Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1878)
- Date
- 1878-03-19
- Page
- Seite 187 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Aper?uS, originellen Einfällen und pikanter Sprache. Hingegen hat er sich gewiffe Ideen gebildet, die er für absolut wahr halt, obschop sie meist unschwer zu widerlegen sind, auf die er dann sein Gebäude syllogistisch aufführt und dies als unerschütterlich ansieht. Die Folge ist, daß man ihn gern liest, sehr richtige Bemerkungen bei ihm findet, dennoch aber überzeugt bleibt, daß der Verfasser nur aus seinem Wege zum vermeintlichen Ziele gelangt ist. All dies findet sich auch in der vorliegenden Schrift. Wir wollen nur ein Beispiel anführen. Ein Gedanke, der bei Herrn Weill oft wiederkehrt, und den er als einen Fundamentalsatz behandelt, ist, daß Recht und Pflicht verschiedene, ja entgegengesetzte Dinge seien, daß das Recht eigentlich gar nicht existirt, sondern nur die Pflicht. Er theilt daher die Menschen in Rechtsmenschen (äi-oüistes) und Pflichtmenschen (ckevoirisles). „Die einen wollen ihre Rechte genießen, ohne vorher ihre Pflichten zu erfüllen, die anderen erfüllen ihre Pflichten, um die Rechte iü) aller Wesen und gegenseitig die ihrigen zu sichern" (i>. louj. Man sieht leicht ein, daß der Satz durchaus falsch ist. Pflicht und Recht sind identisch, sind an derselben Thatsache nur die Bezeichnung der beiden Seiten derselben. Wenn ich Jemandem etwas leihe, so erlange ich dadurch das Recht, es wieder zu fordern, und der Andere die Pflicht, es wieder zu geben. Wenn ich die Mittel besitze, so ist es meine Pflicht, einem Hülfsbedürftigen Hülfe zu leisten, und es ist das Recht des Letzteren, diese Hülfe von mir zu fordern. Ohne Recht also keine Pflicht, ohne Pflicht kein Recht. Das Recht ist die Forderung, die Pflicht die Erfüllung. Falsch ist es auch, wenn er behauptet (p. 108) „Niemals verkündet Moses ein Recht", er sagt kurz: Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht ehebrechen u. s. w. Aber schließen die Worte „Du sollst nicht stehlen" nicht zugleich die Anerkennung des Rechtes des Eigenthumes ein? Besagen sie nicht: erkenne das Eigenthumsrecht Deines Nächsten an, und verletze es nicht? Wenn Proudhon sagt: „Eigenthnm ist Diebstahl," wenn die Specialisten das Eigenthumsrecht nicht anerkennen, so erkennen sie in Folge deffen auch keine Pflicht an, das Eigenthum nicht zu verletzen. Und so verhält es sich auch mit allen anderen Geboten. Wenn Moses sagt: Den Ertrag an den Ecken Deines Feldes überlaffe dem Fremdling, der Wittwe und der Waise, so schloß er nicht bloß die Verpflichtung ein, jene nicht abzuernten, sondern auch das Recht des Fremden, der Wittwe und der Waise, zu dem Felde zu kommen und die Ecken abzuernten. Auch wird neben der Festsetzung der Pflicht (ms») aller Orten auch die Festsetzung des Rechts (a^rrsn:») aufgeführt. Wenn der Berfaffer diejenigen „Rechtsmenscheu" nennt, die bloß Rechte genießen wollen, ohne Pflichten zu erfüllen, so hatte er eben damit keine sittlichen, sondern gewaltthätige Menschen bezeichnet, und dies kann auf die begriffsmäßige Behandlung der Moral keinen Einfluß üben. Aehnlichen Paradoxen begegnen wir in dieser, wie in anderen Schriften des Autors, z. B. dem Kampf gegen die Sündenvergebung, als ob es außer der äußerlichen Thal und ihren Folgen nicht noch den Seelenzustand des Sünders gebe, der von diesen Folgen allein noch gar nicht berührt wird. Es beruht dies aber zugleich auf der Ansicht des Verfaffers, nach welcher er im Pentateuch zwischen dem unterscheidet, was von Moses und dem, was seiner Meinung nach von Esra herrühren solle, wo er dann das, was seiner demokratischen Anschauung entspricht, Moses, was ihm nicht damit zu harmoniren scheint, Esra zuschreibt. Dies läuft aus reine Willkür hinaus, und der Gedanke, daß der große Gesetzgeber keine demokratische Theorie aufstellen wollte, sondern auch mit gegebenen Berhältniffen rechnen mußte, liegt ihm völlig fern. Selbstverständlich geräth er dabei auf Widersprüche mit sich selbst. Weill meint, das echsjährige Miethsverhältniß, das an die Stelle der Sklaverei in der mosaischen Gesetzgebung gesetzt ward, sei ein Einschiebsel ESra's; hiernach hätte Moses seinem Gleichheitsprincipe zu Folge Diener und Mägde in Israel gar nicht dulden können. Nun führt aber der Verfaffer ganz besonders das Sabbathgesetz als mosaisch an (S. 108) und hebt gerade an ihm hervor, daß auch der Diener und die Magd am Sabbath ruhen soll. — Demungeachtet bietet die Schrift des Herrn Weill eine recht interessante Lectüre dar, und an bedeutenden Sätzen und deren logischer Ausführung fehlt es in ihr nicht. Potsdam, 1. Marz. (Kunst-Notiz.) Die photographische Gesellschaft in Berlin hat kürzlich eine Sammlung Photographien nach den Werken Alfred Rethel's herausgegebeu, zum Theil nach hinterlaffenen, noch nicht publicirten Zeichnungen deffelben. Alfred Rethel ist derjenige Maler der Düffeldorfer Schule, der sich aus dem träumerischen, lhrisch-zerfloffenen Wesen dieser Gemeinschaft zu genialer Gegenständlichkeit und kraftvoller Originalität durcharbeitete, der in der Historienmalerei den echt menschlichen Kern der Begebenheit zu fasten und herauszugeftalten verstand. Davon zeugt vor Allem sein größtes Werk, der Bildercyklus aus dem Leben Karl's des Großen im Rathhaus zu Aachen. Ein Theil der obengenannten Photographien dürfte besonders auch das jüd. Publikum interessiren. Es sind seine Zeichnungen von Begebenheiten aus dem alten Testament, die zu den originellsten gehören. Er macht sich frei von den hergebrachte» Typen und trägt nichts süßliches ober schwärmerisches in seine Gestalten. Er verkörpert das rein Menschliche der Vorgänge und führt sie dadurch unserm Herzen und Mitgefühl näher. Er hat am meisten Aehnlichkeit mit Holbein, in deffen Holzschnittfolge zum alten Testament, gleich jenem voll naiver Kraft und doch schwungvoll. In furchtbarer Klage redet z. B. zu uns das Bild „Hiob mit seinen Freunden", dann „Jakob, der den Tod Joseph'- erfährt". Das begeisterndste ist aber „der Zug Josua's durch den Jordan". Mitten im Fluffe haben die zwölf Männer mit der Bundeslade Halt gemacht, ruhig in unerschütterlichem Gottvertrauen stehen sie fest zwischen den zusammengeballten Wellen, während der kraft-