Oesterreich und Deutschland unter die Literaten gingen. Es versteht sich, daß diese sich recht verlautbar machen, und besonders die Feuilletons der Zeitungen mit ihrer unreifen Weisheit füllen. Nur in Einem täuschen sich diese Leute gar sehr, nämlich indem sie von sich die Meinung hegen, noch recht Großes oder doch Bedeutendes zu leisten. Sie sind vielmehr mit einer verödeten Seele nach Westen gekommen, und da sie sich hier mit ihrem Halbwiffen und ihrer Halbbildung begnügen, sind sie bald zu Ende, nachdem sie eine Zeit lang ihre milgebrachten Pikanlerien ausgespielt und erschöpft haben. Gutzkow constatirt also nichts weiter, als daß das Judenthum glücklich den Weg gefunden hat, welcher deffen uraltes Bekenntniß mit der modernen Cultur, mir allem dem, worin die Juden in Folge ihrer geschichtlichen Schicksale zurückgeblieben waren, zu verbinden vermochte; daß die Juden nicht, wie die Altliberalen voraussetzten, zu einer religionslosen Maffe geworden, vielmehr mit einem verjüngten Eifer dem geklarten Judenthume anhangen. Was er von Buchstabenglauben, Beten, Fasten und Kasteiungen sagt, ist nur Ausschmückung und Uebertreibung. „Das Rabbinerthum steht in voller Blüthe", sagt er. Und er hat Recht. Schon ganz äußerlich konnte er dies betrachten. In den dreißiger Jahren gab es außer einigen älteren Rabbinen von altem Schrot und Korn, welche, persönlich geachtet wegen ihrer Tugenden, von der Gemeinde hinsichtlich der Angelegenheiten derselben unbeachtet blieben, nur äußerst wenige jüngere, wiffenschaftlich gebildete Rabbiner, welche Universitätsstudien gemacht hatten. Die große Mehrzahl der Gemeinden war ganz ohne Religionslehrer. In der, nur eine geringe jüdische Bevölkerung enthaltenden Provinz Sachsen gab es nur einen in Magdeburg , jetzt haben auch Halle, Norvhausen und Erfurt solche, während zugleich in dem benachbarten kleinen Anhalt drei, in Deffau, Bernburg und Cöthen ihren Sitz haben. In der Rheinprovinz gab es die drei, aus französischer Zeit herübergekommenen Consistorialrabbiner; jetzt in Crefeld, Elberfeld. Düffeldorf, Cöln, Aachen, Coblenz und bald hoffentlich auch in Bonn. In den Provinzen, in welchen eine starke jüdische Bevölkerung ansässig ist, wie Schlesien, Posen, Preußen, Pommern, besitzt schon fast jede mittlere Gemeinde einen studirten Rabbiner, wobei nicht zu übersehen, daß dies von den Gemeinden völlig freiwillig geschieht, und sie die daraus entstehende finanzielle Bürde zu tragen haben. Ferner, während in den dreißiger Jahren und weiterhin keine einzige Lehranstalt für Rabbiner und nur eine für jüdische Lehrer bestand, haben wir in Preußen für die ersteren jetzt drei, den Charakter theologischer Facultaten beanspruchende Institute und fünf Seminare für jüdischen Lehrer, zwei davon in den annertirten Provinzen. Mögen diese nun auch noch einer weiteren Entwickelung bedürfen, so ist doch bereits, und zwar wiederum durch die eigenen Anstrengungen der Juden, das Fundament in sicherster Weise geschaffen, auf welchem das jüdische Religionsunterrichtswesen und das „Rabbinerthum" zu einer schönen Blüthe gelangt ist und immer mehr gelangen wird. Dies kann man ohne Scheu als durchaus wahr behaupten. Wir brauchen unsren Lesern nicht zu wiederholen, welche Achtung wir vor jenen älteren Rabbinen, vor ihren persönlichen Tugenden und ihrem umfaffenden talmudischen Wiffen empfinden. Aber die Zeit war über sie hinausgewachsen und halte ihnen jede Wirksamkeit entzogen. Dies gab sich am fühlbarsten dadurch zu erkennen, daß sie alle Schüler verloren hatten und ihre Jeschiboth eingegangen waren. Man vergleiche mit diesen die größere Zahl unsrer gegenwärtigen Rabbiner. Sie sind keine Heroen oder Ideale — aber die wissenschaftliche Bildung, welche sie sich erworben, die wiffenschaftliche theologische Durchbildung, welche sie besitzen müffen, die Kanzelberedsamkeit, die man von ihnen fordert, und zwar in nicht bescheidenem Maße fordert, die Befähigung für den höheren und begeisternden Religionsunterricht, den sie zu ertheilen haben, die seelsorgerische Thätigkeit, die sie nach allen Seiten hin ausüben sollen, die Schlagferligkeit, mit der sie jeden Angriff auf Juventhum und Juden abzuwehren verpstichler sind, die persönliche Erscheinung, welche sie auch außerhalb des jüdischen Kreises bewähren mögen — dies Alles sind Eigenschaften, welche, wenn sie von der Mehrzahl der gegenwärtigen Rabbiner bethätigt werden, den Ausspruch Gutzkow's rechtfertigen, nur daß was in seinem Munde wie ein Vorwurf klingt, in den Augen Aller, welche eine geklärte religiöse Erziehung, Bildung und Haltung zu würdigen wiffen, zu einem gewichtigen Lobe veranlaßen. Immerhin mag es sein, daß diese jüngeren Rabbiner ihren älteren Vorgängern an Reichlhum des talmudischen Wrffens nachstehen. Dies ersetzen sie aber durch die Methodik, durch die wiffenschaftliche Auffaffung, besonders durch die Kenntniß und das Berständniß der Geschichte und Literatur des Judenchums und endlich dadurch, daß sie ihr Wiffen ungleich nutzreicher und wirksamer zu machen verstehen. Der Talmud vergleicht einmal den Gelehrten, der Anderen von seiner Gelehrsamkeit mitzutheilen nicht versteht, mit einem verschloffenen Bücherkorbe. Das jetzige Rabbinerthum hat den Bücherkorb wieder aufgeschloffen, und strebt mit Eifer darnach, von deffen Inhalt den Wiffensbedürftigen so viel wie möglich mitzutheilen, ja das Bedürfnis zu wecken, wo es noch fehlt. Gutzkow hat also ganz richtig gesehen. Aber was er beobachtet hat, beklagt oder anerkennt, laßt uns sehr gleichgültig. Es ist die alte Frage über den Werth des religiösen Inhalts von Leben und Lehre, eine Frage, in welcher der ^lberaliönius sich 19*

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