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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-23 · Heft 17 (23.4.1878) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 17 (23.4.1878)
Date
1878-04-23
Page
Seite 261 (sequence 5)
Language
German
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261 Berlin, Wolf Peiser, 1878. Der Geist der Erneuerung, der durch die Gegenwart geht und auch das Gebiet der Schule ergriffen hat, mußte nothwendig auch den Religionsunterricht berühren, der unbestritten der einflußreichste Mitarbeiter am Geist und am Herzen der Jugend ist und einen vorwiegenden Antheil an der später« Denk- und Anschauungsweise des Menschen hat. Aus solcher Erwägung entstand in den letziverflossenen Jahren eine Anzahl verdienstlicher Schulbücher, welche dem Religionsunterrichte, besonders dem ersten Unterricht in der biblischen Geschichte in den jüdischen Schulen — wie in den christlichen — fast allgemein zu Grunde gelegt wurden. Einen beachtenswerthen Platz unter diesen Schulbüchern nehmen jedenfalls die oben bezeichneten, von vr. Julius Landsberger herausgegebenen Merkchen ein. Ein in langjähriger Praxis bewahrter Schulmann und zur Zeit Religionslehrer an zwei höher« städtischen Schulanstalten Berlins hat es der Verfasser verstanden, eine „Kinderbibel" zu schreiben, welche „im jüdischen Religionsunterrichte den jüngern Kindern zur Lectüre und den ältern zur Wiederholung der wichtigsten Bestandtheile der heiligen Schrift dienen soll." Diese Kinderbibel ist allerdings in bündigster Kürze abgefaßt und hat überall die weitere Ausführung der Begebenheiten unterlaffen, welche den biblischen Erzählungen ihren fesselnden Reiz giebl. Allein das bezieht sich thatsächlich nur auf das sinnliche und dem Reflectiren ausgesetzte Element, wahrend „dem ethischen Theile der heiligen Schrift seine volle Berechtigung eingeräumt wird." Als Ergänzung zur „Kinderbibel" ist der kleine Katechismus anzusehen, der unter dem Titel „Religion und Liebe" in knapper Form und in einer das Herz des Kindes gewinnenden Sprache die Lehren der Religion behandelt und bereits in zweiter Auflage erschienen ist. Beiden Schulbüchern ist ein Anhang beigegeben, der je ausgewählte Psalmen in metrischer Uebersetzung und Gedichte zum Vorträgen bei öffentlichen Prüfungen enthalt. Zunächst vom Berfaffer nur für seine eigene Schule geschrieben, empfehlen sich diese Schulbücher für die Religionsschule überhaupt und verdienen größere Beachtung. Dr. Tobias Cohn, Rabbiner. ^DeikiUMß du/<xcfeticßfceu/. Deutschland. Berlin, io. April. (Privatmitth.) Oft genug haben wir uns der Thatsachen zu erfteuen, welche beweisen, daß in den zerstreuten Gliedern des jüdischen Volks- und Glaubensstammes ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Solidarität nicht fehlt. Wir meinen hiermit nicht bloß die Bestrebungen, den Juden in Rumänien und anderen Ländern die bürgerliche Gleichstellung zu erwerben. Denn man könnte immerhin sagen, daß es daS eigene Interesse der Juden aller Länder sei, die bürgerliche Ungleichheit aus confessionellen Gründen vollständig aus der Welt zu schaffen. Dann erst scheine das Princip völlig gesichert zu sein. Aber die reichen Spenden, die z. B. jüngst wieder zu Gunsten der unglücklichen jüdischen Flüchtlinge nach der Türkei aus allen Ländern flössen, bieten einen unzweideutigen Beweis. Jndeß bedarf gerade dieser Gegenstand einer genaueren Prüfung, da andrerseits von unseren Gegnern dieser Zusammenhang unter den Juden übertrieben und auf Gebiete versetzt wird, wo auch nicht die geringste Spur davon vorhanden ist. Der jüngste Effah des Prof. Goldwin Smith gab abermals ein Zeugniß für die Ausnutzung jener Thatsache zu unserem Nachtheile. Ich finde nämlich, um es gleich kurz zu sagen, daß dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit bei den Juden lediglich dann rege wird, wenn irgendwo für Juden als solche ein großes Unglück geschehen ist, also auf dem Gebiete der Barmherzigkeit — in allen übrigen Beziehungen finde ich nichts davon. Am lächerlichsten und darum kaum erwähnenswerth ist es, wenn unter den Juden ein Zusammenhang, eine Verbindung auf commerziellem und industriellem Felde erdacht wird. Eine solche findet nicht einmal zwischen den nächsten Nachbarn, zwischen den Juden einer Stadt, einer Provinz, eines Landes, oder zwischen den Juden, die eine und dieselbe Branche betreiben, statt, um wie viel weniger eine noch weiter gehende. In Geschäftsangelezenheiten herrscht zwischen Juden ganz dasselbe Gesetz wie unter Christen, das strenge Gesetz des Gewinnes und des Verlustes, welches zugleich mit dem Individualismus oder Egoismus sich vereint, so daß Jeder nur an das denkt, was ihm persönlich Gewinn oder Verlust bringt, und danach handelt. — Eigenthümlicher aber ist es, daß die Juden in allen Staaten, besonders aber, wie dies sehr erklärlich ist, in denjenigen, wo sie sich einer guten und gerechten Behandlung erfreuen, sich mit einer außergewöhnlichen Energie in die staatlichnationale oder patriotische Gesinnung versenken, mit einem Worte ihrem Vaterlande mit ganzer Seele sich hingeben, so sehr, daß sie ihre Sym- und Antipathien aus dieser Quelle schöpfen und gegen die Juden anderer Länder wenden. Dem genaueren Beobachter entgeht es z. B. nicht, daß, wie in England im Allgemeinen eine Abneigung gegen Deutschland vorherrscht, was sich u. A. in allen wissenschaftlichen, kritischen Zeitschriften kundthut, so auch die englischen Juden gegen ihre deutschen Glaubensgenossen sich sehr kühl, sehr ablehnend, ja zurückftoßend benehmen. Gleiche Gesinnungen haben die französischen Juden seit 187<J gegen die deutschen bei jeder Gelegenheit erwiesen, nur daß die Ersteren noch dazu den Letzteren eine feindselige Tendenz gegen sie insinuirten, die durchaus bei uns nicht vorhanden war. Auch aus anderen Ländern hätten wir sehr auffallende Thatsachen an-

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