Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1878)
- Date
- 1878-03-26
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 der Kanonen brachle, und die Südstaaten der nordamerikanischen Union waren es, welche die Sklavenfrage mit brudermörderischen Waffen lösen wollten. — Lassen wir nun diese weltgeschichtlichen Ereignisse vor unsren Augen defiliren. Die Verwandlung aller Staaten Mittel- und Westeuropas in constitutionelle mit der Gleichheit vor dem Gesetze, Gleichberechtigung aller Confessionen, Preß- und Bereinsfreiheit, selbstverständlich unter gesetzlichen Bürgschaften, ja in einem großen Theile mit dem allgemeinen Stimmrecht; die Umwandlung Frankreichs in eine allmalig sich consolidirende Republik und der Schweiz in einen Bundesstaat mit Centralgewalt; die Vereinigung aller italienischen Staaten zu einem Königthume mit der Aufhebung des Kirchenstaates, während zugleich die römisch-katholische Hierarchie ihren Aufbau durch das Unfehlbarkeilsdogma und den Syllabus vollendete; die Herstellung res deutschen Reiches unter Preußens Führung mit deutschem Reichstage und Bundesrath; die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland; die Vernichtung des Sklaventhums in den Vereinigten Staaten; die Ausschließung Japans und Chinas für alle Völker; die Unterwerfung Mittel-Asiens unter Rußland; die Zerstückelung des türkischen Reiches und die Errichtung neuer Staaten in den Donauländern und der Balkanhalbinsel! Wer diese Thatsachen überblickt, kann sich der Bewunderung so vieler Energie, so gewaltiger Thatkraft, so erstaunlicher Gestaltungskraft, so schneller Entwickelung nach der Logik der Facten nicht entziehen. Er muß sich bewußt werden, daß in allen diesen Vorgängen eine innere geistige Umwälzung ausgesprochen liegt, die, möge sie sich auch noch so lange vorbereiter haben, doch mit ruhmwürdiger Energie und Elasticität in die Erscheinung trat, und alle Hinbernisie theils abtrug, theils zertrümmerte. Derjenige, welcher am Tage klebt, der nur das augenblicklich Geschehene in's Auge faßt, dem deshalb die Opfer, welche jede Errungenschaft kostet und die Schwächen und Schatten, die ihr noch anhaften, empfindlich sind, kommt leicht dazu, auch das Größte, was vor seinem Angesicht geschieht, zu mißachten oder doch falsch zu beurtheilen. Anders jedoch, wenn wir den Lauf der Begebenheiten durch einen längeren Zeitraum beobachten, und die ganze Kette in die Hand nehmen, deren einzelne Glieder dann ihre rechte Stellung und Bedeutung gewinnen. Die meisten der angeführten Facten, jedoch nicht alle — mußten aus sich selbst eine neue Entwickelung mit neuen Schwierigkeiten und Kämpfen hervorbringen. Man gestaltet den Staat nicht um, ohne eben in eine neue Bahn einzutreten. Man errichtet kein deutsches Reich, ohne tausend fragliche Beziehungen nach Innen und Außen zur Frage zu bringen; man stürzt keinen tausendjährigen Kirchenstaat, ohne in zahllosen Gemüthern den Widerstreit anzufachen; man gründet keine französische Republik ohne sich immer wiederholenden Kampf der widerstrebenden Parteien; man zerstückelt nicht ein osmanisches Reich, daS seit mehr als einem Jahrhundert sich nur noch durch die Rebenbuhlerei der europäischen Mächte erhielt, ohne daß diese eine Regelung nach ihren Wünschen und Jntereffen suchen. Thöricht wäre es aber, aus allen solchen Streitfragen die Folgerung zu ziehen, daß unser Geschlecht irgend welche vollständige Lösung nicht zu schaffen vermöge. Jede Ursache hat ihre Wirkung und diese muß erst ausgetragen werden. Und dann? Ist von den meisten der angeführten Thatsachen auch nur der Gedanke möglich, den 8tstus quo ante wieder herzustellen? Gewiß nicht. Wäre es, auch was die inneren Fragen betrifft, möglich, den Absolutismus, die Censur, die Leibeigenschaft, das Sklaventhum wieder einzuführen, die Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung wieder abzuschaffen? Nimmermehr! Uno so ist es allerdings unsrem Geschlechts gelungen, in verhältnißmäßig doch so kurzer Zeit, daß ein Menschenleben sie umfaßt, der Neugestaltung des Staats- und Volkslebens ein festes Fundament zu begründen, auf welchem unerschütterlich die Zukunft sich aufbaul. Auch das ist nicht zu verwundern, daß wahrend solcher Bewegungen, Erschütterungen, Kämpfe und Zuckungen eine Reihe von Fragen trotz ihres hohen Werthes nicht zur Entscheidung gelangen konnten. Die öfteren Krisen, der wechselnde Aufschwung und Niedergang gestatteten dies nicht. Aber der Anlauf dazu ist immerhin geschehen. Die Frage über das richtige Verhältniß zwischen Staat und Kirche, über Handelsfreiheit oder Schutz, über das rechte Besteuerungssystem, die sg. sociale Frage, d. i. das richtige Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerober der Antheil an den Erträgniffen der Production, sie sind Streitelemente, deren Ausgleich noch der Zukunft Vorbehalten ist. Aber wo so Vieles gelungen, wo so Großartiges erreicht ist, können wir dieser Zukunft vertrauen, ohne irgend zu optimistisch zu sein! Verweilen wir nun noch einige Augenblicke bei dem letzten jener großen Ereigniffe, das sich in den jüngsten Tagen vor unsren Augen abspielte. _ Die Iesaianische Moral. IV.') Wenn der Prophet des Exils in Israel nicht blcs den Träger der Gotteslehre für die ganze Menschheit erblickt, sondern auch das Werkzeug der göttlichen Vorsehung und Vergeltung, um sowohl durch fein Wirken als auch durch seine Leiden die Völker von der Wahrheit und dem Recht zu überzeugen und auf diesem Wege der freien Ueberzeugung und der Entwickelung zu dieser die Einheit aller Nationen in der Gotteserkenntniß und dem Gottesfrieden zu erzielen 2) — so ist es selbstverständlich, daß er 1) S. Nr. 50 deS vor. Jahrg., Nr. 6, 12 d. I. 2) Nur aus dem, viele Erklärer beherrschenden Drange, etwas Besonderes selbst da zu finden, wo der einfache Sinn dem Unbefangenen keine Schwierigkeiten bietet unv die Logik das Richtige von selbst an die Hand giedt, ist es erklärlich, wie man in diesen Reden über die Bedeutung des ’t-, nar „des Knechtes des Ewigen" zweifelhaft sein konnte und die verschiedensten Auslegungen machte.