Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1878)
- Date
- 1878-04-30
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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275 er als daS Ideal seiner Wirksamkeit sich denkt. Es begegnet uns 61, 1—3, und lautet: „Der Geist des Herrn, des Ewigen, ruht auf mir, dieweil der Ewige mich gesalbt. Bedrückten Heil zu künden, und mich gesandt, gebrochene Herzen zu verbinden, Freiheit Gefangenen zu rufen. Gefesselten Erlösung, ein Gnadenjahr vom Ewigen auszurufen, und einen Rachetag von unsrem Gotte, zu trösten alle Trauernden, anzulegen den Trauernden Zions, ihnen darreichend Schmuck statt Druck, Freudenöl statt Trauer, Prachtgewand statt verzagten Geistes, daß man sie nenne: Eichen der Gerechtigkeit, Pflanzung des Ewigen zur Verherrlichung." Wohl uns, dies ist der Geist unsrer Propheten! -Hier findet sich keine Spur von hierarchischer Anmaßung, von geistlichem Hochmuth, von Herrschgier und Prunksucht, Las Volk der Gläubigen auszubeuten und zu beherrschen — auch nicht das Streben jener politischen Volksredner, welche nur den Augenblick und dessen Situation und das Volk nach ihrem Willen zu leiten, jede Opposition zu unterdrücken und als Beherrscher des Volkes hervorzugehen im Auge haben. Hier ist nichts als der Eifer, Erkenntniß zu verbreiten, Geistesfreiheit zu schaffen, dem Rechte neue Stützen, der Liebe neues Leben einzuflößen, Trost zu geben und die Gebeugten aufzurichten, das Böse zu bekämpfen, und dem Guten und Göttlichen zum Siege zu verhelfen! Gehet hin, und suchet desgleichen bei den Völkern des Alterthums und der modernen Welt. Wir hatten uns die Aufgabe gestellt, die Moral der beiden Propheten, welche den Namen Jesaias führen, durch Zusammenstellung und Gruppirung aller betreffenden Stellen zu zeichnen. Sie sind an sich nicht verschieden und nicht widersprechend, wohl aber durch den Boden, auf dem sie stehen, durch die Situation, in welcher sie wirken und durch die Zwecke die sie verfolgen, andere. Es sind zwei Zweige an demselben Stamme. Jesaias I mitten in dem nationalen und socialen Leben seines Volkes, wollte der entarteten Gesellschaft mit scharfem Messer die Auswüchse und schadhaften Stellen ausschneiden und das sittliche Leben derselben erneuern. Jesaias II wollte die verbannten und zerstreuten Goltgetreuen um die Standarte des einzigen Gottes schaaren, daß sie die alte nationale Stätte wieder einnähmen und ein höheres religiös-sittliches Leben mit erhabenen Zielen, die über das ganze Menschengeschlecht hinausreichen, begännen. Jesaias I übertrifft seinen Nachfolger bei Weitem an Kraft der Sprache, an Mächtigkeit der Bilder und Vergleiche, an Knappheit und Energie des Ausdrucks, während der Strom der Rede bei Jesaias II breiter und langsamer fließt und an mächtigen Fällen und Stromschnellen ärmer ist. Aber er steht in der Fülle seiner Lehre, in seiner Geistesrichtung und seinen Zielen uns, den gegenwärtigen Geschlechtern, näher, ist uns unmittelbarer verbunden und trifft schlagender unsre Neigungen und Hoffnungen. Wie in der klassischen Welt Aristoteles aus dem Alterthume bis in die moderne Aera hineinreicht: so verbindet Jesaias ll das alte religiöse Jsraelirenthum mit dem Judenthume der Neuzeit, und wir, die späten Enkel, stehen ganz besonders auf dem Boden, den er geebnet hat. Und so schließen wir diese Abhandlung mit dem Gedanken, den wir bereits mehrfach zum Ausdruck gebracht: Der Vorzug und das Verdienst der alten Autoren, besonders der Verfasser der Bücher der h. Schrift besteht vor Allem in dem bündigen, allgemein gültigen, den Geist mit einem Male ergreifenden und erfüllenden Ausdruck der ewigen Wahrheiten. Während wir auf die ausführliche Auseinandersetzung und Begründung unsres Lehrstoffes ausgehen, und auf diese Weise zwar für die Verstanbesthätigkeit arbeiten, lassen wir hierüber die Herzen erkalten und, was die Hauptsache ist, die Energie der Willenskraft erschlaffen. Darum zünden die Aussprüche der Propheten wie Blitze, welche die Nacht der Zeiten durchzucken, und sind zugleich die hochlodernden Fackeln der Wahrheit und des Rechtes, welche kein Sturm verweht und keine Wafferfluth auslöfcht. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 22. April. Die alten Römer hatten das Sprückwort: Ex Africa semper aliquid novi „Aus Afrika immer etwas Neues". DieS hat sich für uns auf das alte Pharaonenland übertragen. Mag es einentheils die außergewöhnliche Originalität des alten Egyptens, die merkwürdige Eigenthümlichkeir, die es nach allen Seiten des geistigen wie des materiellen Lebens in der grauesten Vorzeit entfaltete, sein, welche das lebhafteste Interesse erweckt, für alle Entdeckungen, welche der Forschung aus dem wieder aufgegrabenen Cham gelingen, für alle Darstellungen des mit dem Staube so vieler Jahrhunderte bedeckten altegyprischen Lebens, so daß nicht blos die Geschichtsforscher und die Gelehrten überhaupt, sondern die ganze gebildete Welt an den Ergebnissen der egyptischen Studien Theil nimmt. Ein Hauptinteresse bilden jedoch die Beziehungen, welche zwischen dem alten Israel und dem alten Egypten stattgesunden, und die uns durch die Erzählungen der h. Schrift von Kindheit an nahe gerückt und unserem Geiste theuer geworden sind. Wie uns durch den klassischen Unterricht Griechenland und Rom zu einer geistigen Wohnstätte werden, so wird uns Egypten schon vorher für die kindliche Phantasie durch Abraham, Jakob und Joseph, durch die Leiden und die Befreiung Israels gewissermaßen ein Heimachslanv, mit welchem wir gern immer vertrauter werden. Dies spricht auch der Verfasser eines neuen Werkes über Egypten, Professor Ebers, im Vorwort aus, und rechtfertigt hiermit besonders das Unternehmen, über welches wir hier reseriren wollen. Die durch ihre ausgezeichneten Leistungen auf dem Gebiete der Kunst und der Typographie rühmlich bekannte Verlagsbuchhandlung Hallberger in Stuttgart giebt nämlich jetzt in 36 Lieferungen heraus: „Egypten in Bild und Wort. Dargestellt von unseren ersten Künstlern, beschrieben von Georg 18*