Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1878)
- Date
- 1878-04-16
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 Jeuilleton. Die ersten Anstedlungen -er Inden in Hamburg. Die Vertreibung der Juden aus Spanien (1492), die mit dieser in Verbindung stehende erzwungene Taufe von Tausenden der in Spanien und Portugal angesessenen Juden, die furchtbare Verfolgung, welche Liese Judenchristen durch die Inquisition erfuhren und die Flucht zahlreicher solcher Enußim, welche sowohl aus treuer, durch mehrere Geschlechter überlieferten Anhänglichkeit am väterlichen Glauben, theils aus Furcht, schließlich doch als Opfer jener Verfolgung zu fallen, ihren Antrieb zogen, alle diese innerlich zusammenhängenden Momente bewirkten verschiedenartige Gestaltungen im Leben jener Flüchtlinge. Diejenigen, welche nach dem Oriente flohen, konnten sich sofort offen zum Judenthume wieder bekennen. Die Ungastlichkeit der christlichen Starten hingegen gestattete ihnen dies oft nicht; sie mußten vielmehr an vielen Orten ihr Scheinchristenthum längere oder kürzere Zeit bewahren. Derartiges führten wir vor Kurzem aus St. Esprit bei Bayonne an; nicht anders konnten sie in den spanischen Niederlanden verfahren, obfchon diese von der Inquisition verschont geblieben, und selbst anfänglich in Holland. Gleiches geschah, wie wir sehen werden, in Hamburg. Die „Sonntags-Beilage zur Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vom 3. und 10. Februar d. I. brachte einen Aufsatz von A. Kleinpaul: „Rodrigo de Castro, der erste jüdische Arzt in Hamburg", welcher sich auf eine Abhandlung des Dr. M. Jsler in der Zeitschrift des Vereins für Hamburz'fche Geschichte, und diese wieder zum Theil auf eine Arbeit res Dr. M. Kayserling in Frankel's Monatsschrift stützte. Wir heben aus dem erstgenannten die wichtigsten Stellen heraus. Es ist jetzt sichergestellt, daß rer Dr. med. Rodrigo de Castro der erste in Hamburg ansässige Jude gewesen, über welchen sichere Belege da sind. Auffallend war und bleibt die Erscheinung, daß in der größten und wichtigsten Handelsstadt des deutschen Nordens vor dem Ausgang des sechszehnten Jahrhunderts keine Juden sich niedergelasien haben, wahrend andere Städte Niedersachsens, die Umgebung Hamburgs, Lübeck und Mecklenburg, insbesondere das nahe Boizenburg im Mittelalter viele jüdische Einwohner hatten, was freilich meist durch Nachrichten über Verfolgungen und Mißhandlungen erwiesen ist. Ueber Hamburg jedoch schweigt Alles, weshalb die nordische Hanrelshauptftadt auch sagen kann, daß in ihr keine Judenverfolgung» stattgefunden. Ehe der Rath- und Bürgerschluß vom Jahre 1610 zu Gunsten der portugiesischen Juden vereinbart war, welcher der portugiesischen Nation das Niederlastungsrecht gewährte und die bürgerlichen Verhältnisse derselben, ohne ihnen die Religionsfreiheit zuzugestehen, ordnete, waren auch in Hamburg diese Juden genörhigt gewesen, wenigstens bei allen öffentlichen Vorkommnissen und Rechtsverhältnisten als Christen aufzutreten. Kurz vor ihrer Aufnahme in Hamburg waren im Jahre 1605 nach langem Streit gegen die „calvinistischen Schwarmgeister" durch den sogenannten niederländischen Contract die reformirten Niederländer (deren zuerst 1567 einige nach Hamburg gekommen waren und sich am Rande der Stadt auf dem „holländischen Brook" und der „holländischen Reihe" anbauten) in den Staatsverband ausgenommen; und als Reformirte haben sich hier ohne Zweifel viele solche portugiesische und spanische Juden bekannt, welche zuvor in den Niederlanden, wo damals gleichfalls noch keine Religionsfreiheit herrschte, eine Zuflucht gesucht hatten, dann aber nach Deutschland — nach Emden oder nach Hamburg — kamen. Als Scheinchristen, aber als durchsichtige Scheinchristen wurden sie dann in Hamburg geduldet. Der Senat und die Behörden kannten wohl das wahre Verhältniß, — die Bürgerschaft und das geistliche Ministerium klagten auch zuweilen gegen den Senat, daß unter den Aufgenommenen rechte Juden wären — aber es geschah auch den rechten Juden, die, wenigstens den Ihren gegenüber, aus ihrer Religion kein Hehl machten, nichts zu Leide, und so konnte Stephan Gerlach, ein Württemberger, welcher 1573 mit einer Gesandtschaft nach Konstantinopel ging, in seinem Tagebuche bei dem Jahre 1577 anmerken: „Wie denn auch bis auf den heutigen Tag solche Gesellen in Portugal Christen und in Hamburg Juden, und wenn sie wieder nach Portugal kommen, auch wieder Christen sind oder sich also anstellen." In Hamburg wohnten solche portugiesische Scheinchristen, wie aus einer Supplik des Isaak aus Salzuffeln vom Jahre 1553 hervorgeht, gern auf dem erwähnten holländischen Brook, wo die Reformirten aus Holland ihre Niederlastung hatten. Wie dem auch sei, jedenfalls ist der bis auf den heutigen Tag unter den berühmtesten Aerzten Europas genannte Dr. Rodrigo de Castro >j gleichfalls als Christ, und zwar als protestantischer Christ, nach Hamburg, zunächst aus den Niederlanden, gekommen. Geboren war er in der Mitte des 10. Jahrhunders; schon sein Vater und mehrere Mitglieder seiner Familie waren angesehene Aerzte gewesen, sein Oheim Emanuel Barz Leibarzt bei vier Königen; ein Stephanus Rodricus a Castro lehrte an der Universität zu Pisa (starb daselbst 1037). Unser Rodrigo studirte in Salamanca und, wie es scheint, auch in Evvra über 10 Jahre; („per aliquot annorum lustra“ sagt sein Alles gar sehr übertreibender Sohn Benedict a Castro in einer angeblich in Amsterdam, wahrscheinlich aber in Altona oder Hamburg 1631 gedruckten lateinischen Schrift „FlaselluniOaluiwiianrium" zur Dertheidigung seines Vaters gegen Verleumdungen) mit größtem Eifer alle Gebiete der Medicin, namentlich auch Botanik. Er promovirte daselbst zum Doctor nmlicinae et pliilosopliiae. 1) Meist wird der Mann mit a Castro ausgesübrt, aber er selbst nennt in dem Medien« Politicus seine Schwester Bcatrice de Castro, und diesen Namen führt bi« auf den heutigen Tag eine Familie, die in Hamburg und Altona, wie aucd in London ihre Mitglieder hat. 10*