Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1878)
- Date
- 1878-04-23
- Page
- Seite 268 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227195--36201-3306221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
268 sowie in Garn-, Hopfen-, Bank- und Wechselgeschäfte, Papierhandel, Weinhandel u. s. w. nach dem In- und Auslande betreiben. Der nach allen Richtungen der Windrose sich erstreckende Verkehr bringt nicht nur die hiesigen Israeliten mit Menschen der verschiedensten Zonen und Länder in lebhafte Geschäftsverbindung, sondern auch enorme Summen in Circulation auf den hiesigen Platz, wodurch der Comfort sich immer mehr steigert und die Physiognomie der Stadt an Pracht und Glanz stets zunimmt, was u. a. die zahlreichen Neubauten in den letzten Decennien beweisen, innerhalb welcher eine große Anzahl neuer herrlicher Straßen hier entstanden. Die Folge dieser großartigen Industrie und res ausgedehnten Handels ist denn auch, daß die Kinder der Armen und Unbemittelten Gelegenheit genug finden, sich nützlichen Beschäftigungen hinzugeben und ferner, daß ein geistiges und physisches Proletariat hier nicht leicht aufkommen kann. Ich glaube sonach erwiesen zu haben, daß gleich dem günstigen Aussehen der jüv. Commune in politischer, religiöser und socialer, so auch in merkantiler Hinsicht dasielbe ebenso lichtvoll wie glänzend ist, unterliegt es keinem Zweifel, daß die hiesigen Israeliten vermöge ihrer Strebsamkeit und Intelligenz die errungene Stellung nach jeder Richtung hin auch ferner zu erhalten bestrebt sein werden. Sigmund Heumann. Vermischtes. Karl Gutzkow und die Juden. In einem jüngsten Feuilleton der „N. Fr. Pr." wurde behauptet, daß Karl Gutzkow in seiner eben erschienenen Brochüre „Dionysius Longinus. Oder: Ueber den ästhetischen Schwulst in der neueren deutschen Literatur. Stuttgart, Emil Gutzkow, 1878" gegen die Juden losgegangen und sie als Ableiter seiner Galle verwendet habe, wobei einige, sonst ganz zutreffende Bemerkungen hinzugefügt werden. Nachdem wir das Schriftchen selbst durchgelesen, müffen wir die Behauptung des Feuilletonisten als unrichtig zurückweisen. Es fehlt weiter nichts, als daß wir Juden nun auch noch benutzt werden sollen, um einen Schriftsteller, den man in übles Licht stellen will, als Judenfeind aufmarschiren zu lassen. Das Schriftchen Gutzkow's enthält neben vielen subjectiven Bitterkeiten doch auch manches objectiv Wahre, und sein Feldzug gegen Cliquen- und Reclamenwesen, gegen literarische Streberschaft, Halbbildung, die sich übermäßig spreizt, Autodidaktie, welche sich für die Mutter der Weisheit und Kun ausgiebt u. s. w., ist dankbar anzuerkennen. Allerdings erweist er sich gegen die Juden nicht wohlwollend — was Gutzkow nie gethan — wer kann aber Wohlwollen erzwingen wollen, noch dazu bei einem Manne, der gegen die ganze Welt verbittert ist, und von Shakespeare an, oder sagen wir vielmehr von Aeschylus an, alles, was einen Erfolg gehabt, mit Tadel überschüttet? Wir bedauern den Autor, der nach langem, arbeitsvollem Leben mit so zerstörtem Gemüthe auf die Vergangenheit zurückblickt! Dennoch wünschen wir dem Schriftchen, um des Richtigen und Wahren willen, das es enthält, volle Berücksichtigung — wenn es nur in seiner Campagne gegen Hebbel, und diese bildet den Hauptstoff, nicht zuletzt langweilig würde!*) Das Oratorium „JudaS Makkabaus". Wir haben in Nr. 5 d. I. über das Geschick der Makkabäer in der Kunst und Literatur gesprochen, wobei wir das große Oratorium Hänvel's als das einzige wahre Kunstwerk bezeichneten, durch welches bis jetzt bas Geschlecht der Makkabäer verherrlicht worden, wobei wir bemerkten, daß es in der Natur der Sache liege, daß das Oratorium seine eigentliche Bedeutung in seinem musikalischen Werthe besitze. Wir hatten in diesen Tagen Gelegenheit, einer recht wackeren Aufführung dieses Oratoriums anzuwohnen, und gestehen gern, wie sehr uns die ewige Frische dieser Tonschöpfung hinriß, welche in einem staunenswerchen Maße die Kraft des heroischen Genius mit der reizendsten Anmuth in Melodie und Instrumentirung vereinigt. Es lag hierbei nahe, auch das Textbuch in's Auge zu faffen, und es befriedigte uns dieses in einem Maße, wie es bei solchen Libretti selten der Fall ist. Das englische Original ist von Gervinus trefflich übertragen. Was uns freute, war, daß in demselben die Charakterzüge des Judenthums in Nichts verletzt sind, und alle Motive, die bei dem wirklichen makkabäischen Kampfe rege sein mußten, getreulich zum Ausdruck kommen. Die Liebe zur Freiheit, die Treue gegen den einzigen Gott, der tiefe Widerwille gegen alle götzendienerische Handlungen, die unerschütterliche Zuversicht auf Gott, die Abneigung gegen alle Angriffs- und Eroberungskriege, die Beschränkung auf den erfochtenen Sieg, welcher Freiheit und Religion sicherstellte und die Liebe zum Frieden sprechen sich in dem Gedichte wohlthuend aus; weder der menschliche Held, noch der rettende Gott wird vergeffen, sondern beide empfangen ihren Theil an Dank und Jubel. Bon den, diesem Gegenstände völlig unangemessenen Liebeshändeln, welche die dramatischen Dichter, die den Makkabäerkampf behandelten, in ihre Dichtung einzufügen für uothwendig hielten, ist hier keine Spur, und wahrlich, das Werk hat hierdurch an erhebenden und innigen Motiven nichts verloren. Um der ganzen Fülle der seelischen Affecte den angemeffenen Platz zu gewähren, ist das 1) Was den Haupttitel betrifft, so ist Dionysius LonginuS der Verfasser eines Buches stegl vyovs, des einzigen, das von ihm, der um 250 nach der gew. Zeitr. in 21 Bücher <pikä}jyyot öutliai geschrieben hatte, übrig geblieben ist. Wir haben unsere Fachgenossen schon 1834 auf diese Abhandlung „Ueber das Erhabene" aufmerksam gemacht und in unserem „israelitischen Predigt- und Schnlmagaziu" fBaud 111, S. 156 ff., 2. Aust., S. 371 ff.) seine Hauptsätze zusammengeftellt und übertragen. Wir können sie noch heute den jüd. Predigern I zur Beherzigung empfehlen.