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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-23 · Heft 17 (23.4.1878) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 17 (23.4.1878)
Date
1878-04-23
Page
Seite 267 (sequence 11)
Language
German
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267 II. Nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 1. December 1875 hat Bayern 51335 Israeliten, wovon auf die Hauptstadt München 3475, auf Fürth 3317 jüdische Seelen treffen. Sonach zahlt München 158 jüdische Seelen mehr als Fürth und ist die größte Gemeinde im Königreiche geworden. Immerhin soll eine große Gemeinde die Trägerin der Intelligenz und des kirchlichen Typus sein und von deren Verhalten eine Parallele auf die übrigen gezogen werden. Ich habe als geborener Fürther und ständig hier wohnend, Gelegenheit genug gehabt, die hiesigen jüdischen Zustande in socialer, politischer, religiöser und mercantiler Beziehung zu beobachten und verdient ad l die Einigkeit hervorgehoben zu werden, die hier zwischen den verschiedenen Confessionen herrscht, sowie, daß der alte sociale Krebsschaden, Rischus genannt, so ziemlich verschwunden ist und nur manchmal übertriebene Empfindlichkeit von dem frostigen Luftzuge der Intoleranz sich berührt wähnen mag. Es bestehen hier viele und treffliche Wohlthäiigkeitsanstalten, Institute, Vereine, Stiftungen u. s. w., die unter den verschiedensten Namen den einen Zweck verfolgen, der Noth und dem Elend, in welcher Gestalt sie sich zeigen mögen, nach Kräften zu steuern. Nicht minder manifestirt sich der Sinn für Humanitätszwecke bei privaten und öffentlichen Sammlungen auf das Hochherzigste. Von der hervorragenden Stellung der hiesigen Israeliten in intellectueller Beziehung diene, daß sich gegenwärtig befinden unter 15 Aerzten 6 jüdische; unter 8 Advocaten 4 jüdische; unter 12 Magistratsrathen 4 jüdische; unter 36 Gemeindebevollmächtigten 10 jüdische. Der Vorstand des letzteren Collegiums, Herr vr. Lanbmann, sowie der Secretar desselben, Herr I. Mohr, sind Glaubensgenossen, ebenso der Vorstand der hiesigen Freimaurerloge, Herr Ollesheimer. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde, Herr vr. Gunzenhäuser, ist Abgeordneter für den bayrischen Landtag, unter dem Lehrkörper an der hiesigen königl. Realschule befindet sich ein jüdischer Lehrer, Herr Silberschmidt. Im Armenpflegschaftsrath, der aus 12 Personen besteht, sind außer dem Rabbiner noch 3 Israeliten, am königlichen Handelsgerichte befinden sich unter 8 Richtern und Assessoren 4 jüdische. Die Vertretung der Israeliten bei den städtischen und staatlichen Corporalionen übersteigt durchgehends das numerische Verhältniß von 13 °/o und gestaltet sich zuweilen bis auf 50 °/o. Fast alle ersten jüdischen Beamten in Bayern, sogar einzelne erste in Deutschland, gingen aus dem Schooße der hiesigen Gemeinde hervor und auch auswärts wohnen zahlreiche Israeliten von distinguirter Stellung, die vor ca. 6 Decennien den ersten Grund zu ihrer Geistesbildung hier gelegt haben. Nicht minder spielen die hiesigen Israeliten in politischer Hinsicht eine Rolle und mit Ausnahme der sogenannten Reichspostler, einer protestantisch - conservativen Partei, zählen sämmtliche politische Fractionen hiesiger Stadt Israeliten zu ihren Mitgliedern und tonangebenden Führern. In religiöser Beziehung kann die hiesige Gemeinde im Ganzen und Großen eine religiöse als solche genannt werden, die nicht im Rufe der Neuerungssucht und officiell nicht auf dem Boden der sogenannten Trotzreform steht. Der Andacht stehen hier sechs Synagogen mit zusammen 621 Männer- und 583 Frauentotal 1204 Sitzen zur Verfügung, in 4 derselben wird der Gottesdienst nach streng orthodoxem Ritus abgehalten, während in einer die Piutim rc. theilweise abgeschafft und nur in der Hauptsynagoge eine Orgel sich befindet. Die israelitische Bürgerschule, gegründet 1862, das israel. Spital, errichtet 1653, die israel. Waisenanstalt für Knaben, gegründet 1764, der israel. Friedhof nebst neu gebautem Leichenhaus, errichtet 1604, die Fleischfcharre, das rituelle Frauenbad u. s. w. stehen alle unter streng religiöser Aufsicht, welche Personen anvertraut ist, an deren Orthodoxie ein Zweifel nicht aufkomuien kann. Wird nun der Leser aus dieser Schilderung einen günstigen Eindruck gewinnen, so wird die Wirkung noch erhöht roerden, wenn ich eine weitere Mittheilung über die hiesigen Israeliten in mercantiler Beziehung folgen lasse. Durch die letzten Kriege und die ihnen folgende finanzielle und industrielle Calamität ist der hiesige Platz stark in Mitleidenschaft gezogen und von großen Verlusten an Besitz und Erwerb betroffen worden, wenn auch die Zahl der bisher bekannt gewordenen Insolvenzen eine verhältnißmäßig geringe zur Bedeutung Fürths als Handels- und Industriestadt ist. Wird es nun hier gerade keine Millionäre geben, so existirt doch ein Wohlstand und lebenskräftiger Mittelstand, den irgend eine große jüdische Gemeinde kaum besser aufweisen durfte. Die Spiegelglasfabrikation, ein Hauptindustriezweig hier, der einen Weltruf genießt, gedeiht in immer größerer Progression unter der Pflege jüdischer Hände, 28 jüd. Häuser besitzen circa 90 Glasfabriken. Die Stahlbrillenfabrik von A. Schweizer, die Bleistiftfabrik von Jllselver, die Broncesarben-, Brocat- und Metallsabriken von 1. G. Benda, 2. I. Braudeis jr., 3. Eiermann und Faber, 4. H. Ussenheimer, 5. Steinhardt u. Co., die Buntpapierfabrik von I. Kaufmann, die Cichorienfabrik von I. Cohn, die Gold- und Silberpapierfabriken von 1. Gebrüder Schönthal, 2. I. Rosenfels, die mechanische Weberei von D. Regensburger, die Lederfabrik von Lewald Söhne, die Jalousienfabrik von L. Iller, die chemische Fabrik von vr. Oppler, die Bilder- und Bilderbüchersabrik von G. Lowensohn, die Preßhefefabrik von S. Böhm, die Pappenveckelfabrik von D- Neuburger, die Malzfabrik von Schwab u. Co., die Messerfabrik von I. Heymann, die Leinenfabrik von Haßberger u. Dreschfeld, die Filzfabrik von B. Berneis, die Brauerei von Mailänder, die Zinnfolienfabrik von vr. Morgenstern und sonstige Fabriken jüd. Besitzer geben Tausenden von Arbeitern Beschäftigung. Nicht minder großartig ist der bedeutende Handel, den die zahlreichen jüd. Besitzer von Geschäften in Knopf-, Band-, Confectious-, Glas-, Gold- und Silber-, Metall-, Eisen-, Schuh-, Blattgold-, Pelz-, Porzellan-, Strumpf-, Kurz-, Spiel-, Schnitt-, Weiß-, Wollen-, Galanterie-, Leder-, Holz-, Tuch- und sonstigen Waaren, 17*

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