Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1878)
- Date
- 1878-04-02
- Page
- Seite 217 (sequence 9)
- Language
- German
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217 ja nichts zu verabsäumen, waS ihnen zweckdienlich und erfolgverheißend erscheint. Geben wir einen Augenblick zu, Rumänien sei in der That gewillt, unsere gerechten Wünsche zu befriedigen, da hat sein etwaiger Vertreter am Congreffe oder an der Conferenz nur namens seiner Regierung die Erklärung abzugeben, wenn durch die Agitation unserer ausländischen Glaubensbrüder die Judenfrage im Orient zur Sprache kommt: Meine Regierung ist fest entschloffen, die Lage der jüdischen Unterthanen zu verbessern, sie den übrigen Staatsbürgern gleichzustellen. Da wird ja jedem, Rumänien demüthigenden Beschluffe oder Wunsche des CongresseS von vornherein die Spitze abgebrochen. Wenn die Wünsche Europas, oder sagen wir die der Humanität, mit den Absichten Rumäniens so friedlich zusammenstimmen, welche üble Folgen müßten wir befürchten? Es ist mithin klar, daß unsere Glaubensbrüder im Auslande unserer Sache einen wesentlichen Dienst leisten, wenn sie dahin wirken, daß sich der bevorstehende Congreß oder die Conserenz über uns ausspreche. Sollten aber die Rumänen, was wir argwöhnen, von solch menschenfreundlichen Gesinnungen gegen uns nicht beseelt, sondern vielmehr willens sein, nach wie vor durch mittelalterliche Rachegesetze uns unser Leben zu vergällen; sollte ihre jetzt zur Schau getragene größere Judenfreundlichkeit nur eine vorübergehende Laune sein, die sich später, wenn die wichtigen Fragen der angestrebten Unabhängigkeit Integrität des gegenwärtigen Territoriums, der europäischen Garantie so oder so gelöst sein werden, in den alten Ingrimm gegen die Juden verwandeln wird: nun, so ist es doch sicherlich unsere Pflicht, mit allen Mitteln dahin zu wirken, daß sich der Congreß mit unserer unerträglichen Lage beschäftige und eine beffere Gestaltung derselben Rumänien dringend und warm an'S Herz lege oder gar zur Pflicht mache. Schließlich noch Eins! Es herrscht unter den rumänischen Juden gegenwärtig allgemein die Ansicht vor, — zweifellos wird diese auch von dem K.-Correspondenten gelheilt, — daß es zum mindesten inopportun wäre, jetzt bei den rumänischen Kammern die Lösung unserer Frage zu urgiren; denn sie würben im günstigsten Falle erklären, daß, da nach Artikel VN der Rumänischen Verfaffung, Ausländern, — und zu ihnen rechnet man auch alle Juden in Rumänien , — nicht - christlicher Confession das Heimathrecht nicht erlangen können, unserer Gleichstellung vor dem Gesetze eine Verfassungsänderung voraufgehen müffe, zu dieser aber sei nur die ad hoc einberufene Constituante berechtigt. Wir selber sind demnach zur Unthätigkeit verurtheilt, es bleibt uns also nur die Hoffnung übrig, daß unsere ausländischen Glaubensgenoffen ohne unser Hinzulhun unser gutes Recht verfechten mögen. Wer nun diesem Schritte feind ist, kann nach unserer Ansicht nicht als Vertreter der Juden in Rumänien sprechen; er gehört einer Gottlob täglich mehr zusammenschrumpfenden Minorität an, die, weil sie durch Reichthum gegen die Quälereien barbarischer Gesetze geschützt ist, jede Action zu Gunsten der Verbefferung der Berhältniffe aller Juden in Rumänien für überflüssig oder gar für gefährlich erklärt. Unsere edelsinnigen Brüder des Auslandes sollen sich in ihrem Thun durch nichts irremachen laffen; unsere Lage ist zur Zeit eine solche, daß sie nicht mehr kann verschlimmert werden: sie müffen uns also nur helfen. Das Schicksal von 200,000—250,000 Seelen ist keine interne Frage, deren Lösung dem Belieben eines kleinen Staates anheimgestellt bleiben soll, sie ist eine eminent europäische, die vor das Forum Gesammt-Europas gehört. vr. M. Beck. Fokschan, 21. März. (Privatmitth.) Vom 9. März datirt ein Rundschreiben der rumänischen Regierung an die Cabinette der Großmächte, welches gegen die Besitzergreifung rumänisch Beffarabiens durch Rußland protestirt. Dieser Protest und was ihm zu Grunde liegt könnte die Rumänen zu etwas ernsterem Nachdenken bewegen. Sie könnten sich sagen: Jetzt gewahren wir so recht, wie es um die Macht des Stärkeren steht! Sie haben diese Macht gegen eine Biertelmillion Juden in so empörender Weise gemißbraucht, daß sie sich nicht wundern dürfen, wenn sie dieselbe jetzt auch gegen sich verwendet sehen. Ferner können sie sich sagen: Wir haben uns so selbstständig und unabhängig gewähnt, daß wir jede vernünftige und gerechtfertigte Einsprache der Großmächte fast mit Hohn beantworteten und günstige Umstände benutzten, die österreichische Regierung selbst zu einem verfaffungswidrigen Zugeständniß hinsichtlich ihrer jüdischen Staatsbürger zu zwingen — wie können wir verlangen, daß dieselben Großmächte jetzt unsere Einwendungen beachten sollen?! Mögen sie sich endlich zum Bewußtsein bringen, daß eiue gerechte Vergeltung durch die Völkergeschichte geht, und auf der einen Seite gestraft wird, was auf der anderen verbrochen worden. Bonn, 31. März. (Notizen.) Herr W. D. Abrahamssohn in Esens schreibt uns, daß am 2. März d. I. die dortige israelitische Gemeinde in ihrer stattlichen Synagoge das fünfzigjährige Bestehen derselben feierlich begangen hat. Der Landrabbiner Herr vr. Buch holz aus Emden hielt die Weihepredigt in erbaulichster und ergreifendster Weise vor dem außerordentlich zahlreichen Publikum, von dem ein Theil selbst weit von dem Eingang dem sehr vernehmlichen Worte des Redners lauschte. 14