Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1878)
- Date
- 1878-04-30
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
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Nichts eifriger haben daher der Univcrs und Consorten zu thun, als Deutschland durch den Culturkampf in Helle Flammen gesetzt zu schildern, während doch glücklicherweise man von diesem ganzen, zumeist durch die Zeitungen aufgebauschte Culturkampf kaum noch ein Knistern wahrnimmt. Kann man sich dieser Beobachtung auch nicht vollständig entziehen, so kommen die Juden an die Reihe. Der Univers läßt sich schreiben, daß dort, namentlich in allen conservativen Kreisen, eine ungemeine Aufregung gegen die Juden herrsche, die sich wahrscheinlich bald in einer allgemeinen Vertreibung derselben Luft machen werde. Aber der Teufel kann doch seinen Pferdefuß nicht verbergen und wird immer wieder daran erkannt. Der llinvers, dieses Jesuitenblatt, kann die Vertreibung der Jesuiten aus dem deutschen Reiche nicht verschmerzen. Diese Vertreibung der Jesuiten sei leiviglich durch die Juden bewirkt worden, welche sich hiedurch die Feindschaft aller Confervativen zugezogen und den Gedanken ihrer eigenen Vertreibung darum nahegebracht hätten. Solche Unkenntniß der Berhältnisie wurde sich selbst ein deutscher Lügner nicht zu Schulden kommen lasien. Die Juden haben mit der Vertreibung der Jesuiten auch nicht das Geringste zu thun gehabt. Die conservativen Abgeordneten haben wie ein Mann für die Vertreibung des Ordens gestimmt, und gerade die jüdischen Reichstagsmitglieder, deren Zahl ja nur sehr gering ist, gegen die Vertreibung. Sie sahen sie, soweit sie deutsche Glieder dieses Ordens betraf, für eine nutzlose Polizeimaßregel an. Und nun, wie kann die Austreibung einiger hundert Jesuiten mit der einer halben Million schuldloser und seit Jahrhunderten ansässigen Einwohner des Landes zusammengestellt werden'. Die Juden, welche, gehorsam den Gesetzen des Staates, gewiffenhaft treu in der Erfüllung ihrer patriotischen Pflichten, ihr Staatsoberhaupt in ihrem Kaiser und Könige verehren und dem Volksganzen mit Leib und Seele verbunden sind — und die Jesuiten, welche einem fremden Chef ihres strengorganisirten Ordens unbedingten Gehorsam leisten und in Jnteresien den Beruf ihres Lebens finden, welche denen des Vaterlandes fremd und oft ganz entgegengesetzt sind! Nun, die Wünsche und Hoffnungen des llnivers haben sich seit langer Zeit so eitel und nichtig, so ohne alle Wurzel in der Wirklichkeit erwiesen, daß es eigentlich überflüssig wäre, von ihnen zu reden, wenn dadurch nicht immer von Neuem das scheußliche Wesen dieser Menschen charakterisirt und gezeigt würde, daß alle Gerüchte von einem versöhnlicherem Geiste, der in diesem Lager jetzt wehen solle, falsch seien und Niemanden einschläfern dürfen. Paris, 1 5. April. «Nach den Arch. isr.) In diesen Tagen hielt „die Gesellschaft der Friedensfreunde" ihre Jahressitzung. Den Vorsitz führte Prof. A. Franck, der die Sitzung mit einer sehr beredten Ansprache eröffnete. Der Hintergrund, den unsre Tage für die Sitzungen und Reden dieser Gesellschaft bieten, ist freilich der beredteste Gegensatz. Und dennoch sehen wir die Ansichten und Grundsätze dieser Gesellschaft so wenig an Boren gewinnen. — Bei den Municipalwahlen von Constantine wurden vier Israeliten gewählt. — Abraham August Samuel, Schwadronschef im Stabe, ist zum Oberstlieutenant und Simon Levy, Capitän im 8. Artillerieregiment, sowie Adolph Aron, Capitän im 2. Artillerieregiment, sind zu Schwadronschefs avancirt. Rumänien. Bon der Donau, 15. April. (Privatmitth.) Die Nach, richt, welche die 9k. fr. Pr. brachte, und die wir auch im 1.>»>riu.I des Debais und im Berliner Tageblatt ausgesprochen finden, daß die rumänische Regierung an eine Verbefferung der Lage der Juden in Rumänien denke, und einen desfallsigen Gesetzentwurf vorbereite, hat uns hier überrascht» da wir hier zu Lande noch nichts davon erfahren haben, andrerseits jedoch ist uns die Ausstreuung solcher Gerüchte im jetzigen Augenblicke erklärlich. Die rumänische Negierung fleht jetzt bei den Großmächten umher, um aus den erdrückenden Umarmungen ihres großen Verbündeten befreit zu werden. Wo ihre Sendboten hinkommen, finden sie eine kühle Aufnahme. Denn während seiner kurzen Existenz hat sich Rumänien durch Uebermuth, Selbstüberschätzung, Schroffheit und Bruralilät wahrhafte Antipathien zu erwecken verstanden. Die Rumänen schieben jetzt Alles auf die Juden. Diese sollen durch ihre Klagen über die von den Rumänen noch dazu geleugneten Verfolgungen die allgemeine Mißstimmung gegen sie hervorgerufen haben. Was die Rumänen sonst gesündigt, was sie durch ihre handelspolitischen Forderungen, durch ihre Mißhandlungen von Unterthanen anderer Staaten u. s. w. verschuldet haben, das suchen sie sich jetzt selbst und Anderen aus den Augen zu rücken. Somit ist es nur folgerichtig, daß sie im Auslande jetzt die Meinung Hervorrufen wollen: sie wollten endlich auch den Grundsätzen des Rechts und der Menschlichkeit genügen und den Juden eine beffere Stellung verschaffen. Jener Seefahrer machte aus der gelobten Kerze von der Größe des Mastes seines Fahrzeuges nach bestandener Gefahr eine Wachskerze von einem Fuß Länge. Uns beschleicht der Zweifel, daß selbst diese nur aus dem Versprechen der Rumänen für die Juden werde. Das Uebel liegt ja auch hier zu Lande, wie in allen orientalischen Ländern, nicht bloß in den formulirten Gesetzen, sondern am meisten in der Rohheit, Habgier und Gewaltthätigkeit der unteren Beamten — und zwar schon vom Präfecten und Unterpräfecten an. Der Mangel an aller Beamtendisciplin und die Bestechlichkeit der Gerichtshöfe, welchen eine Rabulisterei zu Gebote steht, schlauer und heimtückischer als in irgend einem Culturlande, lasten die Gewaltthäiigkeiten der Beamten ungestraft und liefern so das Volk und besonders die Juden diesen kleinen Tyrannen in die Hände. Hier liegt der Krebsschaden, von dem uns selbst günstigere Gesetzesbestimmungen nur wenig befteien werden, so lange nicht streng rechtliche Minister und gewiffenhafte Richter die ganze Verwaltung in die erforderliche Ordnung bringen. Wahr ist es, daß in Rumänien die Preßfreiheit in