Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-03-19 · Heft 12 (19.3.1878) · p. Seite 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 12 (19.3.1878)
Date
1878-03-19
Page
Seite 188 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227190--36116-3306131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

188 volle Führer mit seinem Volk in siegesgewiffer Freudigkeit an ihnen vorüberzieht. Zu früh brach des Meisters Kraft an einer geisteszerstörenden Krankheit, und das große, reiche Material, welches uns hier geboten wird, läßt uns doppelt die schnelle Vernichtung eines solchen Geistes beklagen. .1.. C. Feuilleton. Etwas über Las GeLachtrnß, besonders Las kurze. Die Erfahrung lehrt, daß Stärke oder Schwäche des Gedächtnisses mit zu den angeborenen Anlagen des Menschen gehört. Verschieden zeigt sich dieses Geistesvermögen bei allen Menschen, wie eben auch die anderen Fähigkeiten unserer Seele. Aber es erweist sich auch nicht selten insofern selbstständig, als es bei sonst mittelmäßigen Geisteskräften eine außergewöhnliche Stärke erlangt hat, und ebenso das Gegentheil. Demungeachtet bewährt es sich in der Erfahrung nicht minder, daß das Gedächtniß dasjenige Vermögen ist, welches der Entwickelung vielleicht am meisten fähig ist, so daß es aus geringeren Keimen eine riesige Entfaltung erlangen kann. Eine andere Seite ist, daß sich das Gedächtniß meist vorzugsweise nach einer bestimmten Richtung entwickelt, so daß der Eine ein vorzügliches Sach-, ein Anderer ein eminentes Zahlen-, und dritter ein ungewöhnliches Orts- oder Namensgedächtniß besitzt. Ebenso verschieden ist das Gedächtniß in den Lebensaltern des Menschen. Während es in der Kindheit und noch in der Jugend rem Tone gleicht, der auf's leichteste vielfältige Eindrücke aufnimmt und bewahrt, wird es im Greisenalter hart wie Stein, und schnell gehen die Vorstellungen vorüber, ohne eine nachhaltige Spur zu hinterlaffen. Es ist schon oft bemerkt worden, daß der Geist des Greises gern in die Vergangenheit zurückschaut, und da wird man oft in Erstaunen gesetzt, mit welcher Sicherheit weit zurückliegende Erscheinungen, Situationen, Persönlichkeiten mit allen ihren Umgebungen und Besonderheiten das Gedächtniß des Geistes reproducirt, während ihm, was gestern geschehen, die Namen, die ihm vorgestern genannt wurden, die Personen, die er vor einigen Tagen kennen gelernt hat, schnell wieder entfallen. Im Einzelnen ist das Gedächmiß abhängig von der Stärke des Eindrucks, den eine Anschauung, eine Empfindung oder ein Gedanke auf uns gemacht hat, und da ist es merkwürdig, wenn auch erklärlich, daß das Angenehme und Freudige viel schwächer als das Schmerzliche und Erbitternde eindringt. Darum gedenken wir in der Regel der Freuden und wahrhaften Genüße weniger und minder lebhaft, als der Leiden und Unglücksfälle; darum sind wir meist sehr vergeßlich für Wohlthaten, während Beleidigungen und uns zugefügte Nachtheile sich tief in unsre Seele einnisten. Einen sehr sinnigen psychologischen Satz finden wir Men. 43 I> ausgesprochen: rr'rar **-pb rvroT rrvri •ni? nernra rr-<a«“i. „Das Sehen führt zur Erinnerung und die Erinnerung führt zur Handlung". Wir können uns diesen Satz verschiedentlich auslegen. Keine Beschreibung giebt uns eine so sichere und bleibende Vorstellung wie das Sehen. Ein Blick auf einen Gegenstand, eine Person prägt uns das Bild auf's Schärfste ein, gewährt uns eine vollständige und das Charakteristische ergreifende Auffassung. Diese wird uns bann von der Erinnerung lebhaft vorgeführt und hierdurch wieder wird unser Thun und Lasten bestimmt, während ein oberflächliches Gedenken rasch wie eine Welle unter dem Sonnenstrahl aufblitzt und vorüberrauscht. Hiernach wäre obiger Satz eine Bekräftigung der Anschauungstheorie in der Erziehungslehre. Andererseits prägt er in einfacher Weise die Jdeenverbindung und deren Gang in unsrem Geiste aus. Gewahren wir etwas, so bringt es uns den Gegenstand und sein ganzes Berhältniß zu uns in die Erinnerung, und dies wird wieder zur Triebfeder unsres Verhaltens, unsres Thuns und Lastens. Hierbei ist das Spiel des Gedächtniffes ein ganz wunderbares. Oft rührt ein nebensächlicher Zug eine ganze Reihe von Vorstellungen und Empfindungen in uns auf, wischt im Nu allen Staub der Vergestenheit hinweg und giebt uns die mächtigsten Gefühle, die klarsten Gedanken aus längstvergangener Zeit zurück, die uns in unsren Urtheilen und Entschlüßen rasch bestimmen. Der schwache Sterbliche hat keine Ahnung davon, wie viele Fäden die Fügung in ihrer Hand hält, an die sich seine Entwürfe und Handlungen knüpfen! Doch kehren wir zu den einfachen Lebenserfahrungen zurück. Es wäre manchmal recht gut, wenn wir ein kurzes Gedächtniß hätten. Denn sowie heilsame Erkennmiste und nützliche Erfahrungen, werben auch Jrrthümer und Vorurtheile von einem guten Gedächtniffe bewahrt und auf die Tafel unsrer Seele aufgetragen, von der die letzteren bester auf immer verschwunden wären. Hätten wir ein kürzeres Gedächtniß für Beleidigungen und Schäden, die uns zugefügt worden, so würde sich unsre Seele nicht allein leichter zur Versöhnung, zum Vergeffen und Vergeben neigen, sondern wir würden auch vor der Fortsetzung von Feindseligkeiten geschützt, die uns doch nur unbequem und sehr nachtheilig sind. Wir würden dann in unsren Urtheilen weniger von selbstsüchtigen Gesichtspunkten befangen sein, und daher die Dinge und Verhältniste richtiger auffasten. In anderen Fällen bringt ein kurzes Gedächtniß vielfachen Schaden. Der jüdische Volkswitz sagt: „Ein Lügner muß ein gutes Gedächtniß haben", was im Jargon eine hübsche Paronomasie giebt. Ganz besonders kurz ist das Gedächtniß der Menge für Wohlthaten und Verdienste eines Menschen. Die geringste Handlung destelben Mannes, die ihr nicht zusagt, stimmt ihre Meinung um und läßt sie heute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.