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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-16 · Heft 16 (16.4.1878) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 16 (16.4.1878)
Date
1878-04-16
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 können, daß es mit der Anhänglichkeit an den Darwinismus nicht so weit her ist. Denn gleich nach ihm hielt in der Concordia Prof. Lazarus einen Bortrag über „Zeit und Weile", auf ganz entgegengesetztem Boden und in der entgegengesetzten Richtung. Er hatte zum großen Theile dasselbe Publikum wie Haeckel, und der Beifall, den man ihm spendete, und die Ovationen, die man ihm bereitete, waren ganz dieselben, wie sie Haeckel erfuhr, und die ihm jenen stolzen Ausspruch in den Mund legten. — In einer Unterredung, welche ein Mitarbeiter der hiesigen „Deutschen Zeitung" jüngst mit Bratiano hatte, kam das Gespräch auch auf die Juden und die Judenverfolgungen in Rumänien. „Diese Dinge", sagte Herr Bratiano, „haben uns ungemein geschadet, sie wurden geglaubt und discreditirten uns. Man klagt mich der Judenfeindschaft an, ich verdiene diesen Vorwurf nicht. Ich habe mit dem Baron Calice, deffen Abberufung für uns ein wahrer Verlust ist, oft über dieses Thema gesprochen. Jeder Jude in Rumänien — ich spreche natürlich von den unteren Classen — erklärt sich, sobald er irgend einen Constict mit der Behörde hat, für einen Oesterreicher oder Ungar. Wir haben Tausende von Juden bei uns, die eingewandert sind, um der österreichischen Conscription zu entgehen." Die Naivetät des Herrn Bratiano ist in der Thal bewunderungswürdig. Die Herren Rumänen haben sämmtliche Juden in Rumänien für Fremde und Ausländer erklärt, um ihnen alle bürgerlichen Rechte abzusprechen, und nun wunder» sie sich, wenn dortige Juden, um sich vor den Bedrückungen der Regierung zu schützen, für Oefterreicher erklären und unter den Schutz Oesterreichs sich begeben. Etwas muß doch der Mensch sein, noch dazu, wenn es ihm so unumgänglich nothwendig gemacht wird, irgend ein Nationale zu haben! Lasset die Juden als Rumänen gelten, und es wird ihnen nicht einfalleu, Oesterreicher sein zu wollen. Zuletzt will der Herr Bra- - tiano, der sich für keinen Judenfeind ausgiebt, ihnen bei den Oesterreichern noch Etwas einbrocken, indem er Tausende von ihnen der Conscripnon entstohen ausgiebt. Die große Mehrzahl der in Rumänien eingewanderten Juden sind längst über das Conscriptionsalter hinaus! Pest, 2. April. (Privatmitth.) Die hier im Entstehen begriffene israelitische Allianz hat sich gleich der Wiener an Andrassy mit dem Gesuch gewandt, die Angelegenheit der rumänischen Juden auf dem Congresse zu ordnen. Schate, daß dieser wohl niemals zu Stande kommen wird. Pest,, im April. (Privatm.) Der Vorstand der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde hat an die Repräsentanz einen ausführlichen Bericht über das Jahr 1877 gegeben, welcher die lebenskräftige Blüthe bezeugt, deren sich die Gemeindeinstitute erfreuen. Er bespricht zunächst die Eröffnung der Landes-Rabbinerschule und des ungarisch-israelitischen Landestaubstummen - Instituts, worüber in dieser Zeitung seiner Zeit ausführlich berichtet worden. Das letztere ist bereits von 29 Zöglingen besucht, unter welchen siisrungsmäßig auch zwei chrlstliche sich befinden. Die Cultussection hat in der Synagoge mehrere bauliche Veränderungen vorgenommen, worunter besonders die Ausstellung einer neuen Kanzel an der einen Seitenwanv, um ihr bessere akustische Verhältnisse zu verschaffen. Besondere Thärigkeit entwickelte die Schulsection. Die äußere Beschaffenheit eines Theils der Schulgebäude war sehr in Verfall gerathen. Indem nun die Präparandie in das prächtige Gebäude der Lanvesrabbinerschule milverlegt wurde, konnte jeder der Gemeindeschulen ein sehr angemessenes, gesundes und räumliches Local angewiesen werden. Die Sectivn sorgte auch für ein ungarisches Religionslehrbuch zum Gebrauch in der Volksschule. Der Religionsunterricht bedarf von Jahr zu Jahr einer Vermehrung der Geldmittel, da die Menge der unterrichtsbedörftigen Kinder immerfort im Steigen ist. Die Knabenschule besaßt jetzt 602 Schüler, worunter 330 gratis. Die Mädchenschule 361 Zöglinge, unter denen 216 gratis. 322 dieser Knaben und Mädchen erhalten Winterkleibung. Die Talmudthora zählt in ihren 2 Classen 260 Zöglinge. An dem externen Religionsunterricht nehmen 697 5 jüdische Zöglinge Theil, welche von 17 Religionslehrern zusammen 165 wöchenliche Unterrichtsstunden erhalten. In dem Spital der Gemeinde wurden 618 Kranke verpflegt, und von diesen 517 gratis. Es wurde im Jahr 1877 durch 5 Bettstiftungen bereichert. Inder Knabenwaisenanstalt der Gemeinde werden gegenwärtig 42 Knaben erzogen, von denen 6 die Realschule, 6 das Gymnasium besuchen. Die Anstalt hat jetzt ein Vermögen von 127,000 fl. Die Berpflegungskosten betrugen 1577 für Zögling und Jahr 180 fl. Zuletzt ist noch die Rede von der Thätigkeil des Vorstandes in der Angelegenheit deS Parochialzwanges und des UebertrittS zum Judenthume, zwei wichtige Gegenstände, über die in dieser Zeitung Ausführliches mitgetheilt worden. Im Jahre 1877 wurden in der Religionsgemeinde 1806 Kinder geboren, 166 weniger als im Vorjahre; darunter waren 149 unehelich. 313 Trauungen wurden vollzogen, 26 mehr als im Vorjahre. 1352 Todesfälle fanden statt, 66 mehr als im Vorjahre. Bei dem Rabbinate wurden 97 Eheproceffc verhandelt, 11 Scheidungen und 5 Chalizas vorgenommen. Frankreich. Paris, 1. April. (Nach den Arcl,. isr.) Der Gemeinderath von Paris gehört, wie auch wir dies schon mehrfach bemerkt haben, dem Radikalismus an. Jetzt geht er darauf aus, die katholischen barmherzigen Schwestern als Pfiegerinnen aus den Hospitälern und Gefängniffen zu entfernen. Selbstverständlich bekämpfen die klerikalen Blätter diese Maßregel mit außergewöhnlichem Nachdruck. Eines derselben hatte die Unverschämtheit zu behaupten, daß in das jüdische Rothschilv'sche Hospital die Nonnen zu Pflegerinnen berufen worden seien, weil man ihrer selbst bei den Juden nicht entbehren könne. Es ist dies völlig aus der Luft gegriffen, und es existirt kein jüdisches Hospital, in welchem

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