Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1878)
- Date
- 1878-04-23
- Page
- Seite 266 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Sie sind bündig und gehen überall ohne Weiteres auf ihren Gegenstand ein. Sie suchen sich dem Verständniß des Zuhörerkreises anzupaffen, z. B. durch den Vergleich einer Schwurgerichtssitzung mit unsrer eigenen Selbstprüfung, des Eifers der „Touristen" die Berge zu besteigen, mit dem was wir am Versöhnungstage thun sollen. Als irrig muffen wir dagegen bezeichnen, wenn der Verfaffer (S. 36), um den Mangel des Ausdrucks für den Unsterblichkeitsglauben im Pentateuch zu erklären, behauptet, daß das Dasein Gottes ebenfalls nirgends besonders ausgedrückt sei. Dies kann doch nur Wortklauberei behaupten, sobald man nur z. B. den ersten Satz der heiligen Schrift liest „Gott schuf Himmel und Erde", oder „Gott ist das unveränderliche Sein," oder „Ich bin der Ewige dein Gott", oder „Höre Israel, der Ewige ist einzig", und hundert andere Sätze. Il e « i l Die Ävden in Fürth. I. Zehn Jahre sind es nun, daß ich in Ihrer geschätzten Zeitung, diesem Organe des Judenthums, diesem Centrum der Israeliten aller Länder, über Jntereffen regelmäßig berichte, die Juden und Judenthum im Allgemeinen, namentlich in Bayern und speciell auf hiesigem Platze berühren. Noch habe ich aber der Anfangsgeschichte der jüdischen Gemeinde Fürth nicht erwähnt und mögen daher folgende Notizen für Ihre Leser von Jntereffe sein. Bis 1528 wohnten keine Juten hier, während sie im benachbarten Nürnberg bis zum Ende des 15. Jahrhunderts eine ansehnliche und wohlhabenve Gemeinde gebildet hatten. Fanatismus uad Habsucht hatten 1349 eine theilweise und 1499 die gänzliche Vertreibung derselben aus Nürnburg bewirkt. Die unglücklichen Flüchtlinge, die noch ihr Leben zu retten vermochten, fanden erst in Prag und Frankfurt a. M. Zufluchtsstätten. Im Juni 1528 erhielt Männel, Sohn des von Nürnberg vertriebenen Weinwirths Symelin Weinschenk, vom Markgrafen die Erlaubniß, sich in Fürth niederzulaffen. Es war dies der erste israelitische Einwohner daselbst, der zweite Michel Jud kam 1538 hierher. Außer diesen beiden und ihren Affociös wohnten bis 1553 keine weitern Juden hier, in diesem Jahre wurden jedoch mehrere ansässig, welche alle Lurch einen gelben Streifen in der Kleidung sich kennbar machen, während die Frauen an dem Schleier blaue Streifen tragen mußten. 1573 am 15. April wurde vom Kaiser Maximilian 1l. dem Domprobst von Bamberg, Michael von Lichtenstein, das Privilegium bestätigt, im Flecken und Amt Fürth Juden halten zu dürfen, welche 1601 ihren Privatgottesdienst begannen, woraus erhellt, daß, da zu einem öffentlichen Gebet zehn männliche Personen gehören, diese Anzahl damals hier wohnten. Der jüdische Friedhof datirt von 1604 (der als ältester Grabstein in demselben bezeichnete Stein, der von Zeit zu Zeit restaurirt wird und in völlig bewahrtem Zustande erhalten ist, trägt das Datum Clieschvan (6) 365 a. m. — October-November 1604 n. Ehr.), vor dieser Zeit hatten die hiesigen Juden ihre Todten in Bayersvorf bei Erlangen beerdigt und mußten dafür einen Gulden für einen alten und einen I e t o tt. halben für einen jungen Menschen an das Kastenamt in Kadolzburg bezahlen. Eine Definition des Begriffes von jung und alt ist dabei nicht gegeben. 1616 hatte sich die jüdische Gemeinde unter markgraflichem Schutze rasch vermehrt, für letzteren hatte jede Familie jährlich 10 fl. 30 kr. zu bezahlen, auch die wenigen, unter domprobsteilichem Schutze lebenden Juden mußten 12 bis 20 kr. an das Geleitsamt entrichten. Dagegen durften sie unter sich eine eigene kirchlich-politische Corporation bilden, die Verträge schließen und liegendes Gut erwerben konnte. Sie durften ihre Religion und ihre Ceremonien frei ausüben, ihre Rabbiner, Vorsteher und Gerichte wählen und Gewerbe zum Gebrauche ihrer Gemeinde treiben, auch sich Gemeindeabgaben auflegen. Dagegen waren sie von der christlichen Gemeinde ausgeschloffen, konnten kein Bürgerrecht erlangen und in keine Zunft ausgenommen werden. Zur Tragung der allgemeinen Lasten des Ortes wurden sie beigezogen. Den christlichen Gemeindegliederu gegenüber standen sie unter gleichem Rechte mit denselben, ebenso in Civilsachen. Auf öffentliche Aemter und Würden hatten sie keinen Anspruch, auch keinen Antheil an der Waffenpflicht. Für ihre Waaren hatten sie höheren Zoll als die Christen zu bezahlen. Sie gründeten eine eigene Universität (Jeschivah), auf welcher sich mitunter einige Hundert, nach andrer Angabe mitunter 400, fremder israelitischer Bachurim befanden. Auch eine Buchdruckerei errichteten sie. Damals wurde auch die Hauptsynagoge erbaut 1617. Die Druckerei nebst Verlag wurde erst vor 10 Jahren an einen hiesigen Buchdrucker verkauft. Die Jeschivah in Fürth war vormals als Metropole berühmt, aus welcher Radien des Geistes über alle Gauen jüdisch-deutscher Länder sich ausbreiteten und aus deren Hörsälen viele Männer der Glaubenkrast unv der Religionstreue hervorgingen. Erst vor ca. 40 Jahren wurde sie aufgehoben, und zwar unter dem Directorium Wolf Lippmann Hamburgers, geboren hier am 24. Januar 1770, gestorben hier am 15. Mai 1850. Bon 1618 an, dem Beginne des 30jährigen Krieges, begannen viele Drangsale, die die hiesigen Juden zu erdulden hatten und auf welche ich später zurückkommen werde. Doch waren die Juden stets hier tolerirt und fanden die Verfolgten hier frühzeitig eine gastliche Stätte, als Fanatismus sie anderwärts noch lange von sich stieß.