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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-02 · Heft 14 (2.4.1878) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 14 (2.4.1878)
Date
1878-04-02
Page
Seite 211 (sequence 3)
Language
German
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211 nischen, germanischen und slavischen. Der Kampf um die Suprematie zwischen den. Romanen und Germanen wahrte viele Jahrhunderte; sie war abwechselnd bei dem deutschen Reiche, bei Spanien in der Verbindung mit Oesterreich und bei Frankreich. Noch heute ist dieser Kampf zwischen Deutschland und Frankreich nicht zum Abschluß gekommen. Da erhebt sich die slavische Race, um diese Suprematie in Anspruch zu nehmen. Sie ist für Europa um so bedrohlicher, als noch Masten slavischen Volkes dem österreichischen und zu geringeren Theilen dem preußischen Staate angehören. Die historische Entwickelung giebt allerdings noch geringere Aussicht, daß sich die Polen Oesterreichs und Preußens der panslavistischen Bestrebungen anschließen werden. Desto geneigter sind die Czechen und die zahlreichen südslavischen Stämme, die jetzt unter österreichischem Scepter stehen. Gegen diesen Koloß bieten die Magyaren und Rumänen an der Seite der Germanen keine große Aushülse, noch dazu, da die Lage der Rumänen sie allzusehr der russischen Herrschaft preisgiebt. So steht für die Zukunft die Suprematie Rußlands höchst bedrohlich, zunächst für die Germanen da, welche, wenn sie mit jener in Kampf gerathen, von Seiten der Romanen, besonders der Franzosen keine Unterstützung zu hoffen haben. Man braucht hierbei noch gar nicht an ein Unterliegen der germanischen Staaten zu glauben; man kann immerhin die Schwächen, die dem slavischen Riesen anhasten, in volle Rechnung bringen — dennoch muß man sich klar sein über die großen Kämpfe, die aus diesem Conflicte unvermeidlich sind, und wird diese an sich selbst für höchst bedauerlich und gefährlich erkennen. Daß aber Rußland durch die Zertrümmerung des türkischen Reiches in dieser panslavistischen Bereinigung unter feine Fahne einen großen Schritt weiter gethan, und gerade dadurch dem Oriente ein viel größeres Gewicht gegen den Occident verschafft hat, als dieser durch das längst schwache Reich der Osmanen besaß, muß auch dem blödesten Auge ersichtlich sein. Und dies war es auch, was so viele einsichtsvolle Männer bei dem Beginne des Krieges auf die Seite der- Türkei stellte. Es war keine eigentliche Feindschaft gegen Rußland und am wenigsten eine Vorliebe für die Türken. Diese haben vor einem halben Jahrtausend die Balkan- und Donauländer mit dem Schwerte erobert; sie haben sie durch das Schwert beherrscht und so ist es nur eine einfache Vergeltung, daß sie durch das Schwert aus Europa verjagt werden, nachdem das ihrige schartig und die Faust, die es führte, schwach geworden. Aber die unabsehbaren Verwickelungen und Gefahren, die für ganz Europa aus der Vernichtung der Türkei entspringen müßten, ließen dieselbe nicht wünschenswerth erscheinen. Wahr ist es, daß die Türken alle verheißenen Reformen nicht ausführten, daß sie alle ihre seit 1840 erlaffenen Haitischerifs und Hat's unverwirklicht ließen; jetzt aber hatte die Nothwendigkeit so stark an die Pforte geklopft, hatte diese gezwungen, die europäische Staatsverfaffung einzuführen, daß man der Türkei eine Frist gönnte, um vor den Augen Europas zu erweiseiz, daß sie doch zu einer europäischen Regierung und Verwaltung befähigt sei. Man kann nicht behaupten, daß dieser Versuch an sich gescheitert sei. Hierzu kam, daß die zu befreienden Stämme auch nicht die geringste Bürgschaft geben, es werde in ihrem Schooße eine humane stattliche Ordnung eintreten, und nicht Bedrückung und Verfolgung nur um so mehr ihr blutiges Spiel treiben. Diese Gründe rechtfertigen denjenigen Theil der öffentlichen Meinung in Europa vollständig, welcher jetzt durch die Wucht der Thatsachen besiegt ist, ohne als Meinung bementirt zu sein. Die orientalische Frage ist durch dieses weltgeschichtliche Ereigniß erst recht zu einer europäischen geworden, deren zukünftige Lösung ganz andere Schlachtfelder haben wird! Wie dem nun auch sei, die Wünsche aller unparteiischen Politiker müsien sich darin vereinigen, daß es dem in Aussicht genommenen Congreffe gelingen möge, die Verhältniffe auf der Balkanhalbinsel in einer Weise zu ordnen, um wenigstens für eine längere Zeit dauernd sein zu können und den Forderungen ver Civilisation und Humanität in einem möglichen Grade zu entsprechen. Daran knüpfen sich auch die Jntereffen unsrer Glaubensgenosien in Rumänien, Serbien «nd besonders der Bulgare!. Daß daher die Alliance israelile, die Anglo Jewisli Association und die Wiener Allianz bei ihren resp. Regierungen zu bewirken suchen mögen, baß ihre Vertreter im Congreffe eine Ordnung für die Stellung und Behandlung der nichtchristlichen Bewohner nach den Grundsätzen res modernen Staatslebens durchsetzen, ist allerdings nothwendig, um der Pflicht zu genügen. Große Hoffnung knüpfen wir selbst an die Erfüllung derartiger Gesuche seitens des Congreffes nicht. Wie Rumänien uns gelehrt hat, kehren sich dergleichen Staaten an eingegangene Verträge wenig und ebenso wenig an diplomatische Einsprachen. Diejenige Macht, welche in demselben einen entscheidenden Einsiuß ausüben wird, hat, wie die diplomatischen Actenstücke lehren, sich immer geweigert, zu Gunsten der Juden zu interveniren. Wir hallen deshalb eine Zeit lang die Ansicht, daß es am rathsamsten sei, daß unsre Glaubensgenoffen die Bulgarei möglichst verlaffen mögen. Wir hatten hierbei die eigentliche Bulgarei im Sinne, in deren Innerem die Anzahl unserer Glaubensgenoffen nicht groß ist. Bei der großen Ausdehnung aber, welche der Friede von San Stefano der Bulgrrenherrschaft gewährt, ist die factische Sachlage eine ganz andere. Wir erhalten hierüber eine Correspondenz aus Gal atz, aus welcher wir den betreffenden Theil hierherstellen: „In Neu - Bulgarien giebt es nunmehr sehr viele Israeliten. Längs des ganzen Donauufers von Widdin, Nicopolis, Rustschuk, Furtukai, Silistria, Czernaroda, Malschin, Jsaktscha, Fultscha bis Sulina, dann in den Häfen des Schwarzen Meeres Kustendje, Varna, Burgas, kenne ich persönlich jüdische Kaufleute, darunter manche mit sehr bedeutendem Vermögen, auch giebt es im Innern des Landes, besonders in den größer» Ortschaften, wie Sophia, Philipopel rc. viele unserer Glaubensgenoffen. Sollen nun all' diese Haus und Hof verlaffen und gutwillig die Segel 14*

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