Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1878)
- Date
- 1878-04-16
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
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252 prakticirte später in Lissabon und sollte im Aufträge König Philipps II. eine Reise nach Ostindien machen, um Arzneikräuter zu sammeln, lehnte es aber „aus gewissen Gründen" (jusüs de causis), wie er selbst im Medieus politicus II. S. 195 sagt, ab und begab sich, wahrscheinlich in den 80er Jahren, nach den Niederlanden, wo er in Antwerpen und noch in anderen Städten seinem Berufe gelebt zu haben scheint. Alles vieS thar er als Christ; nur als solcher hat er aus spanischen und portugiesischen Universitäten — die freilich nicht durch die Christen, sondern durch Araber und Juden, namentlich aus medicinischem und naturwissenschaftlichem Gebiete zu ihrer bekannten Blüthe gekommen waren — studiren dürfen, und nur als solcher konnte er von König Philipp Aufträge erhalten. Aber es scheint, daß er sich dem religiösen Drucke des spanischen Fürsten habe entziehen wollen und deshalb nach den Niederlanden gezogen sei. Auch Antwerpen verließ er, als es 1555 von den Spaniern wieder erobert war, und hat dann vielleicht noch einige Jahre in Nordhollanv und in verschiedenen deutschen Staaten gelebt. Im Jahre 1596 finden wir ihn unzweifelhaft in Hamburg; aus der Angabe der „ Cimbria literata“, öajj er „sepieoi lustra“ in Hamburg gelebt habe, und der Nachricht des Esdras Edgard in Hamburg, daß derselbe 1627 gestorben sei, ist aber zu schließen, daß die Ankunft in Hamburg schon etwa 1594 erfolgte. Auf eigne Veranlassung, nicht gerufen, scheint er gekommen zu sein, denn er halte, sagt er in der Widmung der dem Senat überreichten Schrift »li-actatus de pesie“, dalirt vom 6. November 1596, durch Hamburgs Lob angezogen, längst solche Begierde gehabt, bei den Hamburgern zu leben und ihnen zu dienen, daß er in keiner anderen Stadt als dieser zu wohnen sich vorsetzte. Und nicht lange nach seiner Ankunft sollte er seine große Befähigung als Arzt gerade in Hamburg am meisten darthun und dort zu der Höhe seines Ruhmes gelangen. Die orientalische Pest, welche sich seil dem Beginn des 16. Jahrhun ders in einer Reihe deutscher Länder und Städte, auch 1557 in Delft und 1573 in Hartem gezeigt hatte, wüthete in dem angegebenen Jahre in Hamburg. De Castro hatte diese Krankheit in anderen Gegenden studirt und that sich bald durch glückliche Kuren dabei hervor. Was er durch häufige Erfahrung bewährt gefunden halte, das schrieb er in dem erwähnten Tractaius -) nieder, welcher, weil er dem Senate gewidmet war, zu der Meinung Anlaß gegeben hat, daß er „Medico dei Senado de llamburgo“, also Stadtphysikus, gewesen sei. Obwohl nicht er, sondern Bökl im Jahre darauf (1597) zum Physikus ernannt ward und im Aufträge des Senats eine Pestorvnung abfaßte, so hat doch der Senat später die bei dieser Krankheit und überhaupt von de Castro „lange viel Jahre hero geleisteten treuen Dienste und Aufwartungen" in dem 1617 mir der portugiesischen Nation geschloffenen Coniracte in der Weise anerkannt, daß er ihm ausnahmsweise gestattete, sein Haus, das er sich vorlängst auf der Wallslraße erkauft und gebaut, zu behalten, während den übrigen Jüden allen verboten war, „einige Feuer- oder andere liegende Gründe in der Stadt erb- und eigenthümlich zu kaufen", und die, welche etwa Häuser gekauft halten, dieselben abstehen und an Bürger wieder verkaufen sollten. Sein Ruf in Hamburg brachte ihn auch in den Dienst benachbarter Fürsten. Wenn das Flagellum calumnianiium richtig erzählt, so ward er zum König von Dänemark, den Herzögen von Holstein und Mecklenburg, zum Landgrafen von Hellen, zum Erzbischof von Bremen u. A. 2) Der genauere Titel heißt: l'ractatus brevis de natura et causis pestis, quae hoc auuo 1695 Hamburgensem civitateni affligit. Hamburg- A1DCV1. berufen; und so konnte er auf dem Titelblatte seines Medieus politicus, einer Art medicinischer Hodegetik, der in Hamburg 1614 erschien, sich per Europam uotissiums nennen. Dieses Buch, betitelt: „Medieus Politicus sive de officiis medico-politicis tractaius“ in zwei Ouarrbänden, enthält eine Fülle von Gelehrsamkeit und werrhvollen Anweisungen, und zeigt u. a. auch eine große Belesenheil des Berfassers in der alten Literatur. Wie konnte aber dem Rodrigo ein HauS streitig gemacht werden, welches er sich selbst erbaut hatte und seit langer Zeit bewohnte? Wie kam der Senat dazu, ihm das Haus ausdrücklich als Belohnung zu sichern? Rodrigo war bisher Christ gewesen; er halte zwar, wie wir gleich sehen werden, immer vermieden, sich über seine Religion zu äußern, halte aber seine Kinder lutherisch taufen lassen und sich sogar im Jahre 1602 auf dem Kirchhofe zu „Marien Magdalenen", also auf einem bis heute noch vorhandenen lutherischen Kirchhofe, ein Grab gekauft; dieses Grab hatte er dann laut Abschrift eines, späteren Erdbriefes (ohne Damm), welchen der Senalsarchivar Dr. Benecke unlängst in Bd. 5. S. 604 der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte an's Licht gezogen hat, mit einem anderen, „binnen Kirche auf dem Chor", das er für 42 Reichsrhaler „für sich, seine verstorbene Frau, seine etwaige künftige Frau, seine Kinder und seine Schwiegermutter" kaufte, vertauscht, wahrscheinlich, als eben seine Frau gestorben war, zum Zweck der Beerdigung derselben, und er hatte sich damit den Deputirlen und vornehmen Bürgern gleichgestellt. Einen jüdischen Begräbnißplatz gab es damals nicht in Hamburg — man kannte amtlich noch keine Juden — und wahrscheinlich gab es auch noch keinen in Altona; Rodrigo konnte auch natürlich nur als Christ an den genannten heiligen Stätten eine Grabstelle erwerben; noch im Jahre 1603 ward in Hamburg verordnet, daß daselbst wohl christliche, aber keine jüdischen Portugiesen geduldet werden sollten, und noch 1609 erklärt der Rath vor der Bürgerschaft, daß „gedachte Portugiesen ihre Kinder allhier taufen lassen und für keine Juden sich bekennen." So hatte denn Rodrigo de Castro auch als Christ fein Haus sich erbauen dürfen, und zwar auf einem Platz (hinter St. Petri Kirchhofe), wo nicht die Masse seiner nationalen Genossen wohnte, die auf dem Dreckwall (jetztigem alten Wall), dem Mönkedamm und der Herrlichkeit sich befanden. Uuterbeß 1