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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-04-02 · Heft 14 (2.4.1878) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 14 (2.4.1878)
Date
1878-04-02
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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210 tausendjährigen Kampfes nahes Ende erweckt wohl unsere Theilnahme zu einer näheren Betrachtung. Der eben vor sich gegangene Sturz der Türkei hat ein religiöses, ein nationales und ein politisches Jnteresie. Der Islam wird hierdurch auf Asien und Afrika beschränkt, während das Christenthum die übrigen drei Welttheile besitzt. Im Grunde bedeutet dies nur eine kleine geographische Vergrößerung für das letztere. Denn Christenthum und Islam können sich gegenseitig nichts abgewinnen. Sie sind den Völkerschaften, die ihnen angehören, so in das Blut gesenkt, Laß keine derselben ihrem Glauben zu Gunsten des anderen abtrünnig wird. Der Islam, weil die hochcivilisirten Völker christlich sind, hat Len Bortheil, Len halbcivilisirten Völkerschaften näher zu stehen und vermag daher unter diesen sich auszubreiten, wie dies unter den Brahminen, den Chinesen, und den Fetischanbetern von Jnnerafrika in reißendem Maße der Fall ist, während Liese dem Christenthume durchaus Widerstand leisten. Vorläufig kann man nicht einmal sagen, daß in religiöser Beziehung durch die Befreiung der christlichen Nationalitäten an der unteren Donau und in der Balkanhalbinsel vom türkischen Joch ein Fortschritt geschieht. Denn nach Len Berichten unparteiischer christl. Neisendeu steht das Christenthum der Rumänen, Serben, Montenegriner, Bulgaren und Armenier auf einer so niedrigen Stufe, ist dermaßen entstellt und paganisirt, daß es dem Islam gegenüber auf Vorzüge nicht pochen darf. Es müßten diese Völker erst eine große geistige Umwälzung erfahren, bevor man sie mit den europäischen Nationen in religiöser Hinsicht auf eine Stufe stellen könnte. Das religiöse Jnteresie ist daher bei dem Ausgange und Erfolge des jüngsten Krieges factisch nur wenig betheiligr, da die Waffen des Islam schon längst ausgehört harren, dem Christenthume gefährlich zu werden, und desien eigentlicher Heerd stets Asien und Afrika waren. Bedeutender ist das zweite Moment, bas nationale. Der Grundsatz, daß jede bedeutendere Nationalität selbstständig und unabhängig sein soll, erhält durch die Siege der russischen Waffen eine gewisie Befriedigung. Die Rumänen, Serben und Montenegriner sollen frei werden von dem letzten Schein türkischer Oberhoheit, und die Bulgaren in einen gleichen Zustand versetz! werden, während daS Schicksal Bosniens und der Herzegowina noch fraglich ist, indeß bereits stark nach derselben Linie neigt. Freilich ist hiermit die Angelegenheit noch lange nicht geordnet. Wenn mir auch die Befähigung dieser Nationen, autonom zu sein, und sich selbst zu verwalten nicht bezweifeln wollen; sie mögen immerhin sich in dieser Beziehung schnell von der tiefen Stufe emporraffen, zu der sie herabgesunken. Allein ihr geschichtliches Erbe giebt ihnen keine geographischen Grenzen. In der Bulgarei, wie sie jetzt abgegrenzt werden soll, wohnen Serben, Türken und zwei Millionen Griechen. Die Erfahrung lehrt, daß unter solchen Umständen Herrschaft und Knechtschaft nur wechseln, daß sich die unterdrückten Nationalitäten bald zu scharfer Opposition erheben, und daß somit diese unglücklichen Länder noch lange Zeilen der Schauplatz blutiger nationaler Kämpfe sein werden. Die Montenegriner z. B. werben darum ihr Räuberhandwerk nicht aufgeben, weil ihre Nachbarn nicht mehr von den Türken beschützt werden, sondern sich selbst beschützen müffen. Bei derartigen Völkerschaften können die Grundsätze bürgerlicher Gleichstellung um so weniger Wurzel fasien, als ihre Existenz auf die Nationalität sich stützt. Am schlimmster? muß es den türkischen Bewohnern der letztgenannten Länder ergehen. Die Geschichte lehrt, daß das Christenthum das Vorhandensein einer mohammedanischen Bevölkerung nicht duldet. Nicht blos in Spanien, auch in Griechenland , Rumänien, Serbien, Montenegro sind die mohammedanischen Bewohner verschwunden, während die türkische Herrschaft nach der Eroberung die christlichen Stämme bestehen ließ, wenn sie ihnen auch ein Harles Joch auferlegte. Es verlautet zwar in den Zeitungen, daß in den Friedensbestimmungen Vorsorge für die Sicherheit der türkischen Anwohner in dem neuen Staate getroffen worden. Auch wird wohl der Congreß, wenn er Resultate hat, einige Paragraphen hierüber nieverschreiben. Wir wisien aber aus Erfahrung, daß dergleichen Klauseln wenig Schutz gewähren. Wie überall, wo gemischte Nationalitäten wohnen, wird daher das Princip der Nationalität auch hier seine dunklen Schatten werfen, und gerade seine Befriedigung viele unfriedliche Zustände schaffen. Um so eminenter ist das politische Moment. Allerdings wurde von Rußland die Befreiung der Christen als eigentlicher Beweggrund angegeben, um deffentwillen es das Schwert ziehe. Und man kann nicht verkennen, daß dieses Motiv in zahlreichen Gemüthern in Europa einen Wiederhall fand, was bei der gegenwärtigen, in religiöser Beziehung gereizten Stimmung erklärlich ist, besonders war dies in England der Fall und giebt uns den Schlüsiel zu der eigenthümlichen Politik, die letzteres befolgte. Allein die Kriegserklärung Rußlands ist zu sehr die Consequenz seines 200-jährigen politischen Gedankens, die Zwecke religiöser Befreiung liegen ihm sonst so fern, und die politischen Erfolge seiner Siege sind so groß, baß wir von jener proclamirten Tendenz absehen müffen, noch dazu, ca man sonst nicht zu erkennen vermöchte, warum es die griechischen Christen von seinem Befreiungswerke ausgeschlosien hätte. Auch ließen es die panslavistischen-Wortführer an Offenheit nicht fehlen. Es gelte, alle slavischen Stämme selbstständig zu machen, entweder sie dem Czaarenreiche cinzuverleiben, oder vorläufig unter Rußlands Führung zu einer immensen slavischen Macht zu vereinigen. Dies ist es denn auch, was Rußland erreicht hat. Denn diese kleinen Staaten, an und für sich der Existenzkraft beraubt, untereinander und in ihrem Inneren in schwierigster Lage, bedürfen der russischen Obmacht und sind ihr so preisgegeben, daß sie durchaus von Rußland abhängig sind. Und hierin liegt die eminente politische Bedeutung, welche dem Sturze des türkischen Reiches einwohnt. Europa wird von drei Racen oder Völkerfanulien bewohnt, der roma-

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