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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-30 · Heft 18 (30.4.1878) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 18 (30.4.1878)
Date
1878-04-30
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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274 abgeirrt sind: so chut vor Allem Umkehr noth und steht es allwege offen (55, 6. 7): „Suchet den Ewigen, dieweil er zu finden, rufet ihn, dieweil er nahe ist. Der Frevler verlasie seinen Weg, der Mann der Sünde seine Gedanken: er kehre zum Ewigen, der wird sein sich erbarmen, zu unsrem Gotte, denn er ist reich im Vergeben". Dennoch gehört ries Alles nach der Ansicht unsres Propheten nicht blos in das Gebiet der Gefühle, sondern muß wurzeln in Erkenntniß und Einsicht; der Weg des Rechtes muß dem Menschen gelehrt werden, Erkenntniß ihm verschafft, „der Weg der Einsicht ihm zur Erkenntniß gebracht werden." (40, 14). Auch unser Prophet unterlaßt nicht, obschon es ihm am meisten darum zu thun ist, seine exilirren Brüden direct zum einzigen Gotte, zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Uebung des Rechtes zu führen, ihnen diejenigen Leidenschaften zu zeigen, welche besonders zu Lastern und Verbrechen hinführen. Zunächst ist es der Eigendünkel, die Selbstüberschätzung und der Trotz im Menschen, welche zuerst unvermerkt zum Bösen führen und rann darin festhalten. Der Prophet spricht 47, 10: „Du warst so sicher in deiner Bosheit; du sprachst: Mich siehet Niemand! Deine Weisheit, deind Kenntniß, die verführen dich, da du im Herzen sprachst: Ich bin's, sonst Nichts!" Da gerälh bann der Mensch unversehens in das Böse, in Vergehungen, ohne daß er sich ihrer bewußt wird, so daß er auch sie weder „abzubitten", noch zu „sühnen" vermag, bis „Vernichtung über ihn plötzlich kömmt" und er rathlos vor dem Ungeheuren steht (B. 11). Nicht minder züchtigt er die Habgier und die Schwelgerei (56, 11. 12): „Aber gieriger Seele sind die Hunte, wiffen nicht satt zu werden, und sie, die Hirten, wiffen nicht aufzumerken; allesammt wenden sie sich ihres Weges, jeglicher seinem Gewinnste nach von seinem Ende. Kommet, ich hole Wein, starkes Getränk laßt uns zechen, und morgen soll's gehen wie heute, herrlich und sehr hoch her". — Vor allem aber ist dem Propheten verhaßt — die Heuchelei, welche mit frevlen Handlungen Scheinheiligkeil verbindet, und der Blödsinn, der durch sogenannte fromme Werke böse Thalen vor Gott zu decken sucht. Im Exil, wo es an öffentlichen gottesdienstlichen Einrichtungen fehlte, mochte wohl allgemeines Fasten zum Gebrauche geworden sein. Denn gerade gegen dieses läßt sich der Prophet mit der schärfsten Ironie aus. „Am Tage des Fastens gehen sie dem Erwerbe nach, streiten und hadern mit frevlen Fäusten" (58, 3. 4), Opfer, „die dargebracht werden, während die Seele sich an Gräueln wohlgefällt", erklärt er für Verbrechen (66. 3». Den Sabbath feiern und dabei eitele Dinge und Geschäste treiben, ist widersinnig und verwerflich (58. 13). Erschütternd ist daher das Bild, das er von der Unsittlichkeit entwirft, die er im Leben der Menschen vor sich sieht. Er spricht (59, 3 ff.): „Denn eure Hände sind mit Blut besudelt, und eure Finger mit Miffethat, eure Lippen reden Falsch und eure Zunge murmelt Trug. Niemand belheuert mit Recht, und Niemand rechtet mit Treue, man trauet auf Nichtiges, recet Falsch, geht schwanger mit Unheil, und gebäret Frevel. Basiliskeneier brüten sie aus, und weben Spinnegewebe; wer ißt von ihren Eiern, stirbt, wirb eins zertreten, bricht 'ne Otter heraus; ihre Gewebe sind nichts zu Gewand, und mit ihren Werken können sie sich nicht bekleiden; ihre Werke sind Frevelwerke, Gewaltthat in ihren Händen. Ihre Füße laufen zum Bösen, und eilen, unschuldig Blut zu vergießen; ihre Gedanken sind Frevelgedanken, Unheil und Untergang auf ihren Pfaden. Den Weg des Friedens kennen sie nicht, kein Recht ist auf ihren Geleisen, ihre Steige krümmen sie sich, wer darauf wandelt, kennt Friede nicht." Und wie ergießt sich in den darauf folgenden Versen sein edles Herz in Trauer über solche Zustände! Und darum ruft er wie abschließend «57, 19. 20) aus: Ich „schaffe als Frucht der Lippen: Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen, spricht der Ewige, ich will es heilen. Doch die Frevler sind wie das aufgeregte Meer; denn nicht zu ruhen vermag eS, und seine Gewässer regen Koth und Schlamm auf. Kein Friede, spricht mein Gott, den Frevlern"! Um so anmuthender und hinreißender ist das Gemälde der wahren Sittlichkeit, das der Prophet entwirft, das Ideal des Edlen und Guten, wie es ihm erscheint, und das nicht blos in der Unterlaffung des Unrechts, sondern auch im Schaffen des Rechts und in der Uebung der Liebe im ganzen Umfange und mit vollem Herzen besteht. Wir finden eS in dem berühmten 58. Capitel, das unsre Weifen mit ebenso vieler Einsicht wie Frömmigkeit zur Haphtorah des Bersöhnungstages auswählten. Da heißt es B. 6 ff. „Ist nicht das (vielmehr) ein Fasten, das ich liebe: öffne die Schlinge der Bosheit, löse die Bande des Joches, frei entlaste Unterdrückte, und jegliches Joch zerbrechet! Nicht so? Brich dem Hungrigen dein Brod, unglückliche Verfolgte bring in's Haus, so du einen Nackten siehst, bekleide ihn, und deinem Fleisch entzieh dich nicht: dann wird, wie Morgenröthe, dein Licht anbrechen, und deine Heilung schnell gedeihen, und vor dir zieht dein Heil daher, des Ew'gen Herrlichkeit schließt deinen Zug. Dann rufst du, und der Ewige erhört, flehest, und er spricht: Hier bin ich! Wenn du aus deiner Mitte Unterjochung schaffst, Fingerzeigen und frevle Reden, und deine Seele dem Hungrigen spendet, und du die bedrückte Seele sättigst: so strahlt im Finstern auf dein Licht, und deine Dunkelheit wie Mittag. Da leitet dich der Ewige beständig, und sättigt in den Steppen deine Seele, und stärket dein Gebein; da wirst du wie getränkter Garten sein, wie Wafferquell, des Master niemals trügen". — In gleicher Werse, da der Prophet den Sabbath als das Symbol wahrer Gottesverehrung hervorhebt, begnügt er sich nicht damit, als die echte Feier desselben blos das Unterlasten jeder Arbeit und jedes Geschäftes anzugeben, sondern daß „du den Sabbath Wonne nennest, den dem Ewigen geheiligten ehrest — dann wirst du Wonne am Ewigen haben und ich laste dich der Erde Höhen ersteigen!" — Zum Schluffe wird es uns erfreuen und erheben, den Propheten selbst über das zu belauschen, was

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