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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-16 · Heft 16 (16.4.1878) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 16 (16.4.1878)
Date
1878-04-16
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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aus dem „Großen Daniel" Th. I, S. 255 überzeugen kann.; Die folgende Schilderung, welche mündlichen Schilderungen ent-! nommen ist, die von Juden aus Kurdistan während ihres Aufent- 1 Halles in London gemacht worden sind, haben daher eine gewisie Wichtigkeit, indem sie selbst die allgemeine geographische Kenntniß in etwas erweitern. Die aufgeführten Ortschaften sind noch in keiner Geographie und auf keiner Karte verzeichnet. Lassen wir jetzt den Berichterstatter sprechen: Die gebirgige Gegend von Kurdistan, welche sich über eine Fläche von ungefähr fünfundzwanzig Tagereisen in der Länge und zehn in der Breite ausdehnt, bildete einen Theil des alten Med im. Einige englische Reisende schätzten seine jüdische Bevölkerung auf 20,000 Seelen, doch ist es bis jetzt unmöglich, die Richtigkeit dieser Zahl festzusetzen. Meine jüdischen Berichterstatter hatten nicht die geringste Kenntniß, wann ihre Vorfahren nach Kurdistan gekommen, und wußten nur, daß die erste Niederlassung in den Tagen Esra's stattgefunden. Die Einwanderung von Juden in jenes Land in früheren Jahrhunderten kann man daraus folgern, daß ihre Sprache *) nur wenig von dem modernen syrischen Dialect der christlichen Nestorianer abweicht, die in ganz Kurdistan zerstreut leben; daß dieselbe Sprache mit idiomatischen Formen verwandt ist, welche im babylonischen Talmud und in den chrldäischen Uebersetzungen der Bibel Vorkommen, auch in den Ueberresten der Pahlavi- Sprache, welche noch auf einigen steinernen Inschriften und aus den Münzen der safsanidischen Monarchen aufbewahrt ist, welche in Persien von 266 bis 640 der christlichen Aera herrschten. Derselbe Dialect kommt noch ausgedehnter in einigen der heiligen Bücher und Commentare der Parsen vor. Da die Clans der Kurden, unter denen die Juden sehr dünn zerstreut sind, bis zu den jüngsten Zeiten in fortwährenden Kriegen gegeneinander lebten, so läßt sich annehmen, daß es den Juden inmitten solches vernichtenden Kampfes sehr schlecht erging und ihre Anzahl dadurch sehr vermindert wurde. Locale lleberlieferungen unterstützen diese Ansicht. In Berdug befinden sich mehrere lausend zerstörte Gräber und man sagt, dieser Friedhof habe den Juden gehört. Hier wird das Grab eines Rabbi Abraham für heilig angesehen und zieht jedes Jahr eine große Zahl jüdischer Pilger herbei. Auch von den Kurden wird es verehrt, einige Wundergeschichten knüpfen sich an diesen Ort. Da die türkischen Sultane den größeren Theil der Kurden unter ottomanische Suprematie gebracht haben, so scheinen die gegen- 1) Im Jahre 1874 kam ich häufig sowohl mit einem jüdischen Eingeborenen deS (persischen) Kurdistan, wie mit nestorianischcn Christen zusammen. Der Erstere versah mich mit einem Spccimen des jüd. Dialccts, welches ich in den „Transactinns of tlie Society of Biblical Archieology“ Bd. IV, Theil I veröffentlichte. Dieser Dialect heißt „Lishanet (oder Lishana shel) Imrani, i. e.“, „die Sprache der Einwohner". Ich habe seitdem noch viele andere Proben jenes Dialcetes gesammelt. Da die Nachforschungen in dem Lishanet Imrani philologischer Natur sind, so stehen fie wie früher zur Verfügung der oben genannten Gesellschaft. seitigen Kämpfe, wie sie früher en vogue waren, nachzulafsen; aber da die Türken es nicht versucht haben, civilisatorische Elemente bei ihnen einzuführen, können die Kurden leicht wieder in ihre kriegerischen Gewohnheiten zurückfallen, welche durch eine halb nomadische Lebensweise unterstützt werden; denn bei der Wiederkehr jedes Frühjahrs verlaffen die kurdischen Heerdenbesitzer ihre Wohnstätten, schleppen ihre Zelte aus schwarzen Ziegenhaaren mit sich und treiben ihre Schafe und ihr Rindvieh von Weide zu Weide, wobei sie mit ihren benachbarten Stämmen in fortwährende Collision kommen. In früheren Zeilen besaßen auch die Juden solche Zelte, mit denen ihr Weidegrund bezeichnet war; aber jene Tage des Reichthums und der Unabhängigkeit scheinen vorüber zu sein. Beschäftigung. Es giebt viele jüdische Einwohner, welche mit den Producten des Landes Handel treiben, mit Wolle, Honig, Wachs, Galläpfeln, Trauben, Waizen, Durrah rc., welche nach Rußland ausgeführt werden. Die Mehrzahl erhält sich durch Kleinhandel. Leute in vergleichsweise guten Verhältniffen haben Buden in den Bazaren der verschiedenen Städte, in welchen sie von Sonntag bis Freitag verkaufen. Die ärmeren Claffen der Juden gehen von Ort zu Ort als Hausirer mit Kramwaaren und anderen Gegenständen. Auch treten Juden oft in Genoffenschaft mit Kurden, um Schafe zu züchten und Felder zu bebauen. In solchen Fällen geben die Juden die Geldmittel her und die Kurden übernehmen die Arbeit. Das Ergebniß wird dann zwischen den beiden Parteien getheilt. Topographie der jüdischen Gemeinven. Die folgenden Angaben mögen als Kern zu einer Sammlung genauerer und reicherer statistischer Berichte über die jüdischen Gemeinden in Kurdistan dienen; ich gebe daher hier einige wenige statistische Daten, in der Hoffnung, daß in Zukunft Reisende sie verbeffern und ergänzen mögen. Die Entfernungen sind von Baschkala ausgerechnet, da dies der Geburtsort der Personen ist, welche mich mit folgenden Details versahen: — «bspca (Baschkala) hat 140 jüdische Familien. (Bajerga), ein Tagereise; hat 40 bis 50 jüv. Familien. Früher wohnten die Juden hier und trieben ihren Handel mit Salz und anderen Artikeln, aber als ihnen ihr Handel untersagt wurde, mußten sie den Ort verlaffen. Die wenigen, dort noch wohnenden sind arm. nri (Dez6), anderthalb Tagereisen; in einem Thal, das von 50 Dörfern umgeben ist. Es ist der Sitz der Regierung. In jedem Dorfe leben 5 bis 10 jüd. Familien. Ihre Synagoge steht in Dez6, welches 10 jüdische Familien zählt. In den Dörfern bei Dez6 haben die Juden den imranischen Dialect vergeffen, und da die kurdische Sprache ihre Muttersprache ist, lesen sie sogar das Gesetz in Vieser Sprache vor.

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