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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-30 · Heft 18 (30.4.1878) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 18 (30.4.1878)
Date
1878-04-30
Page
Seite 278 (sequence 6)
Language
German
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278 sie sind ihm die wenigen Verständigen, reine Ausnahmen unter den Juden. Nun, wir beneiden diese Herren in München und Berlin unv an noch einigen anderen Orten nicht um das Lob dieses SelbstvergöttererS, den einst die Kritik der Nachwelt noch viel schärfer und einschneidender behandeln wird, als es die Gegenwart thut. Oesterreich-Ungarn. Wien, im April. lPrivatmitth.) Hier, wie in Berlin und anderen Centralpunkten des materiellen wie des geistigen Lebens, wollen die finanziellen, industriellen und Handelsverhältniffe noch immer keine wesentliche Befferung zeigen. Im Gegentheil kommen immer wieder die großen Schäden zum Vorschein und zur Nachwirkung, so daß viele Häuser nacheinander zusammenbrechen, die sich bis jetzt mühsam aufrecht erhallen hatten. Es ist Zeit, daß sich das gegenwärtige Geschlecht an einen anderen Maßslab gewöhne, wie er im verflossenen Jahrzehnt an die Dinge angelegt wurde. Das Gesetz in der Industrie ist ebenso unerbittlich wie das in der Natur, weil es ebenso in der Nothwendigkeit der Dinge begründet ist. Dieses Alles entscheidende Gesetz heißt aber: der Bedarf. Will sich die Industrie, von welcher doch Finanz und Handel abhängen, nach unsren bisherigen Begriffen nicht wieder heben, während doch im großen Ganzen der Consum, also der Bedarf, mit Ausnahme von Luxusartikeln derselbe bleiben muß, so ergiebt sich eben daraus, daß die Production sich in's Ungeheuerliche überschlagen hatte, daß daraus ein furchtbarer Rückschlag entstehen mußte, daß aber auch die früheren Verhältnisse gar nicht wiederkehren können. Die Handels- und industrielle Welt wird sich hieran gewöhnen muffen, und Jeder, der bestehen bleiben will, wird auf das Arbeiten in mäßigerem und kleinerem Umfange wieder bedacht sein müffen. Von humaner und moralischer Seite ist dies von unübersehbarem Segen. Einerseits wer sich mit ernster Arbeit und mäßigem Gewinn zu begnügen hat, findet seine Befriedigung in dem Bewußtsein der Pflichterfüllung und des langsamen Fortschrittes und in der Freude an der Arbeit — während da, wo der Gewinn ein übermäßiger, wo der Gedanke an sich steigernde Erweiterung des Geschäfts- und Gewinnkreises vorwaltet, alles Andere in den Hintergrund gedrängt und verloren wird außer der unersättlichen Gewinnsucht. Andererseits erlangt, wie schon oft hervorgehoben worden. Alles was den Menschen ziert unv veredelt, Intelligenz, geistige Bildung, gemeinnütziges Wirken und sittliche Tugend da ihren Werth wieder, wo die Flüchtigkeit des äußeren Besitzes und die Unzulänglichkeit äußerer Mittel zum allgemeinen Gefühl gekommen ist und fortwährend kommt. So vielseitig die Natur des Menschen ist, so einseitig ist doch die Geistesrichtung, welche sich leidenschaftlich einer Zeit bemächtigt hat. Fällt diese Richtung, wie es immer geschehen muß, in Stücken, so tritt die ganze und edlere 'Natur wieder in den Vordergrund und übt mit der Zeit ihre versittlichende Kraft wieder aus. Eine derartige Reaction ist ja bereits für jeden ernsteren Beobachter überall sichtbar, und wir hoffen es noch zu erleben, daß jene gewinnsüchtige, genußsüchtige, prahlerische, materialistische unv frivole, ja sittenlose Richtung, die sich in dem Gemeinwesen und besonders auch in der Presse und vielen Gebieten der Literatur in der letzteren Zeit so sehr gespreizt hatte, an dem wiedererwachten gottgläubigen und sittlichen Sinne des Publikums zu Grunde geht. Ist doch die Noth eine große Lehrmeisterin des Menschen, und erzwingt zuerst von ihm, was ihm selbst bald wieder werth und theuer wirb. Alles dies will ich auch von unsren Glaubensgenoffen gesagt haben. So unwahr und erlogen es ist, daß die Juden den bedeutendsten Antheil an jener Verirrung der Industrie und der Finanz gehabt hätten — was sich schon durch ihr numerisches Verhältniß an der industriellen Production als unmöglich erweist — so war doch in ihrem numerischen Verhältniß zu sich selbst ihr Antheil daran viel zu groß, und die unerquicklichen Folgen einer derartigen Richtung machten sich bei ihnen sehr Zählbar. Es war hohe Zeit, daß es anders wurde. Die nachtheilrgen, moralischen und intellectuellen Wirkungen gaben sich genügend zu erkennen, und wir anderen Juden, und wir sind doch die große Mehrheit, litten unter den Boruriheilen, die sich daraus in der nichtjüdischen Welt theils begründet verbreiteten, theils durch unsre Fernve benutzt wurden, um die Borurtheile gegen uns Alle wieder zu entzünden und zu nähren. Was hätte auch das Judenthum von all' diesen über Nacht reichgewordenen Menschen, von denen nur wenige einer höheren Bildung sich erfreuten, gehabt? Nichts als Nachtheil und Hemmniß! Wenn sie höchstens wohlthätigen Anstalten einige Brosamen zuwarfen, so können auch diese solcher Bortheile entbehren; sie brauchen nicht schwindlich emporzuwachsen; auch sie sollen durch Arbeit, Sparsamkeit und Ordnung zu größerer Entfaltung kommen. Und so mögen wir, wenn auch die Einzelnen unter dem gegenwärtigen Zustande noch immer leiden, doch mit demselben zufrieden sein und die nöthige Belehrung daraus ziehen. Frankreich. Paris, 15. April. lPrivatmitth.) Es gehört zur Taktik der Ulrramontanen, wenn an dem Orte und in dem Lande, wo ihre Blätter erscheinen und deren Hetzscribenten wohnhaft sind, Ruhe herrscht, so daß sie von einer vorhandenen Aufregung trotz guten Willens nicht einmal lügen können, irgend aus einem andern Platze sich über Kampf und Erhitzung, Leidenschaft und Sturm berichten zu lassen, sei auch an demselben von derartigen Dingen nicht die geringste Spur vorhanden. In Frankreich herrscht gegenwärtig, Dank den überwältigenden republikanischen Boten des Volkes allgemeine Ruhe, und wir haben das seltene Schauspiel, daß das Innere Frankreichs einem Meeresspiegel unter der Windstille gleicht, auf dem sich keine Wellen kräuseln.

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