Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-30 · Heft 18 (30.4.1878) · p. Seite 284

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 18 (30.4.1878)
Date
1878-04-30
Page
Seite 284 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227196--36218-3306245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

284 daß die so vielfach genährten Hoffnungen, in den gedachten Ländern durch Colonisation einen großen Markt deS Welthandels schaffen zu können, für völlig unbegründet erklärt worden, da weder Klima noch Boden europäische Colonieen bestehen laffen, die Flusse jener Länder durch gewaltige Wasierfälle und Stromschnellen die Schifffahrt unmöglich machen und schließlich die Producte des Landes außer Elfenbein keine anderen sind, als welche Südamerika in Fülle liefert, und zwar bei den günstigsten Verkehrsmitteln — wird die Stellung der Negervölker zum Christenthume und zum Islam besprochen. Hier liegt das Zeugniß eines gewiß unparteiischen Beobachters vor, eines gebildeten Negers, der sich längst zum Christenlhume bekennt und Geschäftsträger der Republik Liberia in London ist, Mr. Blyden, in einem Artikel „der MohammebaniSmuS und die Negerrace" in Fraser’s Magazine, Nov. 1875, vor. Wir heben daraus die bezeichnendsten Stellen hervor: „Westafrika ist seit dreihundert Jahren mit dem Christenthum in Berührung gekommen, und noch ist kein einziger Stamm, als solcher, christlich geworden. Noch hat irgend ein einflußreicher Häuptling die Religion angenommen, welche die europäischen Missionäre herübergebracht haben. Vom Gambia bis zu Gabun leiten die eingeborenen Anführer, welche in fortwährendem Verkehr mit Christen stehen und in der Nachbarschaft von christlichen Niederlaffungen leben, ihre Regierung noch nach den Sitten ihrer Väter, wo jene Sitten nicht durch mohammedanischen Einfluß umgestaltet worden sind. Der Alkali von Port Loko und der Anführer von Bullom, unter dem Schatten der Sierra Leone, sind quasi Mohammedaner. Die eingeborenen Häuptlinge von Lages und der Capküste sind Heiden. So sind in den Ländern, die von Liberia regiert werden, die eingeborenen Anführer in den vier Ländereien — Mesurado, Baffa, Sinu und Cap Pelmas — Heiden. An der ganzen. Küste ist nicht ein einziger Ort, vielleicht die kleine Insel Corisco ausgenommen, wo das Christenthum in einer größeren Anzahl der eingeborenen Stämme Wurzel geschlagen hätte. Andrerseits hat der arabische Einfluß in den nördlichen Theilen des äquatorialen Afrika, so viel Böses er auch dorthin gebracht haben mag und noch mehr im Süden, eine bedeutende Wirkung zu Erhebung der Neger gehabt. Der Islam in Afrika zählt die thatkräftigsten und unternehmendsten Stämme in feinen Reihen. Zu seinen Anhängern gehört jedes Volk, das irgend eine Art bürgerlicher Politik oder socialen Organismus besitzt. Es hat die größten Städte im Herzen des Continents gebaut und hat sie inne. Seine Gesetze regieren die mächtigsten Reiche — Futah, Masina, Hausa; Bornou, Wavay, Darfur, Kordofan, Senaar rc. Es führt und leitet den einträglichsten Handel zwischen Afrika und den fremden Ländern, täglich nimmt es neue Bekenner aus dem Heidenthum in sich auf; und von allen Afrikanern, wo es nur bekannt ist, wird es geachtet, selbst wo da8 Volk noch nicht dem Schwerte des Korans sich unterworfen hat. Niemand kann auch nur die kleinste Strecke im Innern von Westafrika durchreisen, ohne daß ihm in den verschiedenen Ortschaften die verschiedenen socialen Zustände aufiallen, je nachdem die Bevölkerung heidnisch oder mohammedanisch ist. Nicht allein in der Regierungsmethode ist ein Unterschied, sondern auch in den allgemeinen socialen Anordnungen, ja selbst in den Volksvergnügungen. Als wir 1873 das Land zwischen Sierra Leone und Futah Jallo durchstreiften, kamen wir durch bevölkerte heidnische Städte, aber der Abstand von dieser gegen mohammedanische Districte war in die Augen fallend. Wenn wir eine heidnische Gemeinde verließen und in eine mohammedanische kamen, bemerkten wir sofort, daß wir in eine ganz andere moralische Atmosphäre gekommen, als die wir verlaßen. Wir sahen, daß der Charakter, die Gefühle und die Zustände des Volkes gänzlich verändert und verbeffert waren. In Sierra Leone errichten die Mohammedaner, ohne irgend welche Unterstützung der Regierung, fei sie kaiserlich oder local, oder irgend welche Beiträge aus Mekka oder Konstantinopel, ihre Moscheen, halten ihren religiösen Gottesdienst ab, leiten ihre Schulen und tragen zur Unterstützung der mohammedanischen Missionäre aus Arabien, Marokko oder Futah bei, wenn diese sie aufsuchen. Dasselbe Lob kann den christlichen Negern jener Colonie nicht gespendet werden. Diesen Bemerkungen fügt die „Edinburgh Review" eine längere Auseinandersetzung hinzu, in welcher — ganz abgesehen vom eigentlichen Lehrinhalt der beiden Religionen — dem Islam für die afrikanischen Völkerschaften ein bei Weitem größerer Vorzug zugeschrieben wird. Seine Einfachheit sowie sein RituS sprechen den Neger unmittelbar an, verstoßen weniger gegen die ihm gewohnte Denkweise und seine Sitten, als das Christenthum. Das letztere, wie es jetzt gelehrt wird, verbietet ihm die Vielweiberei und das Sklaventhum, während er in den heil. Büchern der christlichen Religion keine Vorschrift gegen beide findet. Besonders aber stößt ihn der Widerspruch ab, den er bei den Vertretern des Christenthums zwischen Lehre und Leben findet. Jene verlangt bürgerliche Gleichheit, dem Unrecht sich duldend zu unterwerfen, die Welt zu mißachten, und für den anderen Morgen nicht zu sorgen, während ihn der Europäer bei jeder Begegniß als untergeordnet und verächtlich behandelt und von der Verachtung des Besitzes und Reichthums nichts merken läßt. Daß übrigens der Islam auf die Negerstämme einen wesentlich civilisatorischen Einfluß übe, wenn auch nicht nach europäischem Maßstabe, gesteht man allseitig zu. Man kann also von einem eigentlichen Ringen des Christenthums und des Islam miteinander in Afrika nicht reden, da die Anstrengungen des ersteren in diesen Ländern sehr gering sind, während die arabischen Sendlinge des MohammebaniSmuS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.