Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1878)
- Date
- 1878-05-07
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 Samstags einen Vorbeter an den Mittagslisch kommen, und in Krakau und Galizien verflucht man sogar gelegentlich wie im Mittelalter." Man sieht es den Worten Gutzkow's leicht an, daß er übertreibt oder sich nicht zurecht finden kann. Krakau und Galizien gehen uns bei der, von ihm gemacht sein wollenden Beobachtung gar nichts an: es ist da heute noch ungefähr wie vor vierzig Jahren. Wenn G. von „Fasten und Kasteiungen" spricht, so möchten wir fragen, was für Kasteiungen außer dem Fasten im Judenthume vorhanden wären? Der „Vorbeter Samstags am Mittagsrisch" scheint auch eine zufällige Figur, die der Autor irgend einmal bei einer feierlichen Gelegenheit gewahrte. An sich jedoch kann G. die Sache nicht ganz aus der Lust gegriffen, auch sie muß sich ihm erfahrungsmäßig aufgedrängt haben. Sie reducirt sich dann darauf, daß jüdische Väter, die er als „Voltairianer" gekannt habe, in der Erziehung ihrer Kinder zur Religion zurückgekehrt seien und deshalb auch einige jüdische Ceremonien, wie etwa die Bar-Mizwah ober Confirmation und den Jom-Kippur. in ihr Haus wieder eiugeführt haben; ferner auch daß er bemerkte, wie eine größere Anzahl jüdischer Gemeinden wieder Rabbinen angestellt haben. Dies ist genug, um dem alten Liberalen aufzufallen und ihm die Meinung beizubringen, hier habe er es mit einer ganz neuen Erscheinung im Judenthume zu thun. Und in der That, wenn wir uns den Gutzkow aus den dreißiger Jahren und den heutigen den Juden gegenüber vorstellen, so hat er volles Recht, so zu sprechen, nur daß ihn verwundert, was uns logisch und consequent erscheint und wir längst wißen. Darin irrt er nun, und zwar verzeihlicher Weise, baß er diese „Erscheinung" als plötzlich ausgetreten und als eine Folge der „jenaer Jrreligion" ansieht. Vielmehr wurde G. wohl jetzt erst auf die vermeintliche Veränderung aufmerksam, während sie sich doch langsam aber sicher in den letzten vier Jahrzehnten entwickelt hat. — Nicht wir allein, sondern viele Andere auch behaupteten vom Beginn der Reformbestrebungen im Judenthume an, daß in ihnen der wahre Conservatismus liege, wogegen die stabile Orthodoxie dem Judenthume, nach allen Berhältniffen und Richtungen der Zeit und der Juden in ihr, die größten Gefahren bereitet. Scharfsinnige Männer von entschieden irreligiöser Tendenz und die das Judenthum kannten, sahen dies auch voraus, und z. B. Heinrich Heine war ein Todfeind des Hamburger Tempels und überschüttete ihn, deffen Prediger und Anhänger mir dem ganzen Strome seines bissigen Spottes. Es schadete dem Tempel nichts. Auch die Protestant. Missionare, wie die ganze pietistische Partei, fühlten dies heraus und wandten sich deshalb mit dem größten Eifer gegen „die Reformjuden", von denen sie voraussetzten, daß sie der damals stark benutzten „Taufe" bald den größten Theil des Materials entziehen würden. Die antireligiösen Liberalen jener Zeit hingegen hatten davon keinen Begriff. Sie glaubten, das Judenthum liege in den letzten Zügen, und je mehr sich eine höhere Bildung unter den Juden verbreiten werde, desto schneller würde es absterben und seine Bekenner verlieren. Man kann sich also leicht denken, wenn ein solcher Mann sich gegenwärtig umschaut und es bei den Juden ganz anders findet, als er es sich vorgestellt hatte, wie sehr er in Erstaunen geräth! Jemand, der durchaus mit seiner Zeit lebt und fortschreitet, und dabei zugleich mit eigenen Schöpfungen und Arbeiten beschäftigt ist, kann leicht Erscheinungen in engeren Kreisen lange Zeit übersehen, ohne daß ihm ein Vorwurf daraus gemacht werben könnte. Aber die echten Radikalen haben längst jene Wahrnehmung gemacht, und ziehen deshalb so oft gegen die Juden zu Felde, von denen sie erwartet hatten, daß sie, wären sie erst gleichgestellt, allesammt dem Nihilismus zufallen und dem Extrem zu guten Werkzeugen dienen würden. Sie täuschten sich, und da der Radikalismus ebenso fanatisch ist wie das andere Extrem und des Begriffes der echten Freiheit entbehrt, die darin besteht, einem Jeden die Entfaltung seiner Eigenthümlichkeit frei zu lassen, so behandelt er die Juden feindselig und gönnt ihnen ihre bürgerliche Freiheit nicht. Da er sich getäuscht hatte, beschuldigt er die Juden der Täuschung. Zu diesen gehört nun Gutzkow nicht, aber doch zu den Altliberalen, wie wir sie oben gezeichnet haben. Wodurch ist aber jene Thatsache vollbracht worden? Einfach dadurch, daß das Judenthum aus einer Religion des Ghetto zu einer Culturreligion umgestaltet worden. Bei diesem Proceffe hatte man dem Judenthume nichts Neues zu geben, sondern nur den echten Kern desselben aus den vielen Hülsen und Schalen herauszulösen, in die es im langen Laufe der Zeiten und durch die zahllosen Geschlechter feiner Bekenner hindurch hineingewachsen war. Nein, es war kein neues Judenthum zu schaffen, sondern sein Lehr- und Gedankeninhalt, wie ihn der Mosaismus, der Prophetismus und aus beiden der Talmudismus uns überliefert hat, an's Licht zu stellen und von den Zusätzen finsterer Zeiten zu läutern. Verschaffte man dann diesem Judenthume im geregelten Gottesdienste, in der Predigt und im geordneten Religionsunterrichte den angemeffenen Ausdruck und die würdige Erscheinung: so verschwand im Juden der „Voltairianer" und er wurde vom Geiste des Judeathums wieder angezogen und ergriffen. Wir persönlich haben dies in mehreren Beispielen gleich nach dem Beginne der seelsorgerischen Thätigkeit erlebt, und Männer, die dem verknöcherten Judenthume gegenüber, jenem Judenthume, welches jedes nichthebräische Buch für „trefe", jeden, der ei» solches las, für einen Abtrünnigen erklärte, und jede überkommene Form, fei sie auch nur ein Minhag. für unveränderlich ausgab, nichts als voltairischen Witz hatten, gaben diesen schnell auf, und näherten sich und ihr Haus dem geklärten Judenthume mit Liebe und Anhänglichkeit. Es versteht sich, daß diese Bestrebungen der Zeit bedurften, um die Maffen zu durchdringeu, der Neugestaltung immer mehr Boden zu verschaffen und dadurch mit einer immer größeren Zahl von Individuen in Berührung zu kommen. Aber wir wollen offen sein. Diese Richtung hatte noch eine andere