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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-23 · Heft 17 (23.4.1878) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 17 (23.4.1878)
Date
1878-04-23
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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W 258 i '! 1 das Wort ergriffen zu haben. Wie der geehrte Leser sich erinnern wird, hat Schreiber dieses in jenem Artikel auf die jetzige günstige Stimmung für die Juden Rumäniens aufmerksam gemacht und die hochgestellten Juden des Auslands angerufen, daß sie die günstige Zeit benützen mögen, um für die Juden thatig zu sein. Auch hat er es mit der größten Befriedigung wahrgenommen, daß besonders unsere deutschen Glaubensgenoffen vom besten Willen beseelt sind, daß ihnen in echt jüdischer Weise das Wohl der Juden unseres Landes am Herzen liegt. Der Zweck also, den sie erreichen wollen, ist recht edel und human, und jeder von uns muß ihnen nur Dank wiffen, daß sie in großherziger Weise alles für uns thun möchten. Nichtsdestoweniger muß Schreiber gestehen, daß seiner unmaßgeblichen Ansicht nach die Mittel zur Erreichung dieses edlen Zweckes nicht gut gewählt waren. Vor Allem ist es nicht einzusehen, warum die Intervention unserer deutschen Brüder sich nur auf die Juden Rumäniens beschrankt. Als im vorigen Jahre die europäische Conferenz zu Konstantincpel zusammengetreten war, um über die orientalischen Berhältniffe zu berathschlagen und Beschlüße zu faßen, hatte das bekannte von der Alliance IsraSIite zu Paris ausgegangene Memorandum zu Gunsten aller Juden des Orients intervenirt, und war auch nicht, wenigstens indirect, ohne jeden Erfolg geblieben. In der von Midhat Pascha angeregten und während der Conferenz von der Türkei verkündeten Berfaffung war die Gleichberechtigung aller Culten ausgesprochen, und eine der Friedensbedingungen zwischen Serbien und der hohen Pforte war bekanntlich auch: die Emancipation der Juden. Seit damals sind die Berhältniffe ganz andere geworden, das türkische Reich ist zertrümmert, Serbien nach dem Friedensvertrag von San Stefano unabhängig geworden und dürfte sich von jenen mit der Pforte im vorigen Jahre stipulirten Bedingungen nicht gebunden halten. Ebenso ist Montenegro unabhängig und vergrößert, ein neues Fürstenthum Bulgarien ist geschaffen und in allen diesen Landern wohnen Juden, welche dem Drucke und der Willkür ihrer andersgläubigen Mitbürger preisgegeben sind. Ist nun die Frage nicht gerechtfertigt, warum jetzt weniger thun als voriges Jahr? Glauben anders unsere deutschen GlaubenSgenoffen, daß beim Congreffe etwas für die Juden gethan werden könne, warum beschränken sie sich in ihrer Intervention blos auf die Juden Rumäniens und dehnen diese nicht auf alle Juden der europäischen Türkei aus? Wäre es nicht an der Zeit, daß unsere einflußreichen Brüder in den civilisirten Ländern Europas zum europäischen Areopag also sprechen sollen: Ihr seid zufammengekommen, um die Berhältniffe des Orients dauernd zu ordnen. Dort wohnen die verschiedensten einander feindselig gegenüberstehenden Nationalitäten; es liegt gewiß in euerer Absicht, die Stellung der einzelnen Nationen zu regeln, denn nicht die panslavistische Politik Rußlands, sondern die humanitäre Seite in deffen Bestreben war es doch sicherlich, die Europa ruhig zusehen ließ, daß Rußland das türkische Reich zertrümmere. Nun wollet auch etwas für die große Anzahl Juden thun, die in allen Theilen der Balkanhalbinsel wohnen, wollet sie als Versöhnungsmittel zwischen den verschiedenen Nationen gebrauchen. Sie flehen euch an; wollet auch ihnen ein menschenwürdiges Dasein bereiten. Denn nur so werdet ihr eurer Aufgabe gerecht werden und Dauerndes schaffen. Das wäre an der Zeit und ist wie gesagt schwer einzusehen, warum man bei der oben erwähnten Petition nur die Juden Rumäniens berücksichtigte? — Aber auch deswegen, weil man es in der besonderu Form einer Intervention für die Juden Rumäniens und nicht in der allgemeinen einer Intervention für die Juden des Orients überhaupt gethan hat, verspricht sich Schreiber dieses von dieser Seite keinen Erfolg und Ihr Correspondent R. in Nummer 10 hat Recht, wenn er behauptet, daß das eher nachtheilig wirken kann als nützen, und es wäre, wie jener ganz richtig sagt, eine llontradiotio in adjecto, daß man zu selben Zeit, wo Rumänien die Unabhängigkeit zugesprochen werden soll, eine Presion darauf, feine interne Angelegenheiten betreffend, ausüben will. Der Vertreter Rumäniens bei der Conferenz wird antworten können: Warum Serbien, Montenegro ohne weiteres die Unabhängigkeit zuerkennen, aber bei Rumänien die Emancipation der Juden als eine conditio sine qua non machen? Das wird auch die Rumänen reizen. Sie werden den Juden vorwerfen, daß diese in einer Zeit, wo das Land in einer bedrängten Lage sich befindet und nur noch von Europa Schutz gegen Rußland erwartet, die öffentliche Meinung gegen sie einzunchmen suchen. — Der geehrte Leser wird schon aus meinen Ausführungen in Nummer 6 ersehen haben, daß ich nicht die Ansicht des Correfpondenten R. theile, daß wir uns jetzt ganz passiv verhalten sollen, bin vielmehr ganz von der Ueberzeugung Ihres Correspondenten „von der untern Donau" und Ihres Correspondeten des geehrten Herrn Predigers l)r. M. Beek durchdrungen, daß diese günstige Zeit benutzt werden muß, nur möchte ich es in ganz anderm Sinne durchgeführt sehen. Erstens müffen unsere deutschen Glaubensgenoffen, denen, wie sie es rühmlichst gezeigt, unser Wohl am Herzen liegt, in der allgemeinen Form einer Intervention für die gesammte Judenheit der europäischen Türkei wirken; daraus wird auch eo ipso für uns die Bewohner Rumäniens nur Gutes resultiren. Zweitens, worauf das Hauptgewicht zu legen ist, muß die günstige Stimmung in unserem Lande benützt werden, um bei uns d. h. bei unfern bedeutenden Staatsmännern und Politikern, wie besonders bei der jetzigen Regierung das Glück zu versuchen, dort für die Idee der Emancipation Propaganda zu machen und sie dafür zu gewinnen. Will man Hand an's Werk legen, um durch Vermittlung Europas die Emancipation der Juden in unserem Lande zu erwirken, da muß hier zuerst eifrig vorgearbeitet werden. Ihr Correspondent Herr vr. M. Beek hat zwar vollkommen Recht, wenn er sagt, daß das Schicksal einer Viertel Million Menschen keine interne Angelegenheit ist, was er aber übersehen zu haben scheint, ist, daß durch eine Pression, 1 i

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