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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-03-26 · Heft 13 (26.3.1878) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 13 (26.3.1878)
Date
1878-03-26
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 Wahrheit und Recht, jedes andre Mittel als die Ueberzeugung, die aus der Wahrheit fließt und in ihr mündet, widerspricht dem Geiste Gottes. Dies ist der alleinige Maßstab für alle die vielen „Gott will eS!", die durch die Menschengeschichte tönen, für alle die herrschsüchtigen, habgierigen, persönlichen Zwecke, welche die Maske der „Wahrheit und des Rechtes" vornehmen, für alle die gewaltthatigen Mittel, die für Wahrheit und Recht vergeblich spielen sollen — die da schreien und stürmen, die da geknicktes Rohr zerbrechen und verglimmenden Docht verlöschen, sie sind baar der göttlichen Geistes, sie sind von Gott verworfen. Sie sind es ja, welche die Völker binden und knechten, gefangen und in der Blindheit erhalten wollen! Jemehr zur Erreichung auch der höchsten Ziele nur sittliche und geistige Mittel angewendet und alle äußerlichen Angriffsweisen vermieden werden sollen, desto größer muß hingegen die Widerstandskraft des gottbegeisterten Kämpfers für Wahrheit und Recht sein. Der Prophet spricht (50, 4 rc.): „Der Herr, der Ewige, gab mir die Zunge der Jünger, zu wiffen den Müden mit Worten zu stärken, er wecket am Morgen, am Morgen weckt er das Ohr mir, zu verstehen wie die Jünger. Der Herr, der Ewige, öffnete mir daS Ohr, ich aber widerstrebte nicht, zurück nicht wich ich. Meinen Rücken gab ich den Schlagenden Preis, meine Wange den Raufenden, mein Angesicht entzog ich nicht der Schmähung und dem Anspei'n. Aber der Herr, der Ewige, stehet mir bei, darum ward ich nicht zu Schanden, darum macht' ich mein Antlitz wie Kiesel, da ich weiß, daß nicht zu Schanden ich werde. Nah' ist, der mir Recht schafft!"4) Wer für die Gotteslehre in den Kreis der Menschen tritt, wer Recht und Wahrheit im göttlichen Sinne auf Erden zu begründen sich hingiebt, wer ungescheut, ohne Furcht und ohne selbstische Zwecke seine innerste Ueberzeugung geltend machen will, der hat sich eines harten Kampfes zu gewärtigen, und weder vor den schmerzlichsten Schlägen, noch vor der kränkendsten Schmach zurückzuschrecken. Ihn darf von seinem Wege keine Bedrängniß verscheuchen, noch daß er verkannt, geschmäht und mißhandelt wird. Ob allem dem muß er unerschütterlich fest in seinem Streben, in seiner Lehre, in seinem Wollen und Thun sein. Es wäre irrig, wenn man aus V. 6 den Schluß ziehen wollte, als ob er die Gelegenheit der Demüthigung und Peinigung aufsuchen sollte — dies sagt der Prophet nicht, wohl aber, daß er davor nicht zurückweichen, entfliehen oder gar die Wahrheit verleugnen dürfe. Auch die Beispiele der bittersten Verfolgung solcher Männer, die für das Wohl der Menschheit, für die von ihnen erkannte Wahrheit, für den Sieg des Rechtes strebten und stritten, sind auf die Tafeln der Weltgeschichte oft genug eingeschrieben. Aber nirgends ist diese erhabene Erscheinung menschlicher Seelengröße zutreffender gezeichnet als durch die Worte unsres Propheten. Und woher fließt nun diese 4) Der Prophet hebt die Bedeutung dieses Ausspruches, indem er die einzelnen Sätze B. 4. 5. 7. 9, mit rnrr ■'ps anhebt, was sonst hier nicht der Fall. oft übermenschliche Kraft des Widerstandes, wo der Schwache dem Starken, der Einzelne der Menge, der Unscheinbare dem Glanze und der irdischen Machtentfaltung gegenübersteht? Aus zwei Momenten; zuerst weil die Quelle, aus welcher der Verkünder der Wahrheit schöpft, in der innersten Tiefe seiner Seele liegt, den Inhalt und die Richtung seines Strebens immer nur aus dem Schooße seiner begeisterten Seele zieht, weil nicht Berechnung, und äußere Berhältniffe seinen Beruf bestimmten, sondern dieser ihm von innen heraus geworden, er dazu von Gott geweckt und beseelt wurde. Dies ist es, womit der Prophet mit Recht seinen Ausspruch beginnt (V. 4), denn hierin ist allerdings das rechte Motiv für alles Thun und Schaffen im Dienste der Wahrheit enthalten. Alsdann aber das unerschütterliche Vertrauen auf Gott, die Zuversicht, daß unter seiner Fügung dem Rechte zum Siege verholfen wird, diese Zuversicht, die den Kämpfenden auch unter den drohendsten Gefahren nicht wanken läßt, und die ihm jene Todesverachtende Gewißheit in der Seele erhält: die dir entgegenlreten „Siehe, Alle zerfallen wie Gewand, die Motte verzehrt sie!" (V. 9). Mit dieser lautern Berufsüberzeugung und mit diesem Goltvertrauen ausgerüstet, vermag der Wahrheitsstreiter alle Unbille zu bestehen, die ihn treffen werden. Doch noch einen weiteren Schritt thut der Prophet in der vierten Rede des zweiten Abschnittes (52, 13—53, 12). Der Gottesstreiter hat nicht blos zeitweise schwere Schäden zu ertragen, sondern er erleidet auch eine völlige Niederlage, in welcher er erdrückt und auf immer niedergeworfen scheint. Doch dann gerade ist ihm die Wiedererhebung gewiß, es naht sich für ihn die Erlösung, der Sieg; jemehr er erniedrigt worden, desto mehr wird er erhöht, desto überwundener erscheinen die feindlichen Mächte, desto mehr verstummen die Gegner — und hierdurch erfüllt sich das Geschick nach Gottes Rathschluß. Durch diese Erhebung des so Tiefgebeugten würden den Menschen die Augen geöffnet, sie erkennen die Wallung Gottes, sie erkennen die Wahrheit und das Recht, und in dem Siege dieser wird es offenbar, daß jener Gottesstreiter das Werkzeug Gottes, sein Leiden das Mittel war, um die Menschheit zur Gotteserkenntniß, zur Wahrheit und zum Rechte zu bringen. Man sieht hieraus, daß der Prophet vom höchsten Standpunkte ausgeht, nämlich von der Solidarität aller Völkergeschicke, von der Einheit aller Geschichte der Menschheit, in welcher Kampf, Niederlage und Sieg immer im Dienste des Ganzen vor sich gehen, immer mit erzielter Wirkung auf das Ganze. In diesem Ganzen findet denn auch die Ausgleichung der göttlichen Gerechtigkeit statt, so daß Leid und Lohn, Verdienst und Anerkennung sich gewiffermaßen compensiren, und die von vielen Erklärer» hier aufgeworfene Frage, wie Einer leiden solle für Andere, unstatthaft ist. Allerdings hat der Prophet hier zunächst das Volk Israel im Auge. Dieses, seiner Freiheit, seines Landes und seiner Güter beraubt, decimirt, in der Gefangenschaft zerstreut, als Volk scheinbar tvdt, an sich klein und verachtet, jetzt unter die götzendie- I nerischen Nationen geworfen, soll doch wieder hergestellt, erhöht,

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