Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1878)
- Date
- 1878-04-23
- Page
- Seite 265 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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265 Türkei. Pera, 4. April. Das „Wiener Fremdenblatt" berichtet, daß der russische Oberfelvherr, Großsürst Nikolaus, gegen die Deputation des internationalen Hülfsvereins, dem er 1000 Imperials als milde Spende hatte zukommen laffen, und die ihm dafür ihren Dank auszusprechen gekommen, sehr harte Worte über die Bulgaren sprach; er schilderte dieselben als tückisch und störrisch, so daß es der größten Strenge bedürfe, um Ausschreitungen hintanzuhalten. Er sagte ferner: „Meine Soldaten finden bei Weitem mehr Sympathieen bei den Türken als bei den Bulgaren; der Türke theilt mit unseren Soldaten das letzte Stückchen Brod, das er besitzt, während der Bulgare, wenn auch seine Kammer von Lebensmitteln strotzt, sich nicht zu dem geringsten Opfer Herbeilaffen will." Ein gleiches Unheil fallen alle russischen Officiere — und solchen Menschenstamm will man zum Beherrscher von mehreren Millionen Griechen, Juden, Türken und Wallachen machen! Es ist unmöglich, daß die russische Staatsregierung vor einer solchen politischen Monstrosität die Augen schließe, nachdem die russische Heeresleitung selbst zu solcher Erkenntniß gekommen ist. Jedenfalls müßten den Bulgaren die Hände gebunden werden, ihre brutale Herrschaft nicht nach ihren Herzensgelüsten über die Andersgläubigen ausüben zu können! Andere Berichte über das Verhalten der Bulgaren selbst zeigen nicht minder, was man von diesen als Selbstherrschern zu erwarten habe. So begab sich eine bulgarische Deputation in Rustschuk zu dem russischen Platzcommandanten, und verlangte die Entfernung aller nichtbulgarischen Handelsleute aus der Stadt, damit die letzteren allein die Geschäfte betreiben könnten. Der russische General bestrafte diese Unverschämtheit mit einigen Tagen Haft für die Mitglieder der Deputation. Bonn, 14. April. (Notizen.) Man schreibt uns aus Szegedin unter dem 7. April: An die Stelle des verstorbenen Oberrabbiners Leopold Löw ist deffen Sohn, Herr Dr. Immanuel Löw, der seine theologischen Studien an der Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums in Berlin machte, in der heutigen Generalversammlung einstimmig zum Rabbiner gewählt. — Man theilt uns aus Hamburg mit: Hier besteht ein „Verein für jüdisch-religiöse Vorträge", bei welchem besonders der Oberrabbiner I. JsaacSsohn durch Vorträge sich verdient macht. Der Verein gab demselben jüngsten Sonntag Abend ein Fest zu Ehren, bei welchem ihm der Schuldirector Dr. M. Katzenstein mit einer schwungvollen poetischen Ansprache begrüßte. Das Fest gab ein lebhaftes Zeugniß, welche günstige Wirksamkeit der Verein der hiesigen Gemeinde ausübt, sowohl um die Kenntniß der jüdischen Religion und ihrer Geschichte, als auch den Geschmack an der geistigen Beschäftigung mit derselben zu verbreiten. Bonn, 14. April. (Literarische Notizen.) Der Director der Jacobson-Schule zu Seesen, Herr Dr. Arnheim, hat statt eines Schulprogramms, Privatmittheilungen an die Angehörigen unsrer Schüler über das Schuljahr 1877,78 erlaffen. In demselben bespricht er Uebelstände, von denen wohl jede Pensionsanstalt von größerem oder geringerem Umfange zu leiden hat. Er bittet die Angehörigen weder Geld noch Lebensmittel an die Schüler zu schicken, sie in den Ferien nicht besonders zu verfüttern, daß ihnen die gesunde aber einfache Kost der Anstalt nicht mehr mundet, sie auch bisweilen Indispositionen vom Hause mitbringen, endlich sie nicht zu Hause rauchen zu laffen. Dies sind sehr äußerliche Dinge, und doch für eine Erziehungsanstalt von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Ferner spricht er sich über die Schädlichkeit des Privatunterrichts aus, der nur in dem einen Falle zuzugestehen sei, wenn der Schüler durch Krankheit oder sonst unverschuldet zurückgeblieben ist. Wir empfehlen die einfache, aber sehr einleuchtende Besprechung allen Eltern, besonders den Müttern und Verwandten, welche Zöglinge in irgend eine Pensionsanstalt gegeben haben. Die Zahl der Schüler war Michaelis 1877: 248, von denen 124 der israelitischen unv 124 der christlichen Confession angehörten, 176 Alumnen und 72 Stadtschüler waren. Man ersieht hieraus, daß auch eine beträchtliche Zahl christlicher Zöglinge zu den Alumnen gehört. — Wir erhalten feit einiger Zeit regelmäßig und fühlen uns dafür verpflichtet: „Bukowiner pädagogische Blätter, Organ und Eigenlhum des Bukowiner Bolksschullehrer-Vererns." Die Zeitschrift, die bereits im sechsten Jahrgang steht, wird im Geiste der humansten und rationellsten Pädagogik revigirt und zeichnet sich durch Gediegenheit und Reichthum des Inhalts aus. Auch in confessioneller Beziehung huldigt sie im vollen Sinne der Gleichberechtigung und Duldsamkeit. Jedenfalls ist sie auch ein Zeugniß, wie sehr der deutsche Geist auch in jener entlegenen Landschaft des österreichischen Kaiserfiaates obwaltet. — Zum Andenken an Eduard Cohn. Rede gehalten an seinem Grabe von Dr. Jecheskel Caro, Rabbiner in Dirschau. Dirschau, Hopp, 1878. Ein trefflicher Mann ist in der Blüthe seines Man nesalters plötzlich auf der Straße durch einen herabstürzenden Fensterflügel getödet und seiner Familie sowie seinen zahlreichen Freunden entriffen worden. Die hier auf vielfaches Verlangen gedruckte Grabrede ist, wie wir gern anerkennen, meisterhaft, nicht ein mühsam zusammengefügtes Kunstwerk, wohl aber eine so recht ursprüngliche, aus der Tiefe der Empfindung und aus der Höhe der Anschauung wie von selbst gedrungene Rede. Zuerst rechtfertigt sie in geistreicher Weise die Trauerrede zu einer Zeit, wo eine solche rituell versagt ist, schildert dann ergreifend den Schmerz der Betroffenen und weist dann aus begeisterter Ueberzeugung auf Gott als den unerschöpflichen Quell des Trostes hinauf. — Festpredigten von I. Stern, Rabb. in Battenhausen. Eßlingen, Harburger, 1878. Diese Sammlung kleiner Predigten und Gebete (20 auf 104 Seiten) ist besonders Landgemeinden zu empfehlen. 17