Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1878)
- Date
- 1878-04-09
- Page
- Seite 232 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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232 ti letzten Jahre, so daß wir, welche Jahrhunderte hindurch Europa vor der Ueberschwemmung der Osmanen schützten, mit gekreuzten Armen zusahen, wie eine ganz andere Macht die Herrschaft über den Osten an sich riß, eine Macht, die bald genug dasselbe Spiel gegen ren österreichischen Kaiserstaat vermittelst der diesem angehörenden slavischen Bölkerstämme beginnen wird, ja in Wirklichkeit schon lange begonnen hat — bei allen Liesen Erlebnissen wäre es wohl nicht zu verwundern, wenn wir ganz und gar Pessimisten würden. Bekanntlich sind diejenigen, welche den meisten Geschmack für das Wohlleben haben, zugleich die am meisten zum Pessimismus neigenden. Unv hier sind wir wohl am eigentlichen Punkte angelangt. Wenn uns in unserer schönen Doppelmonarchie eine Energielosigkeit, eine Passivität, ein Mangel an jeder entscheidenden Initiative, unv was noch mehr sagen will, der gänzliche Mangel an Charakteren empfindlich wird, wenn wir mit tiefem Schmerz alle Hoffnungen zu Täuschungen werden, alles Vertrauen auf die Erreichung idealer Zwecke schwinden und sich einen erschreckenden Geist der puren Negation sich immer mehr verbreiten sehen — können wir uns verhehlen, wo der eigentliche Grund zu suchen? Der wahrhaft orientalische Sybaritismus, die gemeine Sinnlichkeit, die nicht einmal des geringsten Firniffes, der leisesten Verhüllung zu bedürfen glaubt, das entnervende Genußleben, das von Jugend auf geführt wird, die öffentliche Verhöhnung alles Gottglaubens und aller Moral, so daß alle Lehren der fünftausendjährigen Menschengeschichte wie selbstverständlich veraltetes Zeug und Ammenmärchen behandelt werden, wie alles Dies in unserem öffentlichen und häuslichen Leben, in unserer Literatur, namentlich in der Tagespreffe mit ihren Feuilletons, in Romanen, Novellen und dramatischen Erzeugniffen, endlich auch in der bildenden Kunst bei uns so nackt und unverhohlen auftritt, daß nach und nach Jedermann davon durchtränkt wird — das mußte Zustände, wie wir sie jetzt haben und worüber wir seufzen, herbeiführen. Es konnte nicht anders kommen und es ist so gekommen. Ich bin mir bewußt, kein Rigorist zu fein, und weiß, daß der Maßstab der Moral, den wir an einen großen Organismus legen, nicht mit systematischer Strenge gehalten werden darf. Aber schließlich ist die Jmmoralität Vieler doch wohl nicht weniger wirksam und bestimmte Folgen nach sich ziehend, als die sittliche Entartung eines Einzelnen. Die sittliche Luft eines Volkes ist die Lebenslust, in der Alle athmen, und die, wenn sie vergiftet ist, eben Alle vergiftet. Wer die göttliche Vorsehung und Vergeltung leugnet, darf sich nicht wundern, wenn die Leute handeln, als ob es keinen weltleitenden und vergeltenden Gott gebe, als ob eine Verantwortlichkeit für sie nicht da sei! Wer Jahr für Jahr als eine Geistesfreiheit predigen hört, die Existenz der Seele, die Freiheit des Willens, die Stimme des Gewissens als Antiquitäten, Curiositäten, alte Schnurren zu betrachten, vielmehr sich zur Entwickelungstheorie aus allerhand Zellchen zu bekennen — der muß es über sich nehmen, die Menschen aller Tugend, alles Aufschwungs, aller Anstrengung und Kraftentwickelung baar zu sehen!— Wer zweifeln möchte, daß wir hiermit das allgemeine Leben charakterisirt haben, der brauchte nur in diesen Tagen das neueste schamlose Bild Mackart's, das Drängen des PublicumS, um es zu sehen, die Feuilletons der hiesigen großen Blätter über dasselbe in Betracht zu ziehen, um sich daS Bewußtsein alles Dessen aufgedrängt zu sehen, was wir oben ausgesprochen. Ueberhaupt, da ich einmal bei diesem leidigen Gegenstände bin, mag es ausgesprochen werden: die Novellen- und Feuilletonliteratur Deutschlands und ganz besonders Oesterreichs ist zu einer öffentlichen Prostitutionshalle geworden, wo die Verfasser und die Redactionen ein wahres Kupplergeschäft betreiben. Früher schrieb man dies besonders den Franzosen zu. Es ist dies aber bei den Deutschen viel ärger geworden, und reicht von Paul Heyse bis zu Spitzer. Man wird uns engherzig, philisteriös dem Dichter gegenüber erklären. Wir nehmen Dies auf uns. Wir meinen, mit je mehr Glanz der Sprache, Reichthum der Bilder und Wendungen und sprudelndem Witz Sünden und Unsittlichkeiten umgeben und ausgeputzt werden, desto vergiftender wirken solche Kunstwerke, in welchen die rechte Seele durch die äußere Schönheit ersetzt werden soll. Was ist für ein Unterschied, ob ein Sündenhaus prachwoll ausgeschmückt oder armselig möblirt ist? — Jüngst hielt auch Prof. Ernst Häckel eine Vorlesung allhier, die er vor Kurzem in Ihrer Nachbarschaft Köln und vorher in Leipzig gehalten hat. In früheren Zeilen gab es „fahrende Schüler", welche zumeist von Ferne zu Ferne pilgerten, um eine Zeit lang zu den Füßen eines berühmten Meisters sitzen zu können. Jetzt ist es umgekehrt: es giebt „fahrende Meister", welche von Ort zu Ort ziehen, um sich ein Publikum zu suchen. Ich brauche Sie von diesem bereits oft genug aufgewärmten Kohl nicht zu unterhalten. Lustig ist es, daß diese Herren, welche mit Hoffahrt die spiritualistischen Religionen zu vernichten vorgeben, sich selbst gleich als „Propheten" geriren, ihre Lehre selbst „ein neues Evangelium" nennen uud für ihren Hypothesenkram ein Uebermaß von Glauben beanspruchen, der, wie sie heilig versichern, vollständig sich bewähren wird, sobald — Afrika unv Asien ganz durchforscht sein werden. In einem Trinkfpruch, den Häckel bei einem Festmahl ausbrachte, daS ihm, wie jedem Virtuosen unv Sänger nach seiner Kunstleistung gegeben wurde, war Häckel unverschämt genug zu behaupten: jede philosophisch-historische Auffassung sei Darwinismus! Wozu dann der neue Name? Allein man begegnet bei Herrn Häckel auch nicht, was man nur im Entferntesten historisch, d. h. durch die wirkliche Geschichte bestätigt nennen könnte, und seine Philosophie!? Höchst charakteristisch war es, daß bei diesem Festmahle in den Pausen zwischen den Trinksprüchen ein „Prestidigitateur" d. h. in ehrlichem Deutsch ein Taschenspieler feine Kunst exercirte! Ich weiß nicht, ob dies Absicht der Festordner oder harmloser Zufall war. Jedenfalls lag darin eine ungeheure Ironie, welche doch so Manchem zum Gefühl gekommen sein mag. s' t