Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1878)
- Date
- 1878-04-16
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 'is (Neri), drei Tagereisen; hat 50 bis 60 Familien. Sowohl die Juden wie die Armenier, welche in diesem Orte wohnen, werden sehr gedruckt. Die Juden dürfen am Rosch-Haschana has Schofar nicht in der Stadt blasen, sie müffen dazu auf's freie Feld gehen. Die Scheriks des Ortes erhalten einen Antheil von den Räubereien, welche ihre Unterthanen begehen. (Amidyah), vier Tagereisen; zahlt ungefähr 50 jüdische Familien. ■nsna (Bitanure), vier Tagereisen; enthalt 40 bis 5V jüdische Familien. In seiner Nähe befindet sich ein großer Keller, welcher das Grab des Propheten Elijah enthalten soll. Die Juden aus anderen Districten machen Pilgerschaften hierher. Einige der jüdischen Einwohner leben in guten Verhältnissen. irDvr (Efchnu), sechs Tagereisen; hat 80 jüdische Familien, mit einer Synagoge und ungefähr fünf oder sechs Thorarollen. Leute mit einem Besitzthum im Werthe von 10 Pfd. St. gelten für reich. stnp: (Nakada), sieben Tagereisen; enthält ungefähr 60 jüd. Familien. Die Mehrzahl von ihnen sind Leinenweber unv Kleiverarbeiter. 31311 (Rowandes), acht Tagereisen; hat 50 bis 60 jüdische Familien. 112-73 (Mia-vandau), neun Tagereisen; zählt ungefähr 100 jüdische Familien. Dieser Platz steht theilweise unter türkischer Herrschaft, theils unter der Autorität des Schahs von Persien. ^333 (Penjui), zwölf Tagereisen; hat ungefähr 30 jüdische Familien. Sie sind Baumwollenweber. Das Garn spinnen die jüdischen Frauen. -373-^2 (Sulimanieh), fünfzehn Tagereisen; enthält 180 jüd. Familien. Die Männer sind meistens Hausirer. Einige arbeiten als Schneider. rriip (Karada), sechzehn Tagereisen; zählt 80 jüd. Familien. Sie sind Ackersleute und sind bei der Bevölkerung sehr beliebt. Eines Tages kam ein Kurde in die Synagoge und klagte, daß er in Gefahr stehe, wegen einer Schuld im Werthe von ungefähr 50 Francs gefangen genommen zu werden. Der Schatzmeister der Gemeinde zahlte die Schuld für ihn. Diese menschenfreundliche Handlung machte einen ausgezeichneten Eindruck auf die kurdische Bevölkerung. Sie leben in guten Verhältnissen. Keiner von ihnen hat einen Laden. rri-73 (Jezira), siebzehn Tagereisen; enthält ungefähr 80 jüd. Familien. Die meisten von ihnen sind Schuhflicker. Blut beschuldigungen. Zwischen cen Juden und Kurden, die alle Mohammedaner sind, scheint eine freundlichere Gesinnung zu herrschen, als zwischen den Juden und Christen (Armeniern und Nestorianern). Die schreckliche Blutbeschuldigung nimmt die Geister der Christen in Kurdistan gefangen. Die Ankläger denken augenscheinlich nicht daran, daß in der ersten Zeit des Christenthums ihre eigenen Vorfahren von den Heiden beschuldigt wurden, Menschenblut zu den religiösen Ceremonien ihrer Kirche zu gebrauchen; und daß, als die Heiden zum Christenthum bekehrt wurden, sie diese Anklage in eine andere Form verwandelten und auf ihre hülflosen jüdischen Nachbarn übertrugen. In Folge der Aufrechterhaltung dieser abscheulichen Verleumdung bewahren die Armenier sowohl wie die Nestorianer in Kurdistan, gleich den Mitgliedern der griechischen Kirche in der Türkei, eine eingewurzelte Feindseligkeit gegen die Juden und nur ein Hinwegräumen der Unwissenheit vermag solch' hartnäckige Vorurtheile aufzuheben. Familienleben. — Das Familienleben der kurdistanischen Juden trägt noch den allerprimitivfien .Charakter. Die jungen Männer heirathen zu 17 Jahren oder noch früher; die Mädchen zu 13 oder 14 Jahren. Der Vater des Bräutigams stattet die Braut mit der Aussteuer aus, unv sie, wenn sie vermögend ist, bringt ihrem zukünftigen Manne eine Mitgift von 100 Tomans (ein Toman, bestehend aus 10 Karans, ist so viel werth wie 9 Reichsmark). Die Festlichkeiten zur Feier der Hochzeit dauern sieben Tage und geben Gelegenheit za ausgedehnter Gastfreundschaft. Die Monogamie ist die Regel, aber Ausnahmen sind häufig, wenn die Ehe kinderlos ist, oder wenn das levitische Gesetz (erwähnt im Deuter. XXV. 5—10) in Anwendung kommt. Die jüdischen Frauen sind in ihren Haushaltungen sehr thätig und haben alle jene häuslichen Tugenden bewahrt, durch welche die Juden sich stets ausgezeichnet haben. Das Leben ist sehr billig; da die Lebensmittel meist von den Einwohnern selbst producirt werden, reicht etwas mehr als ein halber Toman wöchentlich zur Erhaltung einer Familie aus. Selbst der ärmste Mann besitzt ein Lastthier oder mehrere (Esel); da Maulesel lheurer sind, stehen sie nur im Besitzthum von wohlhabenderen Classen. Allgemeiner Gesundheitszustand. Die Einwohner besitzen zum größten Theile kräftige Constitutionen und da sie den dem cioilisirten Leben eigenen Krankheiten nicht unterworfen sind, giebt es wenige Aerzte im Lande. In Krankheitsfällen nehmen die Patienten ihre Zuflucht zu Hausmitteln ocer Quacksalbereien und auch zu Zaubermitteln. Da das Impfen natürlich nicht bei ihnen eingeführt ist, wiegen Pockenerkrankungen natürlich vor; Scharlachfieber ist ebenfalls in diesen Ländern bekannt. Begräbnisse. — Die Beerdigungen werden 3 ocer 4 Stunden nach dem Tode vorgenommen und von einer Begräbnißgesellschaft Chebra Kadischa) geleitet. Während der Trauerwoche werden die Leidtragenden von ihren jüdischen Mitbürgern besucht, welche ihre Mahlzeiten miibringen und mit den Trauernden theilen.